Autor: Antje Mayer
Erschienen in: „profil“ Nr. 33/2002

Immer am Rand

Über den vergessenen Konflikt im Kaukasus

Die Tschetschenin Saira, Mutter dreier heranwachsender Söhne, hat einen Wunsch: „Ich will lieber heute als morgen zurück.“ Ihre Heimatstadt ist nicht weit weg: Nicht einmal hundert Kilometer liegt Grosny entfernt. Doch die 42-jährige Englischlehrerin ist eine Vertriebene, eine von über 300.000, die vor dem Krieg in Tschetschenien in die angrenzende Nachbarrepublik Inguschetien flüchten mussten. Seit drei Jahren nun schon wartet sie in einem Flüchtlingslager auf ihre Rückkehr.

In ihrem mit Teppichen ausgelegtem Armeezelt hat es sich Saira offensichtlich für einen längeren Zeitraum gemütlich gemacht: „Ich habe wenig Hoffnung, dass sich in naher Zukunft etwas ändert.“ Verwandte haben ihr erzählt, dass ihre Dörfer immer noch bombardiert werden. „Meine drei Söhne, 14, 17 und 19 Jahre alt, müssten längst wieder in die Schule und studieren. Aber für junge Männer ist es momentan zu gefährlich, wegen der Russen“, sagt sie. Wegen der Säuberungsaktionen der Miliz. 
Rund um das Flüchtlingslager, nahe dem Städtchen Karabaluk, haben sich die Männer in Baracken kleine Handwerksbetriebe eingerichtet: Autowerkstätten und Spenglereien. Immerhin gibt es Elektrizität und fließendes Wasser. Auf den Zelten ragen selbst gebastelte Antennen in den Sonnenhimmel. Wenn die Kinder zwischen den Zeltleinen Verstecken spielen und die Väter summend ihre Autos waschen, dann verrät nichts das Provisorische der Szenerie. Niemand hier benimmt sich so, als würde er bald von hier wegziehen. 


Denn obwohl der russische Präsident Wladimir Putin seine „Anti-Terror-Operation“ im Sommer 2000 für beendet erklärte, sterben in Tschetschenien nach Schätzungen der Menschenrechtsorganisation IHF (International Helsinki Federation of Human Rights) immer noch jeden Monat zwischen fünfzig und hundert Zivilisten eines gewaltsamen Todes. Zwischen 80.000 und 120.000 russische Milizangehörige sind in dem Kleinstaat stationiert. Und laut einem Bericht der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ kommen immer noch mehr Menschen aus Tschetschenien nach Inguschetien, als dorthin zurückkehren. 
50.000 Vertriebene hatten weniger Glück als Saira und ihre Familie: Sie wurden gar nicht erst registriert, da offiziell kein Grund mehr zur Flucht besteht. Um ihre Rückkehr in das Kriegsgebiet zu erzwingen, so der Bericht, werde die Hilfe für alle eingeschränkt. Saira bestätigt das: „Außer von einer dänischen Hilfsorganisation bekommen wir nicht mehr viel Unterstützung mit Nahrungsmitteln.“ Das russische Ministerium für Krisensituationen (Emercom) hat seine Hilfe aus strategischen Gründen auf ein Minimum reduziert, und auch die inguschetische Regierung macht Druck auf die Vertriebenen. 


Dabei scheint der Ministaat Inguschetien, der bis 1992 mit Tschetschenien die Tschetscheno-Inguschische Sowjetrepublik bildete, dem nahen Krieg eigentlich tapfer zu trotzen. Auf den saftig grünen Highlands grasen friedliche Schaf- und Kuhherden, vor dem weiten alpinklaren Horizont flackern die Feuer wilder Gasquellen und thronen die eingezäunten Clanfriedhöfe. Die türkischen Halbmonde auf den Dachfirsten der Backsteinhäuser und die Dorfmoscheen bezeichnen die Demarkationslinie zum Islam, die hier im Kaukasus verläuft. Mit Moskau versteht man sich so weit gut. Immerhin begleicht Russland neunzig Prozent des inguschetischen Staatshaushaltes, denn viel mehr als ein paar Heilquellen hat das Ländchen, flächenmäßig gerade halb so groß wie das Land Salzburg, nicht zu bieten. Als Pufferzone zum „wilden“ nahen Osten erfüllt es seinen Zweck. 


Friedlicher wäre es allerdings, gäbe es nicht allerorten die verlassenen Schützengräben, die Wachtürme und Warntafeln: „Stop. Militärzone. Achtung! Hier wird geschossen!“ Lägen da nicht die Minen in den Bergwäldern an der tschetschenischen Grenze, die vor zehn Jahren noch gar keine Grenze war und von der keiner der Einheimischen weiß, wo genau sie eigentlich verläuft. Wären da nicht die unzähligen Checkpoints, an denen uniformierte Miliz mit Splitterwesten und Kalaschnikow ohne Gruß Wegzoll und „Dokumenty“ fordert und die rostzerfressenen Wolgas, Ladas sowie die vielen neuen Mercedeslimousinen nach Waffen und Drogen durchsucht.

