Autor: Antje Mayer
Erschienen in: „spike ART QUARTERLY“ Nr. 11/2007

spike

International Center of Contemporary Art

Cult.bg

Sofia Art Gallery
programata

Europäisch = Besser

Sofias Kunstszene kämpft ums Überleben. Mit Erfolg.

„In Zeiten des Kommunismus war der einzige Anspruch an die Kunst, dass sie unterhält und schön ist“, so die bulgarische Kuratorin Iara Boubnova.

„Heute denken die Menschen und ihre Regierung in Bulgarien leider nicht viel anders darüber.“ Wir sitzen mit Iara in einem der unzähligen neuen schicken Lokale von Sofia, im „Opera“, das in diesem typischen mediterranen „Schöner-Wohnen“-Stil designt ist. Auf der Karte: Crossover-Küche, nur keine bulgarische. „Bulgarisch isst man bei uns zu Hause“, klärt uns später der Künstler Pradvoliub Ivanov auf. „Das Wort ‚europäisch’ ist in der bulgarischen Sprache das Synonym für ‚besser’ ”, tröstet uns auch Iara Boubnova und zeigt nach draußen, wo an den Stadträndern und in jeder Baulücke dieses Stil-, Völker- und Religionskonglomerats Sofia neue Wohnblöcke in einem gesichtslosen internationalen Stil hochgezogen werden. 


Behausungen für den globalisierten Ikea-Menschen. Auf den ersten Blick modern, auf den zweiten bröckeln bereits die ersten Verputzteile ab, obwohl die Bauten nicht einmal ganz fertiggestellt sind. Nicht selten haben die Bewohner keine Heizung in diesen neuen Häusern, denn an die Leitungen für die Fernwärme hat der Bauherr nicht gedacht, so wenig wie an asphaltierte Straßen oder eine lokale Infrastruktur. Aber nicht in dem chaotisch wuchernden Stadtzentrum und den unwirtlichen Rändern, sondern in den wunderschönen Hügellandschaften zum schneebedeckten Vitoša-Gebirge vor Sofias Toren wohnen sie, die Neureichen in quasi „Prohibited Areas“ und die Ausländer, die sich dort den Traum vom Eigenheim realisiert haben, vor allem pensionierte Japaner und Briten. Völkerwanderungen der anderen Art.

Die gebürtige Russin Iara Boubnova, die in den Achtzigern für ihre Ehe mit einem bulgarischen Mann auch nach Sofia von Moskau übersiedelte, agiert heute als eine scharfzüngige Kritikerin der Verhältnisse im Land und als eine Art Sprachrohr Bulgariens im Westen. Die Kunsthistorikerin ist eines der Aushängeschilder der gegenwärtigen Kunstszene und sie gehört jener Generation bulgarischer Kunstvermittler und Kulturschaffender an, die Ende der Achtziger Jahre, kurz vor der Wende, also relativ spät im Vergleich zu anderen kommunistischen Ländern, mittels alternativer Projekte, Performances und Aktionen gegen die althergebrachte Kunstdoktrin von Unterhaltung und Schönheit aufbegehrten.

Übrig geblieben sind heute ein paar Hartnäckige aus dieser Zeit, mit denen sie 1993 das International Center of Contemporary Art (ICCA) in Sofia gründete. Mit dabei sind Künstler wie Mariela Gemisheva, Alla Georigieva, Pravdoluib Ivanov, Nedko Solakov oder die Kuratorin Maria Vassileva. Jüngere Mitglieder sind seit der Gründung eher weniger dazugekommen, weil die lieber ihr Glück im restlichen Europa, im „Besser-Land“, suchten. 


Die Daheimgebliebenen organisieren an ständig wechselnden Orten, vor allem in illegalen Privatclubs und -cafés, die in Sofia in unregelmäßigen Abständen geboren und begraben werden, Lesungen, Debatten und Performances zur zeitgenössischen Kunst. Die Veranstaltungen werden über das Internet oder Mundpropaganda weitergesagt. Einen festen Ort hat die zeitgenössische Kunst derzeit nicht, nicht einmal im ICA, das Räume sucht, bestenfalls noch in der Sofia Art Gallery.

