Autor: Antje Mayer
Erschienen in: „spike ART QUARTERLY“ Nr. 3/2004


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Sarajewo Center for Contemporary Art
Sarajewo (Wikipedia)

Sarajewo, das ideale Biotop?

Warum die Berliner Mauer den Bosniern direkt auf den Kopf gefallen ist

Bosnien-Herzegowina mit seiner Hauptstadt Sarajewo ist ein Land, von dem man auf dem Balkan sagt, seinen Einwohnern wäre die Berliner Mauer direkt auf den Kopf gefallen. 278.000 Tote und Vermisste und 1,3 Millionen Flüchtlinge hatte das Land im vorigen Jahrzehnt zu beklagen und damit wohl die größten Verluste der letzten Balkankriege. Allein die Einwohner von Sarajewo hatten während der 43 Monate Belagerung (von 1992 bis 1996), unter anderem durch die Schergen des serbischen Generals Radovan Karadzic, nicht nur über 50.000 Verwundete zu verzeichnen, sondern 10.000 der ihren verloren, davon allein 1600 Kinder. Aber in Belgrad und in Karadzics Heimatort Pale, einem Vorort von Sarajewo in der heutigen Republika Srpska, gibt es heute immer noch Poster und T-Shirts mit dem Konterfei des „Kriegsstars“ Karadzic zu kaufen, „Srpski Heroj“ („Serbischer Held“) ist darauf zu lesen. Seelenruhig veröffentlichte der Kriegsverbrecher im Herbst letzten Jahres seine Biografie bei einem Belgrader Verleger und betreibt entspannt eine Website unter www.karadzic.org.

Es ist offensichtlich: Längst noch nicht sind die alten Konflikte, so wie 98 Prozent der Minen im Land, aus dem Weg geräumt. Der Vulkan Balkan brodelt immer noch unter der Oberfläche. „Denkbar schlechte Voraussetzung für das Produzieren von Kunst“, sagen die einen, „ideales Biotop“, behaupten hingegen die anderen. So wie die Farce um den Kriegsverbrecher Karadzic sinnbildlich für den Aufschub von Geschichtsaufarbeitung auf dem Balkan steht, so steht die bosnische Hauptstadt Sarajewo, die Stadt der Kunst und Festivals, für den Versuch, die mühsame Bewältigung der Geschichte zu unternehmen. Auf einer Anhöhe über der Stadt liegt das Ausflugsrestaurant Park Princeva. Es ist vor allem bei den vielen gut verdienenden Ausländern, die bei den internationalen Organisationen arbeiten, beliebt. Von dort hat man einen wunderbaren Ausblick über die schöne, sich auf die Hügel rundherum malerisch zerstreuende Metropole mit ihren Straßencafés, k. u. k. Prachtbauten, Villen, Olympiastadien der Winterspiele 1984 und kleinen Gässchen der orientalischen Innenstadt mit ihren Minaretten und Märkten. Die zahlreichen vom Straßenkampf zerschossenen Fassaden und verrußten Brandruinen des Krieges sieht man von oben nicht.

„Auf dieser Aussichtsterrasse hatten die serbischen Scharfschützen während der Belagerung eine ideale Stellung“, erinnert sich der Student Ognjen Dizdarevic. Er ist einer der wenigen jungen Menschen und Künstler, die nach ihrer Vertreibung wieder nach Bosnien zurückgekehrt sind und sich für den Aufbau des Landes in vielen Funktionen künstlerisch und politisch engagieren.

„Während des Krieges kamen Männer, aber auch Frauen aus Belgrad und dem Ausland für einen Wochenendtrip in die Hügel über Sarajewo, um sich ein Zubrot mit Morden aus dem Hinterhalt zu verdienen. Oft schossen sie von hier den Bewohnern ins Bein, sodass sie nur verletzt waren“, zeigt Dizdarevic über den hübsch begrünten Hang. „Aber nur, damit ihnen andere zu Hilfe kamen, um dann noch mehr vor der Flinte für den finalen Schuss zu haben. Mehrere Fliegen auf einen Schlag: 100 Dollar, erzählt man, bekamen die Snipers für einen toten Mann, 200 für eine ermordete Frau, 500, wenn sie den kleinen Sohn, der an der Hand seiner Mutter ging, tödlich trafen.“ Man mag diese Geschichte kaum glauben. Die Granatlöcher im Asphalt hat man an manchen Stellen mittlerweile mit rotem Gummi gefüllt, auf dass niemand die Toten vergessen möge. Die schaurigen Flecken nennen die Einwohner „Sarajewos rote Rosen“.

