Autor: Antje Mayer
Erschienen in: Buch „Urban Landscapes of Bratislava” mit Texten von Tijs van den Boomen, Braòo Chovan, Antje Mayer, Petra Zechmeister, Miro Tížik, Fotografien: Illah van Oijen, Bratislava 2007

 

Kleinste Großstädte mit großer Zukunft

Über das schwierige Verhältnis von Bratislava und Wien. Eine Liebesbeziehung mit Unterbrechungen.

Bratislava ist gerade einmal 60 Kilometer von Wien entfernt und dennoch sind es in den Köpfen der österreichischen Hauptstädter eher 600 Kilometer, nicht zuletzt, weil in Zeiten der virtuellen Globalanwesenheiten von Menschen und Orten Entfernungen sich nach ihren eigenen Gesetzen dehnen und schrumpfen. Auch wenn es Regional- und Stadtplaner, Politiker, Journalisten und Architekten auf slowakischer und österreichischer Seite gleichermaßen tantra-artig beschwören, die Annäherung der beiden Metropolen mag – nach über eineinhalb Jahrzehnten Fall des Eisernen Vorhangs und über drei Jahren EU-Mitgliedschaft der jungen Slowakei – nur schleppend vorangehen. Nicht zuletzt, weil die Realisierung konkreter – vor allem infrastruktureller –Maßnahmen für die ganze Region, die auch das benachbarte Ungarn und Tschechien betreffen, langwierig sind oder im Dickicht der Bürokratie untergehen. Jan Tabor, gebürtiger Tscheche, der in Wien als Kurator, Architekturkritiker und -theoretiker arbeitet und lebt und als Gastprofessor an der Akademie der bildenden Künste in Bratislava engagiert ist, ist gewohnt sarkastisch gestimmt, was die Annäherung von Ost und West in dieser Region betrifft. Für die Wiener seien die „neuen nahen Nachbarstaaten“ im Osten vor allem aufgrund ihrer billigen Versorgungsmöglichkeiten bekannt: „Im ungarischen Sopron kann man günstige neue Zähne kriegen, in Brünn ein neues Hüftgelenk, in Bratislava eine billige Stoßstange für das Auto.“

Oder drücken wir es noch direkter aus: Nach Bratislava kommen wohl die meisten Wiener, um es auch wieder möglichst schnell zu verlassen. Vom kleinen Flughafen „Bratislava - M. R. Štefánik“, der gerade einmal zwei Terminals sein Eigen nennt, kann man für österreichische Einkommensverhältnisse eben einfach schön billig in alle Welt fliegen. Die Zusammenlegung und Kooperation mit dem 55 Kilometer entfernten „Wiener Flughafen Schwechat“, der sich neben weiteren Investoren in Bratislava einkaufen wollte, scheiterte in letzter Minute. Die 2006 neu gewählte linke slowakische Regierung verhinderte die geplante Privatisierung wegen eines „Formalfehlers“. Immerhin: International durfte sich der bisher noch recht provinziell anmutende Bratislavaer Flughafen schon geben. Im Februar 2005 landete anlässlich des Gipfeltreffens zwischen George W. Bush und Wladimir Putin die „Air Force One“.

Vom Vorort mit Vorreiterrolle 


Bratislava? Das ist für die Wiener der Ort, der neben Budapest, Brünn und Prag auf den großen blauen Schildern der Stadtautobahnen geschrieben steht: irgendwie exotisch, östlich, prickelnd international. Die Mehrheit der Wiener dürfte wohl noch nie in „Pressburg“ (deutsch für Bratislava) gewesen sein, dem Ort, zu dem die 
(Ur-)Großmütter und Großväter der Wiener Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Straßenbahn zum Einkaufen oder für einen Opernbesuch fuhren. Die Beschaulichkeit des Städtchens mag anno dazumal der Reiz für einen Ausflug gewesen sein, war doch „Pozsony“ (ungarisch für Bratislava) zwar einer der wichtigsten Industrieorte des ungarischen Teils der Monarchie, aber eben auch ein kleines gemütliches Städtchen mit 70.000 Seelen im Gegensatz zu der Zweimillionen-Metropole Wien, damals immerhin die viertgrößte Stadt der Welt.

