Autor: Antje Mayer
Erschienen in:
„Report. Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft in Zentral- und Osteuropa“, April 2004

 

Im Osten viel Neues

Über die Mode- und Musikszene in Russland

„Bei minus 30 Grad essen wir Eis und bei plus 30 Grad trinken wir Wodka. Gibt es ein ausgelasseneres und kräftigeres Volk als das der Russen? Kommen Sie selbst, das alles zu sehen: Welcome to Moskau.“ (Petlura)

Wer etwas vom Fieber des Zehn-Millionen-Molochs Moskau abbekommen, wer etwas über die gelebte Trashkultur, die Mode der Sowjetunion und des heutigen Russlands erfahren möchte, muss beim Fashionanarcho Petlura in seinem unorthodoxen Kellergemach auf dem Areal eines orthodoxen Klosters mitten in Moskau vorbeischauen. Dort regiert der Kleiderkönig des Underground zusammen mit seiner Muse, der 80-jährigen „Miss Alternative World“ (London, 1988), der göttlichen Bronia, mit über 45.000 Kleidern und Objekten. Aufgehört zu zählen hat er sie schon längst, wie er sagt, seine Schätze russischer Alltags- und Modekultur, die er seit zwanzig Jahren auf seinen Raubzügen über Moskauer Flohmärkte und durch Müllcontainer zusammengetragen hat.

Hinter einer Krückensammlung längst verstorbener Rote-Armee-Veteranen stapeln sich in zerlöcherten Plastiksäcken kiloweise bunte Kleidchen mit Blumen-, Raketen- oder Traktorenmuster von der Stalin- bis zur Breschnew-Zeit. Auf einer Kleiderstange drängen sich die braunen Schuluniformen mit den typischen auswechselbaren weißen Kragen. Die ganze Sowjetunion drückte in derlei Normtracht die Schulbank bis Anfang der Neunziger. Hinter einem ausgestopften Pferd aus dem Fundus des Bolschoi-Theaters hängt Petluras Starstück: ein Raumanzug eines Mir-Kosmonauten. Daneben eine für die Ewigkeit und die Erfüllung des Fünfjahresplans gemachte Arbeiterkluft eines Kolchosenarbeiters. Dazu ein unschätzbares Unikat jüngster russischer Modegeschichte: ein Jeansjackenimitat, vermutlich einst ganzer Stolz eines jungen Russen. Das Statussymbol hatte sein einstiger Träger in westlicher Manier über und über mit Labels benäht. Neben dem Sportabzeichen der Olympischen Spiele 1980 in Moskau prangt jenes des 26. Parteikongresses der Sowjetunion. Ein berührendes Zeitdokument einer Epoche, als der Kapitalismus schon an die Türen klopfte. 
Schon Jahre, bevor dieser Einzug hielt, Mitte der Achtziger, organisierte der Ukrainer Petlura (Jahrgang 1955) in Moskau Rockfestivals, schräge Kunst- und Modeperformances und kreierte aus Flohmarktkleidern eigene Kollektionen. 1989 gründete er die alternative Freie Akademie Moskau, eine Künstlerkommune, die im ersten besetzten Kulturhaus der Hauptstadt fünf Jahre lang als Zentrum der freien Szene residierte.

Die Kinder haben die alten Idioten nie gesehen


„In Moskau wachsen nun Kinder auf, die haben die alten Idioten nie gesehen, die auf dem Mausoleum standen und mit welken Gesten die fröhliche Menge der Verdammten grüßten“, freut sich der russische Satiriker Jewgeni Popow. Mütterchen Moskau erlebt gerade seinen zweiten Frühling. Während die Kunstszene fast völlig zum Stillstand gekommen ist, dreht die angewandte Kunst auf. Alle paar Wochen eröffnet ein neuer Club. Freie Modeateliers, Labels und Designbüros werden gegründet. „Im Westen denkt man immer noch, wir würden hier lediglich Folklorekitsch oder schlechte Kopien westlicher Designer produzieren“, ärgert sich die Modejournalistin Svetlana Komissarova: „Es gibt in Russland inzwischen immerhin ein Dutzend Designer, die auf internationalem Niveau arbeiten, auch wenn der Gang nach Paris für viele erst in diesem Jahr geplant ist. Wenn man bedenkt“, so Komissarova, „wie bescheiden die Mittel der Designer sind, dass es hier so gut wie überhaupt keine verarbeitende Industrie gibt, ganz zu schweigen von einem Netzwerk, dann kann man angesichts des Engagements der Designer nur den Hut ziehen.“ 



Warme Hosen wärmen
 „Warme Hosen wärmen, Makkaroni nähren, Flugabwehrgeschütze schießen“ – so oder so ähnlich lautete einst die nüchterne Designmaxime in der Sowjetunion, in der die Moskauer Modemacherin und Künstlerin Lena Kvadrat (Jahrgang 1966) aufgewachsen ist. Inzwischen hat die erfolgreiche Nachwuchsdesignerin ihre persönliche Modegeschichte geschrieben. Nicht nur in Moskau unterhält sie eine gut gehende Boutique, seit 2002 hat Kvadrat auch in die Westbahnstraße im siebten Wiener Bezirk expandiert, Mitte Mai 2004 folgt eine Dependance in Berlin. Ihre Stoffkunstwerke werden nicht nur in zahlreichen österreichischen, deutschen und schweizerischen Boutiquen verkauft, sondern auch in Museumsshops wie dem des Wiener MAK oder des Berliner Guggenheim.

