Autor: Simina Bãdicã
Erschienen in:
„Report. Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft in Zentral- und Osteuropa“, Juli 2008

Übersetzung aus dem Englischen: Ingrid Krauß

Dieser Text ist dem Katalog „Social Cooking Romania“ entnommen; herausgegeben von der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, 2007, in deutscher und rumänischer Sprache; erschienen zur gleichnamigen Ausstellung in der NGBK, Dezember 2007/Januar 2008.

Die Autorin Simina Bãdicã ist Kuratorin am Rumänischen Bauernmuseum in Bukarest, wo sie für das Archiv kommunistischer Objekte und Kunstwerke verantwortlich zeichnet. Sie absolviert gerade ein Doktoratsstudium im Fach Geschichte an der Central European University, in dessen Rahmen sie sich mit der Fotodokumentation des sozialistischen Alltags in Rumänien beschäftigt.

 

NGBK - Neue Gesellschaft für bildende Kunst e.V

Schlangestehen

Im Rumänien der 1980er Jahre stand man Schlange. Lange, ermüdend, erniedrigend, den Verstand raubend, im Regen, in der Kälte, oft ohne jedes Ergebnis. Offiziell gab es im sozialistischen Rumänien die Schlange nicht ...

Ich glaube nicht, dass es auf der Welt ein wirksameres Mittel gibt, den Menschen zu erniedrigen, als das Schlangestehen. (Buzilă: 248)

In der Schlange war eine große Heiterkeit. Klar doch … Pfiffe, Flüche, Witze. Die Leute redeten alle miteinander. (Interview mit D. V.)

In den Erinnerungen der Rumänen an die 80er Jahre hingegen ist die Schlange allgegenwärtig. Im Alltag der 80er Jahre drehte sich, vor allem im städtischen Raum, alles um die Schlange. Doch in den Erzählungen erscheint das Schlangestehen als ein widersprüchliches Phänomen, gleichermaßen erniedrigend wie erhebend, sterbenslangweilig wie atemberaubend, voller Leben wie mausetot.

Was uns im vorliegenden Artikel interessiert, ist die Komponente sozialer Interaktion, die das Schlangestehen enthält. Man stelle sich einmal vor: In einer Gesellschaft, in der jegliche Gruppenveranstaltung, jegliche Versammlung außerhalb der staatlichen Organisationsstrukturen verboten war, gab es die Schlange. Täglich versammelten sich Dutzende, Hunderte in kompakten Gruppen, meist an der Rückseite der Läden, hinter den Plattenbauten und warteten, diskutierten, debattierten, sozialisierten und organisierten sich. Die Schlange ist eines der wenigen Beispiele ziviler Organisation außerhalb und manchmal sogar entgegen der staatlichen Kontrolle aus dem Rumänien des letzten kommunistischen Jahrzehnts. Die Schlussfolgerung, zu der ich neige, ist, dass die rumänische Gesellschaft der 80er Jahre nicht völlig stillgestanden hat, und dass die Schlange, Schauplatz des alltäglichen Grauens, auch als Raum beschrieben werden kann, der soziale (Inter)Aktion und, warum nicht, Solidarität ermöglichte.

Solidarität ist eines der häufig verwendeten Konzepte in der Analyse der ehemals sozialistischen Gesellschaftssysteme aus Osteuropa. Die Argumente sind äußerst widersprüchlich. Einige Autoren vertreten die Auffassung, das kommunistische System sei verantwortlich für die Zerstörung der Solidarität in den osteuropäischen Gesellschaften.

Auch die Studie des Anthropologen David Kideckel „The Solitude of Collectivism“ (siehe Bibliographie) beruht auf dieser Vorstellung: „Das sozialistische System hat, obwohl dazu erdacht, neue Menschen zu schaffen, die an den Belangen der Gruppe oder der gesamten Gesellschaft interessiert sind, eigentlich Menschen geschaffen, die in ihrem tiefsten Inneren notgedrungen egoistisch, ohne Vertrauen und apathisch sind.“ (Kideckel: XIII)

Derartige Feststellungen scheinen die Tatsache zu ignorieren, dass Solidarität unter Umständen für das Überleben in einem sozialistischen System unverzichtbar war. Dies vor allem im Rumänien der 80er Jahre, wo die Ressourcen zusehends zu verschwinden schienen. Die Solidarität, auf die wir uns hier beziehen, ist nicht die moralisch-philosophische, kantische, vielmehr geht es um das in der Soziologie angewandte Solidaritätskonzept: „Die klassische Form der Solidarität bezieht sich auf die Kooperation bestimmter Personen, die dem Zweck dient, das eigene Schicksal zu verbessern.“ (Bierhoff: 133)

