Autor: Antje Mayer
Erschienen in: „Standard/Rondo“ Nr. 192/2002


Special Astrophysical Observatory

 

James Bond im Kaukasus oder die Reise zum Anfang der Welt

Wo befindet sich das Ende der Welt?

Vielleicht dort, wo man ihren Anfang sieht und hört, 2.100 Meter über dem Meeresspiegel, auf dem Berg „Pastukova“ in der kleinen, russisch-föderalen Nordkaukasus-Republik Karatschai-Tscherkessien.

 

Am Tag ist es dort sehr, sehr leise und in der Nacht sehr, sehr dunkel. Weit und breit kein Mensch. Es stören keine hell erleuchteten Siedlungen, kein Handynetz, keine Flugzeuge, keine Autos. So weit das Auge reicht, streckt sich der majestätische, schneebedeckte Hauptgebirgszug des Nordkaukasus. Am Horizont, 150 Kilometer entfernt, bildet der berühmte 5.642 Meter hohe Berg „El Brus“ die Grenze zwischen Europa und Asien; ein alpines Klima „zum Bäumeausreißen“, in den Tälern Urwald, weite saftig grüne Ebenen, blühende Hochweiden, rauschende Wildbäche, nicht einmal gefischt und gejagt darf im Nationalpark werden. Wenn der glasklare Sternenhimmel in der absoluten Stille zu summen scheint, regt es sich im Tal. Dort versteckt sich in den dichten Wäldern, wie in einem James-Bond-Film, in der Sackgasse eines schmalen Tales, die durch Schlagbäume, Zäune und Soldaten gut bewachte Wissenschaftler-Siedlung des „Astrophysikalischen Spezial-Observatoriums Russlands“. Seit Mitte der Siebziger leben in dem namenlosen, 500 Seelen zählenden Plattenbau-Dörfchen mit einem Greißler, einer Schule, einem Kindergarten und einem Mehrzweckraum die Elite der Astrophysiker der ehemaligen Sowjetunion und ihre Familien. Am Tag schlafen die Spezialisten. Bei Einbruch der Dämmerung begeben sie sich zu Forschungszwecken auf ihren mühsamen Weg zum Gipfel des „stillen und dunklen Berges“. Denn dort steht ihr „Kultobjekt“, eines der größten optischen Teleskope der Welt, unter einer silber-metallischen, 50 Meter hohen Domkuppel, durch das die russischen Astronomen Nacht für Nacht in die Vergangenheit, an den Anfang des Universums, zu Millionen Lichtjahre entfernten, längst nicht mehr existierenden Galaxien und Sternen blicken. „Im Winter rodeln die Physiker nach getaner Arbeit im Morgengrauen dann per Schlitten ins Tal. Am Ende der Welt lebt es sich gut“, so die Astronomin Tatjana Sokolova, die wie die meisten Wissenschaftler seit über 25 Jahren in der Einsamkeit lebt. Die Astrophysikerin hatte zu Sowjetzeiten als junge Studentin das Glück, ein Praktikum in dem berühmten Observatorium zu ergattern. Es war der ganze Stolz des damals in die Weiten des Kosmos strebenden Sowjetreichs. Dort hatte sie sich in ihren jetzigen Ehemann, natürlich auch ein Astronom, verliebt und war eben mit ihm in der Einöde geblieben. „Die Arbeit ist hart und einsam. Immer nachts zu arbeiten und in dieser Kälte. Das geht an die Substanz“, meint Tatjana Sokolova. Damit die flimmernde Luft der Heizung die Sicht auf die Sterne nicht verstellt, wird auf sie verzichtet, der Wissenschaft zuliebe gefroren. 
„Wir hatten zu Sowjetzeiten Privilegien“, so die Wissenschaftlerin. „Vor allem Geld. Das reicht seit dem Zerfall der Sowjetunion vorne und hinten nicht mehr.“ In Zeiten, in denen sich die russische Raumfahrt mit dem Geld steinreicher Privat-Astronauten in der Umlaufbahn halten muss, bleibt auch für das international renommierte Zentrum der russischen Akademie der Wissenschaften kein Geld für kosmische Abenteuer oder Auslandsreisen der Forscher. „Mit siebzig Euro Monatslohn kann ich trotz meiner Qualifikation von so etwas nur träumen“, so Sokolova. „Meine Chefs und ich wollen nun unser Budget mit dem Geld von Touristen aus dem Westen aufstocken. Der Wissenschaft wegen.“ 