Auf dem Bazar von Nazran, einst ein Dorf, das wegen der Tausenden von zugezogenen Flüchtlingen heute eine Kleinstadt ist, sitzen kopftuchtragende Babuschkas auf Zement- und Mehlsäcken. Wer genau hinsieht, erkennt oft noch den vergilbten Aufdruck der Hilfsorganisation UNHCR. Das erinnert wieder daran, dass über die Hälfte der Menschen hier Vertriebene sind und der Krieg nur wenige Dutzend Kilometer weit weg ist. Und wenn der deutsche „Tic Tac Toe“- Song „Verpiss dich“ über den Basar dröhnt, bekommt das Liedchen plötzlich eine politische Note. 
Überall im Land wird gebaut und renoviert. An billigen Arbeitskräften ist unter den Flüchtlingen kein Mangel. Nahe Karabaluk stampfen die Inguscheten auf freiem Feld gar ein ganzes Regierungsviertel im Las-Vegas-Stil aus dem Boden, eine neue, ambitionierte Universität inklusive. 


Das Setting hat etwas Ironisch-Absurdes: Was in Tschetschenien zerbombt wird, wird hier in Inguschetien neu aufgebaut. Der Frieden hier nährt sich vom Krieg drüben. Das kleine Inguschetien überlebt mittendrin, zwischen den Fronten – und es lebt dabei gut. Aus volkswirtschaftlicher Sicht profitiert der kleine Staat am Ende von seiner prekären Lage. 


Die Deutsche Karin Wiedmann etwa glaubt nicht an ein baldiges Ende des Konflikts. Vor eineinhalb Jahren ist sie zur Betreuung eines Ausbildungskurses der EU nach Inguschetien gezogen: Zwanzig Flüchtlinge lernen Schneider, Friseur oder Tischler, um sich eine selbständige Existenz aufbauen zu können. „Wegen des großen Erfolges“, freut sich Wiedmann, soll das Programm nun sogar mit Unterstützung der inguschetischen Regierung weitergeführt und ausgebaut werden. Die Behörden scheinen selbst nicht mehr so recht an eine baldige Heimkehr der Flüchtlinge zu glauben. Obwohl die Teilnahme am Kurs an eine Bedingung geknüpft ist: die Gründung eines „mobilen Unternehmens“, das rasch von einem Ort an einen anderen verlegt werden kann.

Doch der Kontakt nach Hause wird zwangsläufig spärlicher, je länger sich der Konflikt ungelöst dahinzieht. Saira etwa fährt nur noch ganz selten nach Grosny, um ihre daheim gebliebenen Verwandten zu besuchen. „Vier Straßenposten und viermal Wegzoll kann ich mir nicht oft leisten“, winkt sie ab. 


Desto mehr Arbeit bleibt den Archivaren, die nicht mitansehen wollen, wie das Vergessen einreißt. Menschen wie Schachmann Ajdamirow, selbst Flüchtling und Leiter der Menschenrechtsorganisation „Memorial“. In Nazran sammelt und archiviert er Augenzeugenberichte und Fotos vom Krieg. „Kaum ein Tag vergeht, ohne dass wir von einem neuen Verbrechen erfahren. Nichts für schwache Nerven“, sagt er, während er am Computer seine Bilder durchklickt: tote, verstümmelte, zerfetzte Körper. Die Geschichte der Fotos ist unklar, ebenso wie die Identität der Täter und Opfer. Sein Kollege Ramsan Takierl, der regelmäßig nach Hause fährt und mit den Dorfbewohnern spricht, versucht, die Entstehungsgeschichte der Dokumente zu erklären: „Es kommen maskierte Männer mit Autos ohne Nummernschild, meistens nachts. Aber immer öfter auch am hellen Tag, sogar während des Schulunterrichts“, erzählt er. „Sie führen Zatschiskas durch, so genannte Säuberungsaktionen“. Dass die Soldaten ihren schlechten Sold dabei mit Plünderungen aufbesserten, sei, so Ramsan, noch das wenigste: „Willkürlich, meist unter dem Vorwand, ihre Dokumente prüfen zu müssen, werden junge Männer festgenommen und in versteckte Lager gebracht. Auch Kinder und Frauen. Viele werden gefoltert, vergewaltigt oder getötet. Und erst im Juli wurden wieder Dörfer bombardiert.“

Die Aktivisten scheinen sich jedoch beinahe damit abgefunden zu haben, dass sie mit ihren Erzählungen auf taube Ohren stoßen. Die – auch früher schon dezente – Empörung über Kriegsverbrechen im Kaukasus ist verstummt. Seit die USA den Feldzug gegen den islamistischen Terror ausgerufen haben, fühlt sich Moskau in seiner Härte gegen die tschetschenischen Rebellen demonstrativ bestätigt. 


Die Tschetschenin Leila, eine junge Frau, die als Übersetzerin arbeitet und deren Kopftuch grade mal als modisches Accessoire durchgehen würde, kann das sehr wütend machen: „Man kann doch nicht ein ganzes Volk mit Terroristen und islamistischen Extremisten in einen Topf werfen!“, sagt sie.

Als sie sich mit den ausländischen Besuchern jener Stelle nähert, wo am Horizont die tschetschenische Grenze auftaucht, wird sie jedoch sehr still. Ganz nah ist der Ort, wo sie herkommt, und doch so weit weg. Sie ist inzwischen mit einem Inguschen verheiratet. Und auch sonst würde kaum jemandem in dieser Gegend ein guter Grund einfallen, warum sie einmal heimfahren sollte.