Autor: Antje Mayer
Erschienen in:
„spike ART QUARTERLY“ Nr. 4/2006


spike
Albert Heta

Kurze Zündschnur, langer Atem

Keine Cinderella-Märchen im Kosovo

Das Marx’sche Diktum, wonach die kulturelle Entwicklung eine Folge der ökonomischen ist, scheint hier nicht ganz zu stimmen: Im (ehemaligen) Pulverfass Kosovo, in dem jeder zweite Erwerbsfähige arbeitslos ist und man pro Jahr durchschnittlich keine tausend Euro verdient, entsteht derzeit eine der spannendsten Kunstszenen des Balkans.

Um gleich am Anfang nicht allzu viel Balkan-Romantik aufkommen zu lassen: Die Lage im Kosovo gilt nach wie vor als „angespannt“. Von Reisen dorthin auf eigene Faust ohne ortsansässigen Führer wird abgeraten. Ein Trip mit Unterstützung eines Einheimischen oder einer Institution ist hingegen unbedingt zu empfehlen. Denn trotz der widrigen Umstände – oder vielleicht gerade deswegen – gibt es hier eine der spannendsten Kunstszenen des Balkans. „Die Künstler dieser Region sind unglaublich stimulierend, nicht zuletzt, weil sie eine gesellschaftlich-politische Verantwortung verspüren für das, was in ihrem Land passiert“, meint Katrin Klingan, künstlerische Leiterin von „relation“, einer Initiative der Deutschen Kulturstiftung des Bundes (Berlin). Und was passiert in diesem Land, das eigentlich gar kein Land, kein unabhängiger Staat ist? Genug.

Wer beispielsweise lebensmüde ist, sollte mit einem serbischen Autokennzeichen durch die Hauptstadt Prishtina fahren. Dass er dabei gelyncht würde, „zumindest sein Auto zu Schrott getreten, ist zumindest nicht unwahrscheinlich“, so meinen Einheimische. Sogar die Gastfreundschaft der Kosovaren hat ihre Grenzen. Die Beziehung zu den Serben, so könnte man vorsichtig diagnostizieren, ist immer noch „emotional sehr aufgeladen“.

Vom Verlassen der asphaltierten Straßen wird abgeraten, so das Auswärtige Amt, nicht weil gar gelyncht würde, nein, sondern wegen der Minen. Überhaupt ist eine Nachtfahrt derzeit immer noch keine sehr gute Idee. Auch wenn die UCK, die kosovarische Befreiungsarmee, ihre Waffen inzwischen offiziell abgegeben hat, „liegen unter den Betten, den Schränken und in den Garagen der Kosovaren noch so viele Waffen, dass man damit eine Armee ausrüsten könnte“, sagt Enver Hasani, Professor für internationales Recht an der Universität von Pristina. „Von Normalität kann derzeit keine Rede sein. Nicht zuletzt deswegen, da man kaum auf eine politische und demokratische Tradition referieren kann. Aber man diskriminiert die Kosovaren, wenn man behauptet, sie seien von den alten Clanstrukturen noch zu stark geprägt. Die Blutrache wird, entgegen Gerüchten, kaum noch praktiziert, nur noch im Norden des Kosovo. Auch die Rechte der Frauen werden zusehends verbessert.“ 
Eine medizinische Versorgung nach westeuropäischem Standard ist dagegen nicht gewährleistet, da die Krankenhäuser nur über veraltete Ausrüstung verfügen. Auch kann man nicht davon ausgehen, in den Hotels durchgehend über fließendes Wasser und Strom zu verfügen.

KFOR-Soldaten sind derzeit insgesamt 40.000 aus 28 Staaten im Land stationiert. Bei geschätzten über zwei Millionen Einwohnern kommt somit ein Soldat der internationalen Friedenstruppe auf 25 Kosovaren. „Eine derartig große Präsenz ist nicht nur zum Schutz der Kosovaren vor den Serben nötig“, erläutert ein Presseoffizier der deutschen KFOR-Truppen, „sondern leider auch zum Schutz der serbischen Minderheit vor den Kosovaren, deren Zündschnur im Allgemeinen als sehr kurz gilt, wie die Unruhen mit mehreren Todesopfern im März 2004 gezeigt haben. Aufgebrachte Kosovaren hatten Häuser der serbischen Minderheit und das serbische Erzengel-Kloster in Prizren niedergebrannt.“

Die Hälfte der Bevölkerung des Kosovo ist unter 20 Jahre alt. Überall sieht man Jugendliche, die die Bürgersteige, Cafés und Plätze der Städte bevölkern. Viele von ihnen verfügen offensichtlich über unglaublich viel Zeit. Die Arbeitslosigkeit beträgt offiziell immerhin zwischen 70 und 80 Prozent. Wenn die jungen Leute könnten, würden die meisten sofort emigrieren. Nur – mit einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 100 Euro kommt man, selbst im Kosovo, nicht weit. Ein Schengen-Visum erhält man, wenn überhaupt, nur mit großem Aufwand, Geld und Beziehung.

