Autor: Antje Mayer
Erschienen in: „Report. Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft in Zentral- und Osteuropa“, Oktober 2004

„Wir gehen in den USA keinen guten Zeiten entgegen“

Eric Pleskow im Gespräch

Sie haben zwei Leidenschaften neben dem Film: Ihre Hunde und die Politik. Eine für uns in Europa brennend interessante Frage: Wie schätzen Sie als vermögender US-Bürger, Kulturschaffender und Jude den jetzigen Regierungskurs von George W. Bush ein?
Wir gehen in den USA keinen guten Zeiten entgegen. Ich lebe in diesem Land nun seit 65 Jahren und so etwas wie gerade habe ich noch nicht erlebt. Es ist an der Tagesordnung, dass in der Politik und den Medien schamlos gelogen und beleidigt wird.

Der amtierende amerikanische Präsident liegt zum Zeitpunkt dieses Gesprächs in den Umfragewerten dennoch vor John Kerry. Angesichts der bekannten Sachlage schüttelt so mancher Europäer seinen Kopf darüber. Was ist los jenseits des Großen Teichs?
Woher besitzt die Bush-Regierung nur den Nerv für ein solches Benehmen? Weil sie viel, viel Geld besitzt und damit Macht, leider sogar demokratische. Die Hälfte der US-Bürger wählt ihn immerhin. Vielleicht haben Regisseure wie Michael Moore die Kraft, endlich etwas in eine andere Richtung zu bewegen.

Agiert der Regisseur Michael Moore mit seinen Filmen nicht in der gleichen populistischen Manier wie seine Gegner, denen er ja gerade deren Holzhammermethoden vorwirft?
So ein Typ „Aufmischer“ wie Moore ist medial gut verwertbar, die Medien brauchen jemanden, der ihnen eine Vorlage liefert. Er macht das strategisch sehr intelligent. Sie wissen ja, schon Lenin forderte: „Gebt mir die Leinwände der Welt ...“

... die Sie ja mit ihren Filmen weitaus erfolgreicher als Lenin und Michael Moore bespielten. Man denke nur an „Das Schweigen der Lämmer“ oder „Der mit dem Wolf tanzt“, die Sie neben vielen anderen bekannten Filmen produziert haben. Woher rührt nur Ihre goldene Nase für den richtigen Film zur richtigen Zeit?
Fragen Sie bitte meine Frau! Sie erinnert mich von Zeit zu Zeit daran, dass ich durchaus auch Misserfolge hatte. Ein Geheimrezept gibt es für meinen Erfolg nicht: Ich habe eher einen guten Geschmack, was das Drehbuch, den Regisseur und die Hauptbesetzung betrifft. Dieser Geschmack wurde sicher auch durch meine Kindheit und Jugend in Wien und Österreich geprägt.

... das dürfte einigen Wienern und Österreichern wie Öl runtergehen ...

Außerdem interessieren mich mehr die Inhalte, die eine Aussage über das menschliche Dasein, die „human condition“, treffen. Die Technologie eines Filmes ist mir im Grunde egal. Früher produzierte man einen Film in ein paar Wochen, heutzutage wird manchmal über 18 Monate gedreht. Dieser Zirkus rundherum! Dann diese einfach unglaublichen Mengen an Geld, die für einen Film verpulvert werden. Die Qualität ist dadurch nicht unbedingt besser geworden.

Sie outen sich gerade als ein Fan des europäischen Films?
Ich habe, wie Sie wissen, bei meinen Filmen sehr oft für europäische Regisseure votiert: Nehmen Sie den Tschechen Miloš Forman. Stoffe wie „Amadeus“ interpretiert so einer nicht besser, aber doch vielleicht passender als ein US-Amerikaner.

Apropos Europa: Wut oder Freude? Was ging in Ihnen in diesem Moment vor: Sie mussten 1938 nach dem „Anschluss“ Wien in Richtung USA verlassen, weil Sie Jude sind. Knapp ein halbes Jahrhundert später, 1997, klingelte bei Ihnen zu Hause das Telefon. Man fragte Sie, ob Sie nicht Präsident der Viennale werden möchten ...
Ach, wissen Sie, ein Teenager von 14 Jahren war ich damals, und angesichts der Umstände froh, wegzukommen. Aber Ironie beiseite! Jahrzehntelang verband mich nichts mehr mit der Stadt, auch wenn ich von Zeit zu Zeit geschäftlich hier war. Alle meine Verwandten, Bekannten und Freunde hatten – genauso „freiwillig“ wie ich – das Land verlassen.

Diplomatische Antwort, die wohl heißen soll: Sie waren demnach erst einmal sehr skeptisch?
Die ORF-Journalistin Gabriele Flossmann hatte mich damals als Präsident der Viennale vorgeschlagen. Sie hatte noch Kontakt zu mir gehalten. Ihr vertraute ich. Aber schon 1971 war man aus Österreich wieder auf mich zugekommen. Man hatte mir das Goldene Ehrenzeichen der Stadt Wien angeboten. Für was kriege ich das, fragte ich mich damals. Ein paar Jahre zuvor wollten die mich noch umbringen! Ich habe die Entscheidung dann meiner Mutter überlassen. Sie sagte zu.

Ihre Mutter ist in Budapest geboren, ihr Vater in Russland. Für zwei Wiener ganz typische Biographien, ein Blick ins Wiener Telefonbuch genügt als Beweis. Was verbindet Sie heute noch mit dem „Osten“, der sich „hinter“ Wien erstreckt?
Für mich ist die Osterweiterung wichtig und eine einmalige Gelegenheit für Österreich. Wir werden an dem Thema auch bei der Viennale nicht vorbeigehen. Alte Liebe rostet nicht. Aber alle k. k. Nostalgiker seien gemahnt: Die Zeit verwischt die Erinnerungen an das Schlechte und will nur das Gute sehen. Es herrschte in Österreich damals nicht nur schon eine antisemitische Atmosphäre vor, sondern auch eine antislawische.

Bei der Viennale merkt man heuer jedoch wenig von der „alten Liebe“. Es wird eine kaum nennenswerte Anzahl von Beiträgen aus Zentraleuropa gezeigt. Im Jahr der Osterweiterung kann man das fast schon als Statement werten. Ist da doch was gerostet?
Die Beiträge werden wegen ihrer Qualität ausgewählt und nicht wegen ihrer Nationalität. Das Programm gestaltet außerdem Hans Hurch, nicht ich. Aber ich halte nichts davon, von vornherein Filme aus dieser Region abzulehnen, weil vielleicht derzeit ihr Ruf teilweise schlechter ist als ihre tatsächliche Qualität.

Als Präsident der Viennale können Sie doch dafür sorgen, dass mehr Filme aus den einstigen Ostblock-Staaten und Ex-Jugoslawien gezeigt werden?
Im nächsten Jahr wird der Anteil mittel-, süd- und osteuropäischer Filme bei der Viennale mit Sicherheit höher sein. Dafür möchte ich auch persönlich sorgen. Es gibt immer Neues zu entdecken und dafür muss man offen bleiben. Keine Vorurteile! Ich finde, unsere neuen Nachbarn müssen das Gefühl bekommen, voll und ganz akzeptiert und nicht nur geduldet zu sein.

Wir danken für das Gespräch.