Die USA verfügten bis in die Sechziger über das größte Teleskop der Welt mit fünf Metern Durchmesser. Als die Sowjets 1957 ihren ersten Satelliten in die Umlaufbahn schossen, kannte die Euphorie der Russen keine Grenzen mehr. Sowjetische Logik: Der westliche Konkurrent musste folglich mit einem sechs Meter Durchmesser großen Teleskop übertroffen werden. Die Konstrukteure der Lomo-Optikwerke in Petersburg, aus denen auch die Lomo-Kamera stammt, der die Wiener Lomographen zu post-sowjetischen Weltruhm verhalfen, standen unter enormem Druck. „Ein Spiegelglas dieses Ausmaßes mit einer regelmäßigen Krümmung zu erzeugen, ohne dass es bricht, erschien zuerst unmöglich“, erzählt der Vize-Direktor des Observatoriums Valery Vlasyuk. „Durch eine extrem langsame Abkühlung der Spiegelmasse, bei ständiger Rotation, über mehrere Jahre hinweg, gelang dann schließlich das Bravourstück.“ Das fragile Gut transportierte man 1974 Tausende Kilometer Richtung Süden per Schiff. „Für den Landweg durch das kaukasische bergige Gebiet hatte man sieben Jahre extra breite Brücken gebaut und sanft ansteigende Straßen in das Gestein gesprengt“, erinnert sich Valery Vlasyuk. „Um jede Erschütterung zu vermeiden, wurden die Straßen vor dem Transporter sogar mit der Hand gefegt.“
„Noch ist ein Urlaubstrip an diesen glorreichen Ort sowjetischer Wissenschaftsgeschichte ein Geheimtipp“, bedauert Tatjana Sokolova, die gerade an einer eigenen Touristen-Infowebsite auf Russisch und Englisch bastelt. „Außer ein paar wissenschaftlichen Seminaristen, einer Handvoll Esoterikgruppen, die, wie erst kürzlich, hier mit einem Gaskocher außerirdisches Leben zu orten meinten, oder heuer die Lomographen-Delegation aus Wien, die nach ihren unternehmerischen Wurzeln suchte und dabei auf die Idee kam, einen neu entdeckten Stern ‘Lomo’ zu taufen, gibt es hier nicht viele Touristen. Für eine offizielle Bewerbung fehlt uns noch die staatliche Konzession.“ Aber wen man indes zu „Forschungszwecken“ einlade, so die geschäftstüchtige Frau, bestimmten immerhin noch die Wissenschaftler selbst.

„Wir bieten hier alles, was das Urlauberherz begehrt“, ist Tatjana Sokolova überzeugt. „Nächtliche Führungen zum optischen Lomo-Teleskop, mehrtägige, traumhaft schöne Wandertouren, physiotherapeutische Behandlungen, Sauna, Schwimmbad, Tennisplatz, immerhin drei Skilifte, die älteste christliche Kirche auf russischem Boden und ein Heimatmuseum in nächster Nähe, eine Bibliothek, Personal mit sehr hohem Bildungsniveau“, lacht die Wissenschaftlerin, „und sogar eine Astrophysiker-Theatergruppe.“ Und das alles in einem staubig-eleganten Sowjet-Ambiente für die privilegierte Arbeiterklasse, in dem es nicht verwundern würde, wenn James Bond zu Tür hereinkäme, sich in die schwarze tiefgelegte Siebziger-Jahre-Ledersitzgarnitur lümmelte, einen geschüttelten Martini bestellte und dabei die Welt vor den bösen Russen retten wollte. Die Glitzersteinwände in der Lounge des Gästehauses, die Gemälde in den Gängen, die die kosmologischen Errungenschaften der Sowjetunion anpreisen, und der bunkerähnliche Speisesaal im Tiefgeschoss nebst Tanzfläche, in dem einem am Abend kaukasische Speisen zu georgischem Wein und russischem Tango serviert werden, zeugen noch von solchen längst vergangenen Zeiten. 
Und während sich oben am Berg die Augen der Astronomen in dem rot ausgeleuchteten Aufzug in die hohe Teleskop-Domkuppel schon wieder langsam an die Dunkelheit gewöhnen, träumt mancher Besucher im Tal vielleicht indessen davon, wie Dr. No ihn in den Boden versenkt.