Der junge Künstler Albert Heta hat das Thema der Isolierung in einer Performance thematisiert. Auf echten Werbeplakaten von British Airways, die in ganz Pristina für billige Sommerflüge in europäische Hauptstädte lockten, affichierte er in einer illegalen Kunstaktion den gefälschten Schriftzug „Visum is not required“. Die Fluglinie bemerkte den peinlichen „Angriff“ erst nach einem halben Tag. 


Wenn British Airways für hippe Städtereisen in die EU werben können, dann ist auch Geld vorhanden, trotz hoher Arbeitslosigkeit. Es kommt aus der Schattenwirtschaft und von der kosovarischen Diaspora, die vor der jahrzehntelangen Unterdrückung durch die Serben vor allem nach Deutschland, in die Schweiz und nach Österreich geflohen ist. Die schickt Geld, damit der Familienclan zu Hause einen gebrauchten VW-Golf kaufen und – vor allem –Häuser bauen kann. Immerhin 120.000 wurden während der Vertreibungen durch die Serben zerstört oder niedergebrannt. Überall, soweit das Auge reicht, wachsen somit erstens unzählige Tankstellen im Las-Vegas-Design und zweitens Wohnhäuser, besser Rohbauten, wie Pilze aus dem Boden. Sie scheinen wie zum Trotz einen Neuanfang anzukündigen. Physikalischer Raum, keine Architektur im eigentlichen Sinne, im „Copy and Paste“-Stil, der weder auf die eigene noch auf irgendeine andere Baugeschichte referiert: vier Ziegelwände, Satteldach, Fenster, eine Tür. Das war’s. 


Vom architektonischen Neuanfang berichtet die Arbeit „Auction“ des kosovarischen Künstlers Erzen Shkololli. Die Bilder stammen aus dem Archiv der UNMIK (United Nation Mission in Kosovo). Den Kosovaren hat man statt ihrer Namen einfach Nummern in die Hand gedrückt, zur leichteren Registrierung. Verloren und doch aus Gewohnheit in die Kamera lächelnd, stehen sie in ihren noch fremden Behausungen. „Ich hatte den Eindruck“, erzählt Shkololli, „dass sich die Menschen schämen. Es sind so unbelebte, gesichtslose Räume. Diese Fotos finde ich sehr traurig.“ 
Shkololli ist Anfang dreißig und gehört zu einem kleinen, aber sehr engagierten Kreis von vielleicht zwei Dutzend Künstlern, die sich für die zeitgenössische Kunst im Kosovo engagieren. Er vertritt eine Kunstrichtung, die sich intensiv mit der Tradition, der Geschichte und vor allem mit der gesellschaftspolitischen Gegenwart auseinandersetzt. Er und seine Kollegen sind inzwischen auch über die Grenzen hinaus bekannt: „Ich versuche sozusagen als Botschafter alle die Termine im Ausland anzunehmen, auch wenn das manchmal meine Kapazitäten übersteigt. Ich verstehe jeden, der emigriert ist, aber ich fühle mich für mein Land verantwortlich und habe beschlossen zu bleiben“, erklärt Shkololli.

Er lebt in der zweitgrößten Stadt des Kosovo, in Peje, und betreibt dort mit Kollegen seit Ende 2003 die Gallery EXIT, den einzigen Raum für zeitgenössische Kunst der Region. Das EXIT Contemporary Art Institute befindet sich in Pristina und ist dort eine der wichtigsten Anlaufstellen für Künstler, besonders für den Nachwuchs. Bekannte Künstler wie Sokol Beqiri und Mehmet Behluli, Professor an der Akademie der Bildenden Künste, betreiben unter anderem diesen Ort im Zentrum der Stadt. Dort haben sie jungen Künstlern wie Lulzim Zeqiri, Dren Maliqi oder Jakup Ferri ein Zusatzangebot zur Akademie geboten, die sich immer noch einer eher konventionellen Kunstauffassung verpflichtet fühlt. Hier kann man sich mit internationaler Kunst und Kulturtheorie auseinandersetzen und mit Neuen Medien experimentieren. Im Haus befindet sich auch das Gani Bobi Institute for Humanistic Studies, das Shelzen Maliqi leitet, Philosoph und führende intellektuelle Stimme im Kosovo, der auch die Kunstzeitschrift „Arta“ herausgibt. 
Was die Architektur im Land beispielgebend illustriert, ist ein altes Problem, das nicht zuletzt auch die zeitgenössische Kunst zu lösen bemüht ist: das Fehlen einer Identität, die einem Land wie dem Kosovo in der jüngeren Geschichte nicht zugestanden wurde. „Missing Identity“ heißt denn auch ein längerfristiges Kunstprogramm des Projekts „relation“ mit Künstlern aus der Region, das Ausstellungen, Symposien und Workshops zum Thema umfasst. Als Logo haben die Künstler von EXIT einen High Heel ausgewählt. „Dieses Zeichen soll an das bekannte Märchen von Cinderella erinnern“, schmunzelt der Künstler Mehmet Behluli. „Wir hoffen, dass irgendwann ein Prinz kommt, das Kosovo wiederentdeckt und wachküsst. Denn wenn es bisher nicht gestorben ist, so lebt es auch morgen noch.“