Die Schlange ist ein solcher Raum, in dem Kooperation absolut notwendig war, um die gewünschten Waren zu erhalten. Die Schlange beruht auf einem Prinzip, das leicht veranschaulicht und beschrieben werden kann. Der Soziologe Leon Mann nennt dieses Prinzip „distributive Gerechtigkeit“: der Vorrang, ein erwünschtes Gut zu erhalten, ergibt sich aus der Menge an Zeit und Anstrengung, die erbracht wurden. Die rumänische Schlange hingegen folgte ganz anderen Regeln. Nehmen wir zum Beispiel folgende Erzählung über eine Schlange an der Fleischtheke, geschildert von Frau D. V., heute Rentnerin, damals Buchhalterin am Onkologischen Institut in Bukarest: „Eine Kollegin, die aus der Straße Drumul Taberei kam, machte morgens, wenn sie zur Arbeit ging, bei Premial Halt, hielt dort die Reihe, kam ans Institut, setzte ihre Unterschrift ins Anwesenheitsregister, wir haben uns zu zweit oder zu dritt auf den Weg gemacht, sind dort hingegangen, haben uns in der Schlange angemeldet, danach haben wir uns abgewechselt. Man stand eine Stunde lang Schlange, dann kam man wieder, machte weiter … Um drei, wenn wir Feierabend hatten, haben wir uns dort eingefunden. Und so gegen fünf, halb sechs, kam der Lieferwagen mit dem Fleisch.“

S. R. B.: „Diese Schlangen waren also von morgens ...“

D. V.: „Von morgens bis abends. So wie ich machten es natürlich viele. Wenn ich hinging und vor mir in der Schlange zwanzig oder dreißig Leute standen, dann waren es bis um fünf doppelt so viele, sie kamen dann von der Arbeit und so. Und ich rief auch meinen Mann an und sagte ihm: ‚Sieh zu, ich bin bei Premial.‘ Und dann erschien er auch so gegen sechs, sieben, und so standen wir dann dort, es wurde … Also wir haben diese Anstrengung einmal im Monat auf uns genommen, das hieß, dass wir erst abends gegen halb zehn oder zehn nach Hause kamen.“

In der rumänischen Schlange gab es Listen, die Plätze wurden „gehalten“, einige versuchten, das Schlangestehen zu umgehen und gleich zum Verkäufer zu gelangen. So tauchten notgedrungen jene auf, die wussten, „wie man Schlange steht“, und sich selbst zu „Repräsentanten der Schlange“ ernannten. Einige nannten sie auch „Ad-hoc-Polizei“.

„Es gab ein paar Schlangen-Chefs. Solche, die gelernt hatten, wie man Schlange steht, und sie waren es, die auf Disziplin achteten. Wenn es also vorkam, dass ein solcher Schlangen-Chef vorne war und sich einbrachte, dann erfolgte das Schlangestehen sehr geordnet. Er kam also abends um elf, stellte sein Stühlchen hin, brachte ein Buch mit, was weiß denn ich, ein Nachbar unterhielt sich mit ihm. Er schlief tagsüber, und nachts war er dort. Und alle, die vorbeikamen, unterhielten sich mit ihm, erzählten dies und jenes, er ließ sie auch mal weggehen. Es wurde eine Liste gemacht, selbstverständlich. Es gab auch Schlangen, in denen es drunter und drüber ging. Es wurde zwar eine Liste erstellt, aber wenn die Ware dann kam, wenn das Auto erschien, versammelten sich auf der Stelle viele Leute, und wenn sie zahlreicher waren als die, die auf der Liste standen, geriet die Schlange durcheinander, es kam zu einer kleinen Prügelei, die Schlange wurde wieder neu geordnet, und so blieb sie dann.“ (Interview mit R. C.)

Eine andere in der Organisation der Schlange verbreitete Methode war das Festlegen inoffizieller Rationen. Die Mitglieder der Schlange bestimmten zusammen mit dem Verkäufer, wie viel gekauft werden durfte: ein Stück Butter pro Person, ein Kilo Fleisch, ein Kilo Orangen. Wenn man mehr wollte, musste man sich noch einmal anstellen oder andere Familienmitglieder dabei haben, vor allem Kinder. Die Kinder und die Alten nahmen in jenen Jahren innerhalb der familiären Ökonomie einen sehr hohen Stellenwert ein. Hier die Erinnerungen an eine Kindheit in den 1980er Jahren:

„Oft mussten wir, anstatt unser Spiel in den neben den Wohnblocks gelegenen Parks fortzusetzen, uns in die Nähe der Läden begeben, wo jederzeit der Lieferwagen mit der Ware eintreffen konnte. Wenn dies geschah, liefen wir schnell nach Hause und verständigten unsere Eltern, in erster Linie die Mütter. Da die meisten von uns in Wohnblocks wohnten, war es einfacher, von unten zu rufen, dass das Auto gekommen sei; so teilten wir es auch gleich allen Nachbarn mit. In spätestens fünf Minuten waren sie alle unten, mit dem Einkaufsbeutel in der Hand, bereit, zu dem entsprechenden Laden loszurennen, bei dem wir noch vor ihnen ankamen und ‚die Reihe hielten‘.“ (Anii ’80 şi bucureştenii: 102)

Die Schlange wurde in den 80er Jahren zu einem besonderen Raum, der offiziell nicht existierte, innerhalb dessen jedoch die Möglichkeit bestand, sich in der Öffentlichkeit zu versammeln (im Übrigen mit strengen Sanktionen versehen). Doch die Gemeinschaft der in der Schlange Stehenden war genauso unbeständig und wechselhaft wie die Schlange selbst. Wer, worüber und mit wem wird in einer Schlange gesprochen? War die Schlange ein Interaktionsraum, innerhalb dessen die sozialen Regeln umgangen wurden oder, im Gegenteil, genauso streng eingehalten wurden? Die Aussagen widersprechen sich auch diesbezüglich. Wer damals noch ein Kind war, erinnert sich an die Schlange als an eine Art urbaner Spinnstube. „Ich mochte es sehr, Schlange zu stehen, vor allem mit dem Großvater, der sich mit anderen Alten unterhielt, sie brüsteten sich mit allerlei Abenteuern aus der Jugend, anderen Zeiten, für mich irreal, da ich es mir nicht vorstellen konnte, dass Großvater einmal jung gewesen ist. Die Geschichten handelten davon, dass ihn die Eltern nicht zur Schule gehen ließen, weil sie ihn auf dem Feld brauchten, von seinen guten Noten, davon, dass er Vorarbeiter in der Fabrik war und davon, wie er es geschafft hat, vier Kinder großzuziehen. Sie übertrafen sich darin, immer wunderbarere und blumigere Geschichten zu erzählen.“ (Anii ’80 şi bucureştenii: 102)

Selbst die Ältesten erinnern sich daran: „In der Schlange war eine große Heiterkeit. Klar doch … Pfiffe, Flüche, Witze. Die Leuten redeten alle miteinander.“ (Interview mit D. V.) Andere hingegen lehnen die Vorstellung, es könnte innerhalb der Schlange eine „Gemeinschaft“ entstanden sein, ab: „Die Leute um einen herum, zumal sie in der Mehrzahl Rentner waren, sprachen nur über ihren Kummer, über den Mangel, über … im Allgemeinen war es besser, nicht zu viel zu reden. Denn einmal, als ich um Butter Schlange stand, ist es vorgekommen, dass jemand vor mir mitgenommen wurde, weil er angefangen hatte zu fluchen: Zum Teufel mit Ceauşescu und mit allem.“ (Anii ’80 şi bucureştenii: 106)

Das Beschaffen der Nahrung wurde in den 80er Jahren zu einem sozialen und geradezu mondänen Ereignis, denken wir nur daran, dass Nachbarn und Unbekannte beim Schlangestehen miteinander ins Gespräch kamen, aus ihrem Leben erzählten, miteinander warteten und versuchten, das Warten erträglich oder gar angenehm zu gestalten. Die Organisation dieses sozialen Ereignisses oblag vollständig den ganz gewöhnlichen Bürgern. Die Machthaber beobachteten die Schlangen aus dem Hintergrund und griffen nur im Falle einer Revolte ein (was im Übrigen selten vorkam). Der Historiker E. P. Thompson hat die Aufstände zur Nahrungsbeschaffung (food riots) im England des 19. Jahrhunderts untersucht. Seine Schlussfolgerungen über die soziale Funktion des Marktes können auch auf die rumänische Schlange in den 80er Jahren angewandt werden. „Der Markt ist ein ökonomischer und sozialer Mittelpunkt geblieben. Es war der Ort, an dem hundertundeine soziale und persönliche Transaktion stattfand; an dem die Neuigkeiten und Gerüchte Verbreitung fanden; wenn über Politik geredet wurde, dann in den Herbergen und Schenken um den Markt herum. Der Markt war der Ort, an dem die Menschen, weil sie zahlreich waren, für einen Augenblick fühlten, dass sie auch mächtig sein könnten.“