Mit ihrem Label „art point“ hat sich Lena Kvadrat, nicht zuletzt wegen ihrer schrägen konzeptuellen Präsentationen in Zusammenarbeit mit Schauspielern, Laienmodels und Electronik-DJs, die sich zwischen Theater-, Mode- und Musikperformances bewegen, zu den bekanntesten Szenestars in Moskau und Wien gemausert. Angefangen hat das Label vor knapp zehn Jahren als Künstlergruppe. Damals bedruckte Lena Kvadrat noch vornehmlich billige Accessoires wie Seidenschals mit urbanen Piktogrammen wie Verkehrs- oder Verbotsschildern, die zu Beginn eher als Pop-Art-Ausstellungsobjekte denn als tragbare Mode gedacht waren.

Geräuschvoll und postindustriell: Musik aus Russland
befindet sich augenblicklich wie kein anderes Land am Puls der Zeit und gleichzeitig hinkt es ihr hinterher. Aber Umbrüche tun der Kunst bekanntlich gut. Besonders der Musik. Während auf MTV die verkaufbare Popsoße läuft, produzieren die russischen Kids ihre eigene Musik zu Hause, sei es in Moskau und in Petersburg oder selbst in der sibirischen Provinz, ohne Rücksicht auf Politik, Tradition, Zensur, Copyright und Markt. Zum Teil auf derart alten Computern, dass auf die Festplatte nur ein Song passt, den sie dann auf eine Kassette überspielen. Dann müssen sie die Daten löschen und erneut von vorne anfangen. Kassetten stellen in Russland immer noch die wichtigsten Verteilermedien für elektronische Musik dar. „Die holen alles aus ihren alten Schrottkisten heraus. Bis Mitte der Neunziger hatten viele Cracks ihre Musikprogramme sogar noch selbst programmiert. Paradox ist, dass gleichzeitig viele Musiker mit der allerneuesten Software arbeiten, die es auf dem perfekt organisierten Schwarzmarkt zu einem Spottpreis zu kaufen gibt“, erzählt der Elektronikmusik-Experte Andrej Gratchiov. 



Was die Russen zusammenbrauen, bezeichnet der 31-jährige Moskauer als „sehr geräuschvoll und postindustriell“. „Denn in Sibirien gibt es so viele Fabriken. Unsere Städte sind grau und die Gesichter der Leute sind es auch. Unsere elektronische Musik ist daher so viel melodischer als im Westen. Unsere Sounds wollen schon cool sein, aber dabei unbedingt relaxed und friedlich daherkommen. Stets schwingt ein wenig Melancholie dabei mit.“ Das kann der russische Elektronikmusiker Richard Norvila nur bestätigen: „Ich hasse elektronischen Sound, für den man das ganze Booklet durchackern muss, um ihn zu verstehen. Für mich soll er direkt in den Stoffwechsel gehen.“ Seine eigenwilligen Elektronikmärchen wie „Am Lagerfeuer“, das von den Pionierlagern in seiner Kindheit erzählt, sind dramaturgische Tondichtungen, die sich erlauben, ironisch und kitschig zu sein. „Kitsch“, wieder so ein Begriff, mit dem die Russen erst zögernd im Zuge einer eigenen kulturellen Reflexion etwas anzufangen wissen.

Musikmarkt in Händen der Mafia
Auf ein funktionierendes Vertriebssystem können die Elektroniker für ihre Musikexperimente allerdings nicht zählen, auch die Auftrittsorte sind immer noch rar gesät. Und die CD- und Plattenfabriken, die irgendwelche dubiose Geschäftsleute betreiben, würden bestenfalls bei Stückzahlen von 100.000 ihre Maschinen wieder anschmeißen, meint der Elektronikhistoriker Andrej Gratchiov. Auch die Vermarktung populärer Musik organisiert die Mafia. „Die Vertriebssysteme von MCs und CDs sind in den Regionen zu 95 Prozent in Händen von Piraten. In Moskau sind sie immerhin zu 60 Prozent legal“, erzählt Markus Tröscher, Consultant von Warner Brothers Russland. „In die entlegenen russischen Provinzen werden für gewöhnlich nur die Inlays an die Hersteller geliefert. Die produzieren die Musikträger vor Ort selbst.“ Geld und Promotion gibt es ausschließlich für „MTV-Sound“, wie die Russen ihren schmalzigen Russenpop nennen. „Wer in Russland Geld hat, investiert ins Glitter- und Glamourgeschäft und leistet sich einen Popstar. Das gehört zum guten Ton“, hat es Tröscher erlebt. Mitte der Neunziger war Techno, Drum 'n' Bass und Trance bis in die abgelegensten Städte Sibiriens extrem populär. Präzise bis Oktober 1998, da kam nicht nur die Rezession, sondern da legte auch MTV in Russland los. „Die Popmusik“, bedauert Andrej Gratchiov, „hat uns das Wasser abgegraben, aber wir verdursten noch lange nicht.“