Aber es war keineswegs so, dass Wien über die vergangenen Jahrzehnte immer die kulturelle Vorreiterrolle gegenüber Bratislava spielte. Während die Hauptstadt der Monarchie durch die reichen Söhne der Gründerväter um 1900 ihr architektonisches Hoch erlebte, hatte die slowakische und tschechische Architektur ihre goldene Ära dreißig Jahre später, wie der österreichische Architekturtheoretiker Friedrich Achleitner in einem Interview mit Henrieta Moravèíková, Architekturhistorikerin und Chefredakteurin des slowakischen Architekturmagazins „ARCH“ feststellte: „Wir hatten in Österreich schon früh mit Neid nach Bratislava geblickt und bereits in den Sechziger Jahren die Architektur der Zwanziger und Dreißiger Jahre dort bewundert.“ Achleitner weiter: „In Österreich waren die Dreißiger und Vierziger Jahre nicht sehr spannend. Es lebten damals zwar noch die Architekten Adolf Loos und Josef Hofmann, alles Otto-Wagner-Schüler – und mit Josef Frank eine sehr talentierte jüngere Architekten-Generation, aber Wien hatte im Gegensatz zu Bratislava die ‚Revolution der Moderne’ bereits hinter sich. Außer dem zur Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bewusst arbeitsintensiven Wiener Gemeindebau gab es nichts zu bauen. Der Funktionalismus hatte in Wien – im Gegensatz zu Bratislava – keine Chance.“

Lokale Identität 


Die slowakische Architekturhistorikerin Henrieta Moravièíková gibt sich heute nicht mehr ganz so optimistisch: „Bratislava fehlt, wie dem ganzen Land, eine Zukunftsversion. Niemand weiß, welche Rolle die Slowakei allgemein und welche Bratislava im Einzelnen spielen soll. Bratislava muss mit dem Komplex einer Vorstadt von Wien leben. Ohne Vision bleibt paradoxerweise nur die Nostalgie einer vom Glanz der K. u. K.-Monarchie zehrenden Kleinstadt. Bratislava soll, geht es nach vielen Stadtpolitikern, gar nicht erwachsen werden, sondern ein nettes Städtchen bleiben mit niedrigen Häusern, Satteldächern, kleinen Fensterchen, gemütlichen Kaffeehäusern für einen Ausflug mit Strudel und Kaffee. Mit dieser Vorstellung identifiziert sich die Mehrheit der Bratislavaer Bürger.“

Heute prägen aus Wiener Sicht keine Extravaganzen das architektonische Gesicht von Bratislava, bestenfalls erregen vereinzelte Schmuckstücke aus der Moderne, dem Funktionalismus und dem Sozialen Realismus die Aufmerksamkeit. Einen Stadtraum als symbolischen Ort für eine lokale Identität zu entwickeln, scheint dort immer noch zweitrangig. Vorteil: Übertriebenen Historismus und postmoderne Auswüchse, wie sie in vielen boomenden ost- und südosteuropäischen Metropolen, etwa in Moskau oder Sofia, wuchern, entdeckt man in der slowakischen Hauptstadt kaum. Man investiert jedoch nicht etwa in gute Architektur, sondern eher in Infrastruktur und in ästhetisch gesichtslose, flächenfressende Fach- und Verbrauchermärkte in den urbanen Rand- und Zwischenzonen, immerhin mit Respektabstand zum historischen Zentrum. Kein osteuropäisches Phänomen. Auch in Wien werden derzeit in den „Neuen urbanen Zentren“ in der „Donau City“, „Millennium City“ oder dem in Planung befindlichen Projekt „Wien Mitte“ solcherart Konsumzonen in den Stadtraum geklotzt. 



Wenn weg, dann weit weg
Langsam, aber immerhin: Es entwickelt sich schrittweise ein ernst zu nehmender architektonischer Austausch über die österreichisch-slowakische Grenze hinweg, der nicht von der Arroganz des Westens gegenüber dem „östlichen Entwicklungsland“ geprägt ist. Jüngstes Beispiel: Der im Mai 2008 fertiggestellte Neubau der „Slovenská Spoøitelna“ (Slowakische Sparkasse) in der Tomasiková-Straße in der Nové Mìsto für 1.500 Mitarbeiter, dem ein zwar geladener, aber nicht wie üblich nur unter ökonomischen, sondern auch ästhetischen Kriterien geführter Wettbewerb vorangegangen war. Durchaus nicht die Regel bisher in Bratislava. Den Zuschlag bekam das renommierte Wiener Architekturbüro Jabornegg & Palffy mit einem architektonisch ambitionierten Vorschlag.


