Autor: Antje Mayer
Erschienen in:
„Report. Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft in Zentral- und Osteuropa“, September 2006


Anna Ceeh

Laton

„Was soll man in den kalten Polarnächten außer Musik auch sonst machen?“

Anna Ceeh und Franz Pomassl bringen mit ihrem Label Laton Musik aus dem wilden, exotischen Osten in den Rest der Welt.

Ihr seid mit eurem Label „Laton“ seit mehreren Jahren im Osten unterwegs, um die weißen Flecken auf der musikalischen Landkarte zu erkunden, Musiker von dort zu publizieren und im Westen zu promoten. Hat dieser Osthype nicht inzwischen schon einen ellenlangen Bart?
Franz Pomassl: Bratislava, Prag, Zagreb und so weiter werden immer so groß als der exotische, unentdeckte „Osten“ verkauft. Es gab bekanntlich zu Kaisers Zeiten eine Straßenbahn von Wien nach Bratislava. Das war selbstverständlich. Die Zeit während des Eisernen Vorhangs war im Nachhinein betrachtet ein trauriges Zwischenspiel. Er ist längst weg, aber in den Köpfen existiert er leider noch immer. Die „Ost-Szenen“ waren für uns schon vor 15 Jahren ein Thema. Sogar vor 1989. Wir haben ab 1990 bereits mit dem Club-U (jetzt Subclub) in Bratislava zusammengearbeitet oder zum Beispiel mit dem Musiker, Künstler und tranzit.sk-Leiter Boris Ondreička. Weiße Flecken gibt es dort für uns keine mehr, auch wenn manche meinen, mit diversen EU-Fördergeldern derzeit verzweifelt diese Szene an die Oberfläche spülen zu müssen. Dabei schwimmen sie bereits. Musikalisches Neuland findet man viel östlicher, in Murmansk über dem Polarkreis oder in Wladiwostok am Japanischen Meer. Diesen Szenen gilt derzeit unser Interesse.

Auf welche musikalischen Entwicklungen seid ihr dort gestoßen?
Anna Ceeh: Erst einmal sind wir auf die unglaublichen Dimensionen gestoßen, die in dem utopischen Charakter der Musikproduktion letztlich ihren Ausdruck finden. Selbst uns Russen ist die Größe unseres Landes nicht bewusst. Ich komme aus dem russischen Westen, aus Sankt Petersburg. Dort entdeckte ich kürzlich eine Anzeige in der U-Bahn, auf der für Telefontarife geworben wurde. Es gab einen Tarif nach Moskau, einen Tarif nach Zentralrussland und einen „In-den-Rest-der-Welt“-Tarif. Hinter dem Ural beginnt also auch für die Russen schon der Rest der Welt! Man muss sich allein die Einwohnerzahl Moskaus vor Augen halten: Mit geschätzten zwölf Millionen ist die Stadt größer als ganz Österreich.

Kann man demnach von einer musikalischen Szene in diesen geografischen Großgebieten sprechen? Es müssten dort ja tausende solche existieren.
F. P.: Doch, das kann man erstaunlicherweise schon. Es gibt etwa die Tradition, Musik mit aktuellen technologischen Erfindungen in Verbindung zu bringen. Man denke etwa an die historische Erfindung des Theremins, eines der ersten elektronischen Musikinstrumente, das der russische Physiker Lev Sergejewitsch Termen im Jahre 1919 entwickelte.
Deswegen gibt es viele aktuelle Musiker, die eine hoch qualifizierte naturwissenschaftliche Ausbildung vorzuweisen haben, und damit eine Szene, wenn man so will, die sich auf hohem Niveau experimentell mit elektronischer Musikproduktion beschäftigt, oft gepaart mit Performance- und Medienkunst. Das ist ein interessantes Phänomen in Russland.

Hat sich diese Szene für elektronische Musik ähnlich wie im „Westen“ entwickelt?
F. P.: Als in der Sowjetunion die ersten Computer für die Bürger erhältlich waren, produzierten die jungen Leute genau wie bei uns damit Musik, nur eben mit Sowjetgeräten, die sich anders anhörten. Aber der Drang, akustisch zu forschen, den unmöglichsten Dingen Töne zu entlocken, war der gleiche. Außerdem waren die Menschen ja damals wie heute nicht aus der Welt. Sie kamen „im Rest der Welt“ schon an ihre Informationen heran. Murmansk ist eine der größten Hafenstädte der Region.

Man mag kaum glauben, dass am Polarkreis musikalisch tatsächlich viel los sein könnte …
A. C.: Die Moskauer und Leningrader kommen und kamen kaum in die Polargegend, die kulturell eher vom Westen, von Norwegen und Finnland, beeinflusst wurde. Murmansk liegt 26 Zugstunden von Sankt Petersburg entfernt. Kulturell war diese abgelegene Gegend deswegen so lebendig, weil in Sowjetzeiten oft qualifizierte Fachkräfte dorthin geschickt wurden, die auch ein entsprechendes urbanes Niveau an den Tag legten. Das gilt im Übrigen auch für Wladiwostok. Ganz zu schweigen davon, dass kaum eine Familie in Murmansk lebt, in der nicht wenigstens ein Mitglied bei der Marine dient. Die Matrosen haben mehr von der Welt gesehen als wir alle zusammen. Sie brachten immer schon Musik aus aller Herren Länder nach Hause und natürlich auch die neueste Mode und Technologie. Allgemein gilt, dass der Norden dadurch insgesamt musikalisch immer aktiver war als der Süden. Was soll man in den kalten Polarnächten außer Musik auch sonst machen?