Noch gar nicht so lange vermögen viele über all das zu reden, wie der bekannte Künstler Nebojsa Seric-Soba, der als Soldat in der bosnischen Armee kämpfte, oder Zlatan Filipovic. Beide fanden in der Kunst ein Ventil. Filipovic kehrte nach Auslandsaufenthalten doch wieder in seine Geburtsstadt Sarajewo zurück, „um etwas aufzubauen“, genauer: die Abteilung für Neue Medien an der Akademie für angewandte Kunst in Sarajewo, die regen Zuspruch findet. 


Die vergangenen Jahre arbeitete Filipovic, wie auch der Student Ognjen Dizdarevic, zudem beim Sarajewo-Filmfestival mit. 1995, mitten im Krieg, unter fortwährender Bombardierung der Stadt, fand es erstmals statt. Mittlerweile wird es als ein mindestens so wichtiges Kino-Kultevent wie jenes in Cannes oder Berlin gehandelt, und Mitgründer und Direktor Mujan DÏevad und seine Kollegen werden von der internationalen Filmwelt wie Helden gefeiert.

„Ohne die Kunst wären wir damals verrückt geworden“, ist sich Senka Kurtovic sicher. Sie ist Chefredakteurin der legendären Tageszeitung „Oslobodenje“, die heute nur noch in einer Auflage von 3000 Stück erscheint. Während der Belagerung produzierten sie und ihre Mitarbeiter die Zeitung im Keller des Verlagshauses, wo sie die meiste Zeit schliefen, aßen, eben mehr schlecht als recht (über)lebten. Ihr Motto: Kein Tag ohne neue Ausgabe. „Verteilen konnten wir das Blatt unter diesen Umständen ohnehin nicht. Wir hängten die Seiten an die Wände, damit sie die Leute lesen konnten“, so Kurtovic, deren Team für seine Standhaftigkeit schon zahllose internationale Preise verliehen bekam. „In der Zeit bekam ich ein Paket aus Paris. Neben Nahrungsmitteln hatte der Absender ein Parfum beigelegt. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so sehr über ein Geschenk gefreut“, erinnert sich Kurtovic heute mit Tränen in den Augen. „Es war in diesem Horror ein Stück Normalität.“

Eine gesellschaftspolitisch überaus engagierte Institution ist auch das Sarajevo Center for Contemporary Art unter der emsigen Leitung der von den Jungen hoch geschätzten Dunja BlaÏevic. 1996 wurde es gegründet und ist bis heute Treff- und Angelpunkt der Kunstszene in der Stadt. Es befindet sich im Gebäude der Akademie für angewandte Kunst, aber über eine eigene Galerie verfügt es bis dato nicht. Ein ähnliches Problem hat auch das couragierte Kunstprojekt Ars Aevi. „In den Wirren des Balkankrieges gab es wenige Möglichkeiten, pazifistischen Widerstand zu leisten“, erzählt der Mitbegründer Enver HadÏiomerspahic, der vor dem Krieg in unterschiedlichen Künstlergruppen aus der Region aktiv war. „Man konnte emigrieren, sich erschießen lassen oder noch verrückter werden. Also haben am Beginn der Belagerung 1992 Freunde und ich die Ars Aevi, ein Zentrum und Museum für zeitgenössische Kunst, bisher allerdings ohne festen Ort, ins Leben gerufen.“ 


Man fand schnell Unterstützung für das Vorhaben, besonders in Italien zeigte etwa eine Wanderausstellung über die Belagerung der Stadt und kooperierte mit internationalen Museen und Zentren für zeitgenössische Kunst. Museen, Künstler und Institutionen spendeten aus Solidarität und im Sinne „humanitärer Hilfe“ bisher weit über 130 Kunstwerke, von Michelangelo Pistoletto bis Franz West, die allerdings bisher immer noch in dunklen Depots gebunkert sind.

Seit längerer Zeit schon wird in Sarajewo nun ein Museum für zeitgenössische Kunst vom italienischen Architekten Renzo Piano geplant, das dieser unter Mithilfe von Kollegen realisieren will. „Meine Hoffnung ist“, so HadÏiomerspahic, „dass durch den Museumsbau und durch unsere bereits große internationale Kunstsammlung Bosnien-Herzegowina endlich nicht mehr nur als Nachkriegsland wahrgenommen wird, sondern näher an Europa rückt.“