„Die Metaphern von ‚Schwesternstadt’ oder ‚Konkurrenzstadt’ sind heute nicht mehr zeitgemäß für Wien und Bratislava. Letztere wird eher Teil einer urbanen Agglomeration in der Region, für die der Begriff Metropole nicht mehr tauglich ist“, so der Architekturtheoretiker Jan Tabor. „Ich könnte mir vorstellen, dass Bratislava innerhalb dieser urbanen Verdichtung eine Art Vorreiterrolle auf einem Spezialgebiet entwickelt, etwa im Bildungsbereich. Apropos: Die Bratislavaer, insbesondere die Studenten dort, mit denen ich ja meistens zu tun habe, orientieren sich übrigens längst eher nach New York, London oder Paris. Nach dem Motto: Wenn schon raus, dann lieber gleich in Richtung richtig großer Großstadt.“

Manuela Hötzl, Architekturkritikerin und Gründerin der im Herbst 2007 eröffneten Wiener Architekturgalerie „Ofroom“, äußerst sich eher verhalten optimistisch: „Man darf die Mauer in den Köpfen der Wiener gegenüber Bratislava nicht höher ziehen, als sie ist, nicht zuletzt gerade weil sie in wirtschaftlicher Sicht längst durchlässig ist. Sind die Wiener nicht gegenüber Innsbruck, im westlich gelegenen Tirol, genauso arrogant eingestellt wie gegenüber Bratislava? Die Achse Wien – Bratislava kann und wird funktionieren, wenn Bratislava das Selbstbewusstsein einer Hauptstadt für sich entwickelt und Wien seine Hochnäsigkeit der kleinen Schwesternstadt gegenüber verliert.“ Hötzl sieht den Anfang im Ausbau der Infrastruktur gemacht: „Die kurvige Verkehrsverbindung über die Landstraße durch kleine Ortschaften und entlang endloser Felder nach Bratislava, die auch der Flughafenbus täglich und stündlich nimmt, empfinde ich als geradezu peinlich und der Beziehung der zwei weltoffenen Hauptstädte nicht würdig gegenüber.“ Auch der in Wien und Bern lebende Schweizer Architekt und Ausstellungsdesigner Michael Salvi, der kürzlich die Ausstellung „Comicland Schweiz“ in Bratislava realisierte, ist über die schlechte Verbindung erstaunt: „Zürich und das kleinere Bern, Hauptstadt der Schweiz, haben eine teilweise ähnliche Konkurrenzsituation wie Wien-Bratislava, die durch optimale Verkehrsverbindungen immerhin entzerrt werden kann. Den natürlichen Weg über die Donau zu nutzen, wie das jetzt mit dem Twin City Liner-Katamaran von Stadtmitte zu Stadtmitte in 75 Minuten passiert, ist fantastisch und von großem symbolischen Wert.“

Auch der Ausbau der anderen Verbindungen schreitet voran, so verkehren werktags immerhin 37 Züge von Wien Südbahnhof bis Bratislava. Derzeit beträgt die minimale Fahrzeit noch 47 Minuten, die maximale 1 Stunde und 10 Minuten, was man aber durch Ausbau der Strecke noch optimieren möchte. Außerdem ist die Verlängerung der Straßenbahnlinie S7 von Wien nach Bratislava geplant. Ab Herbst 2007 kann man über die Nordoststrecke A6 endlich von Wien nach Bratislava durchgängig über eine Autobahn fahren, zwanzig Jahre nachdem das slowakische Teilstück fertiggestellt wurde.

Jan Tabor: „Es scheint, dass bezüglich infrastruktureller Maßnahmen die österreichischen Politiker langsam ihre Sabotagepolitik gegenüber Bratislava aufgeben. Man muss aber noch konsequenter agieren. Eine Super-Hightech-Rapid-Verbindung mit zwanzig Minuten Fahrtzeit wäre angemessen.“ Tabors Fazit: „Bratislava wird gedeihen. Kleinste Großstädte haben große Zukunft.“