Wir sprechen immer eurozentrisch vom musikalischen Einfluss aus dem Westen. Ist und war der denn so wichtig in Russland? In Wladiwostok, von wo euer Laton-Künstler Evgeny Beresnev aka Park Modern kommt, liegt Asien praktisch vor der Haustür.
F. P.: Die Situation dort ist insofern hermetisch, als man im großen Russland physisch noch stark verortet ist, nicht reist, nur virtuell durch das Internet. Die Grenzen sind nicht offen, alles ist weit weg und das Reisen dadurch teuer. Avantgarde-Musik wird ausschließlich über das Netz vertrieben. Bei uns noch Zukunftsmusik, dort schon Realität. Man hat sozusagen einen Schritt einfach übersprungen. Evgeny Beresnev hat durch diese Situation sogar Fans in Südamerika.

Deswegen hat Putin wohl so Angst um seine Macht. Die Bürger orientieren sich – wenn auch virtuell – nicht mehr in Richtung Moskau?
F. P.: Nach Wladiwostok kommen keine DJs aus Moskau auf Durchreise vorbei, allerdings auch keine aus Asien. Es gibt keinen einzigen selbstorganisierten Club, Bar oder Galerie. Produziert wird zu Hause, und dennoch: Skurrilerweise kann man für die achtziger und neunziger Jahre fast die identischen Musikproduktionsweisen feststellen wie im Westen, bis hin zum Styling der Musiker. New Wave, Minimal, Ambient. Zeitgleich!

Wie kommt das?
F. P.: Musik – und Kunst im Allgemeinen – ist wohl weniger vom politischen System abhängig, als man glaubt. Österreich war in den Achtzigern, als ich musikalisch mit meinem Partner Alois Huber aktiv wurde, nicht weniger hinterm Mond. Insofern die gleiche Situation. Wenn Bands eine Europa-Tournee machten, kamen die gar nicht erst nach Wien. Das war schon Ostblock für die.

Wenn es keine Clubs und Studios in den erwähnten Gegenden Russlands gibt, wo und wie entsteht dann die Musik?
A. C.: Die Musiker verdienen als Fachkräfte verhältnismäßig gut und haben technisch bestens ausgerüstete Studios zu Hause, angesichts derer Musiker aus Wien neidisch werden könnten. Die Software und Geräte kann man billig auf dem Schwarzmarkt kaufen, und das sehr schnell, nachdem sie auf den Markt gekommen sind. Kein Grund zum Neid. Diese entlegenen Gebiete waren und sind auch ökologische Wüsten mit klimatisch schwierigen Bedingungen. Die durchschnittliche Lebenserwartung der männlichen Bevölkerung lag 1994 in Russland bei gerade 57 Jahren. „Wir sind ein sterbendes Volk“, klagte eine große Moskauer Tageszeitung. In Murmansk soll sie noch weit darunter liegen. Es fällt auf: Auf der Straße sieht man kaum ältere Menschen. Viele musikalische Pioniere der Neunziger sind zum Teil schon gestorben, viele auch, weil Drogen und Alkohol im Spiel waren, ein Ersatz für den Psychotherapeuten.

Gehen die Musiker anders mit dem Material um?
F. P.: In den kapitalistischen Ländern können wir die Technologie nur bedienen und der Sound klingt somit immer „gleicher“, ob nun Madonna, Björk oder Fennesz spielen. In den turbokapitalistischen Ländern können sie die Technologie noch bearbeiten. Sie tun das ohne Respekt, mit Sinn für Improvisation. In Europa werfen wir den Technikschrot weg, dort wird alle mögliche Materie, auch Sound, recyclet. Das bringt eine individuelle Musik. In Zukunft werden dort noch die verrücktesten Soundmaschinen entwickelt werden. Der Laptop war nicht der Weisheit letzter Schluss in der Musikproduktion.

Ohne Bühne kann das Musikmachen jedoch zu einer ziemlich einsamen Angelegenheit mutieren.
F. P.: Viele Musiker, die wir getroffen haben, wollten das Musikmachen aufgeben. Unsere Einladungen, bei uns zu publizieren und auf unsere Avantgarde-Festivals wie Minimax im tranzit workshops space in Bratislava oder das Radius-Festival im MAK-Gefechtsturm in Wien im vergangenen Jahr aufzutreten, haben viele ermutigt, jetzt doch weiterzumachen. Jetzt können sie sich endlich an den internationalen Avantgarden messen.