Autor: Antje Mayer
Erschienen in: Kunstzeitung 07/2006

A b'soffene G'schicht!

„Nächstes Mal passen Sie aber besser auf Sally auf!“, raunt das deutsche Touristenpaar zum Abschied der Aufsicht am Ausgang des Kunsthistorischen Museums in Wien zu. Sie hätten, so feixen die beiden, „großes Ehrenwort, diesmal nichts mitgenommen.“ Das Personal macht eine verklemmte gute Miene zum peinlichsten Spektakel, das die Republik Österreich in den vergangenen Jahren erleben durfte. Sogar eine Nationalratssondersitzung wurde zu dem Fall einberufen.
Für die, die es nicht verfolgt haben: Seinen Anfang nahm das Desaster an einem lauen 11. Maiabend vor knapp drei Jahren, als der österreichische Sicherheitstechniker Robert Mang bei einem Drink stand und sich dachte: „Jetzt gemmas an.“ Aus einem „Drang heraus“ kletterte er über das nicht gesicherte Baugerüst durch ein Fenster in das Museum – die Jalousie war offenbar das am schwersten zu nehmende Hindernis – und verließ den Schauplatz, die Saliera („Sally“) relaxt unter den Arm geklemmt, die er schließlich – diesmal sicher – unter seinem Bett verstaute. Ein Coup von Nestroy'scher Leichtigkeit, Stoff, aus dem Komödien sind!
Der Kunstschatz, einer der wertvollsten der Welt, mit einem Schätzwert von 50 Millionen Fantasie-Euro, ist ein goldenes Salzfass aus der Hand Benvenuto Cellinis (1540–43), das nicht unter Panzerglas stand. Die Alarmanlage hatten die Wächter ignoriert. „A b'soffene G'schicht!“ So der Anwalt des Räubers, der mittlerweile im Gefängnis sitzt.
Sally ist inzwischen – etwas lädiert – wieder im Kunsthistorischen zurück, von vier Leibwächtern mit bitterernster Miene bewacht. Zur Wiedersehensfreude war jedoch kaum Zeit, denn bald wurde bekannt, dass am 19. November 1996 ein ägyptischer Papyrus während der Öffnungszeiten einfach von der Wand genommen worden war, aber immerhin vor Kurzem anonym wieder zurückgegeben wurde.
Wilfried Seipel, dem das alles nicht peinlich genug zu sein scheint, klammert sich mit einem jährlichen Managergehalt in der kolportierten Höhe von um die 238.000 Euro pro Jahr an seinen prestigeträchtigen Direktorensessel wie ein Affenbaby an seine Mutter. Immerhin hat das Haus ja noch nicht so lange überhaupt elektrisches Licht, wie soll man da verlangen, dass es auch noch internationalen Sicherheitsanforderungen entspricht.
Vielleicht sollte Seipel, der wegen negativer Rechnungshofberichte zusätzlich ins Zwielicht geraten war, einmal eine – unkorrekt abgerechnete – Dienstreise weniger machen, in sich gehen und überlegen, warum er ein derart hohes Gehalt bekommt. Nicht, weil er mit der zuständigen Ministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP), die sein erstes Proforma-Rücktrittsangebot – welch Wunder! – ablehnte, angeblich gemeinsames Privates und eine penetrante Hartnäckigkeit teilt, sondern weil er für eine der größten und wertvollsten Kunstsammlungen der Welt verantwortlich ist. Eine unglaubliche Verantwortung, die ihr Geld ohne Frage wert ist. Oder auch nicht (mehr). „In Frankreich wären sogar zwei Leute ihren Posten los“, so Ex-KHM-Direktor Hermann Fillitz. „Der Direktor und auch der Minister.“
Jetzt, wo Sally zurück ist und die Klimtbilder zudem endgültig weg, wäre dafür ein guter Zeitpunkt.