Auffällig stark in Sofias Kunstszene sind die Frauen vertreten, nicht zuletzt durch Vereinigungen wie „The 8th March Group of Women“, die 1997 als Reaktion auf die Ausstellung „Erotica“ gegründet wurden, in der ausschließlich männliche Künstler zu sehen waren. Engagiert sind dort jüngere international erfolgreiche Künstlerinnen wie Daniela Kostova, Boriana Dragoeva oder Adelina Popnedeleva. Einen fixen Veranstaltungsort hat aber auch sie nicht, außer dem Internet.

Die Kuratorin Iara Boubnova ist besonders stolz darauf, dass sie damals, vor allem im Jahr 1996, als ganz Bulgarien in wirtschaftlicher Anarchie versank und die Inflationsrate bei 1.000 (!) Prozent lag, kein „unsauberes Geld“ für ihr Projekt ICA annahm. „Wir befanden uns damals mitten in einem Wende-Trauma, das wir gar nicht verarbeiten konnten, denn wir saßen ja mittendrin.“ Dieses „Trauma“, von dem viele Künstler, die wir in Sofia treffen, erzählen, manifestierte sich, vor gerade einmal zehn Jahren, mitten in Europa noch schlichtweg in Hunger. „Unsere Großeltern mussten betteln gehen und wir wussten teilweise nicht einmal, wo wir unser Brot kaufen sollten“, kann sich Iara noch erinnern.

Es ärgert die Kuratorin Boubonova nicht, dass die aktuelle „Leonardo da Vinci“- Ausstellung in der Sofia Art Gallery (aus Deutschland), der ganze Stolz der Sofiter, so gut besucht ist. Im Gegenteil. Es war die erste Schau, die sogar im Fernsehen beworben wurde. Eine absolute Neuheit für das Land. Es ärgert Iara lediglich, dass man bisher keine qualitativ hochwertigere internationale Kunst-Ausstellung, eine, die diesem Namen verdient, nach Sofia bringen konnte. Nur Faksimile, kein einziges originales Stück sei nämlich von da Vinci zu sehen. „Eine große Picasso-Ausstellung, um nur ein Beispiel unter vielen zu nennen, würde uns niemand nach Sofia ausleihen. Wir sind die dritte Klasse, das ärmste Land der EU und wir sind weder ein politisch noch wirtschaftlich interessanter Partner. Wir können keine interessanten Gegengeschäfte anbieten, und man würde wohl niemanden hier finden, schon gar nicht die Regierung, der ein solches Event versichern möchte“, ärgert sich Boubnova. 
Hoffnung macht den Sofiter Künstlern das schottisch-bulgarische Team Chris Byrne und Iliyana Nedkova, das im Herbst 2007 die „erste kommerzielle Galerie nach internationalem Modell“ in Bulgarien eröffnen will. „Wir glauben, es ist eine sehr optimistische Zeit, um eine Galerie in Sofia zu eröffnen“, findet Chris Byrne. „Wir haben praktisch keine Konkurrenz, denn die übrigen Galerien in Sofia agierten bisher eher wie Shops, die alte Meister, Ikonen oder akademische Kunst verkaufen. Durch den Beitritt der EU haben wir weniger Probleme mit dem Zoll, auch stabilisiert sich im Land langsam die ökonomische Lage. Dass es bislang keinen Kunstmarkt gab, sehen wir eher als Herausforderung, endlich einen zu etablieren.“ Sich nur auf den kleinen bulgarischen Markt zu konzentrieren, können sich die beiden jedoch auch nicht leisten, und deswegen spezialisieren sie sich zudem auf Künstler aus Serbien, Bosnien, Estland und nehmen auch britische Künstler ins Programm. Auch auf internationalen Kunstmessen werden sie in Zukunft verkaufen und mit ihnen ein Stück zeitgenössischer bulgarischer Kunst in die große und nicht immer so weite Welt: „Sofia ist auch deswegen so interessant, weil es in der Nähe von wichtigen Kunstzentren liegt: nahe Athen und Istanbul im Südosten und natürlich nahe Wien im Nordwesten.“ Mitten auf dem Balkan eben.