Autor: Antje Mayer
Erschienen in: „Kunstzeitung“ Nr. 5/2007

Wilde Sissi und so Sachen

Wien hält Hof. Höfliches und Unhöflichkeiten aus der „blühenden“ Stadt.

War neulich im schönen Wien. Im Prater staksen die dick behüfteten Hausfrauen mit ihren Nordic-Walking-Stöcken in den knospenden Kastanienalleen, die Schanigärten am Naschmarkt sind von zersausten Bobos und ihrem antiautoritär-kreativ nörgelnden Nachwuchs bevölkert und auch die Kunst, genauer gesagt, das „Belvedere blüht auf!“. So verkündet es Frau Agnes Husslein-Arco, die seit Anfang des Jahres 2007 agierende Direktorin der „Österreichischen Galerie“ (ab sofort internettauglich kurz „Belvedere“ genannt), in einer Broschüre, die in meine bescheidenen Hände gelangte.

Ich glaubte erst, dass diese sendungsbewusste Lady ihr großes Museum in Hinkunft gänzlich alleine führen würde, denn statt „wir planen“ oder „mein Team macht“ las ich in dem kurzen Text in jedem zweiten Satz das eitle Wörtchen „Ich“. Ist das der berühmte Wiener Charme? Ich wurde eines Besseren belehrt. Wie man aus ihrer Zeit als Direktorin in Salzburg am Museum der Moderne wisse (Husslein: „die vier schwierigsten Jahre meines Lebens“), beschränke sich die Sozialkompetenz dieser blaublütigen Seitenblickefrau standesgemäß auf ihresgleichen (Stichwort „Charity“) und weniger auf die ihr Untergebenen. Deswegen sei die Dame auch von oberster politischer (rechter) Stelle auf diesen Posten, trotz des Salzburg-Debakels, beordert worden. Ich war erleichtert. In Österreich funktionieren die guten alten k. u. k. - Hierarchien immer noch. Auch wenn es im schönen Alpenland, im Gegensatz zu Deutschland, ja verboten ist, den Adelstitel noch zu tragen. Man lebt ihn dort!
Apropos: Während Husslein in diesem Wiener Societytheater die gestrenge Herrscherin mit Steppjacke und Haarreif zu geben scheint (Outfit-Motto: „Komme gerade von der Jagd“), spielt ihre beste Freundin Francesca von Habsburg („Unsere Kaiserin“, Titelblatt „Seitenblicke Magazin“) sozusagen die wilde Sissi. Zur Kunstmesse „Viennafair“ (26. bis 29. April 2007) lässt sie die wüste Kunst-Girl-Band „Chicks on the Speed“ wüten, die mit den Künstlern Douglas Gordon und Christopher Just die Performance „ART RULES!“ zum Besten geben werden. Eine Art Materialschlacht mit Musik und Medien (im Gartenbaukino am 28. April 2007, 21 Uhr). Nicht schlecht. Ein bisschen internationaler Underground tut dem – zugegeben doch etwas zu selbstreflexiven und gemächlichen – Wien gut. Und danach oder davor steigt sicher wieder eine dieser rauschenden Künstler-Partys in Francesca von H.s gestylten Wohnung direkt über deren TBA21-Galerie, auf der die Gastgeberin (laut Vogue auch „La Magnifica“ genannt) sich meist gar nicht nach Hofetikette benimmt.
Apropos: Auch nicht gerade elegant gab sich letztens der Wiener Ex-Aktionist Günther Brus, der nach seinem ersten fiktiven – nun wiederaufgelegten – Buch „Amor und Amok“ (Residenz Verlag) im März sein Memoirenwerk „Gutes, altes Wien“ (Verlag Jung und Jung) publiziert hat. Er schiss zwar nirgends auf den Tisch wie anno dazumal, 1968, in der Wiener Universität, sondern pinkelte dafür in einem Interview in der „Zeit“ seinen Kollegen verbal ordentlich ans Bein: Otto Muehl sei ein „Kunst-Ceauşescu“, seine Malerei sei heute „pure Scheiße“, bei der „keine Entwicklung sichtbar“ sei. Hermann Nitsch, mit dem Brus fortwährend im Disput liege, wäre ein „Fließbandkünstler“ und ein „Grammelknödelheidegger“. Aktionismus der Worte statt der Bilder, in dem doch immer auch ein Fünkchen Wahrheit liegt und dem sich Brus fürderhin ausschließlich verschreiben möchte.
Nackte Wahrheiten präsentierte auch vor Kurzem – in Anwesenheit von Opernball-Baulöwe Richard Lugner und seiner jüngst angeblich busenvergrößerten Mausi – höchstpersönlich Dolly Buster in der Ausstellung „Fine Nude Art“ in der Wiener Galerie Augustin (bis 21. April 2007). Nicht etwa eine Silikon-Striptease-Performance war dort zu bewundern, sondern klassische Malerei auf Leinwand aus den Händen der mittlerweile schon etwas angereiften Pornoqueen höchstselbst. Aufgepeppt wurde das hochqualitative Werk dann noch von Arbeiten des (offensichtlich selbst ernannten) „Star-Fotografen“ Manfred Baumann. Es soll Kritiker geben, die meinen, auf solchen Events offenbare Wien sein provinzielles, geradezu clownmaskenartiges Gesicht. Wer wird denn so streng sein!
Schauen wir doch einmal in die „echte“ Provinz, äh Peripherie von Österreich, denn dort hätten laut Peter Pakesch, Direktor des Kunsthauses Graz und des Joanneums, doch im 20. Jahrhundert die künstlerischen Experimente alle stattgefunden, die in den Hauptstädten nicht möglich gewesen seien, zum Beispiel in Basel und Mönchengladbach: „Heute möchte sich auch Graz als europäischer Player definieren“, verkündet Pakesch resch. Ein hehres Ziel, das nur leider die Grazer offensichtlich selbst nicht anstreben.
Aber von vorne: Pakesch schien – als er dies auf dem „Kunsthaus-Jour-fixe“ (am 27. März 2007) verkündete, wohl noch ganz von dem Skandal der vergangenen Wochen um das Kunsthaus Graz benommen. Das war jüngst unter Beschuss geraten, vor allem durch einen Artikel in der „Kleinen Zeitung“. Unter dem Titel „Wo das Nichts nichtet“ wurde dort das Programm und die Architektur des Kunsthauses Graz scharf kritisiert, was eine Welle an Solidaritätsbekundungen von Kulturgrößen, vorwiegend guter Freunde von Pakesch freilich, aus der ganzen Welt zur Folge hatte, jedoch den Konflikt damit nur noch eskalieren ließ.
Grazer Finanzstadtrat Wolfgang Riedler stellte somit auch bei ebenjenem „Jour fixe“ ein provokatives Lob des Mittelmaßes in den Raum, was viele Grazer wohl eher als „volksnah“ begrüßen würden. Architekt Wolfgang D. Prix (Coop Himmelb(l)au) sah das aber dann doch gewohnt skeptisch: „Das schreckliche am Mittelmaß ist, dass es verhindert, dass etwas passiert.“ Genau. Dann doch lieber Dolly Busters überdurchschnittliche Oberweite!

In diesem Sinne: Servus! Baba!