Autor: Sebastian Fasthuber
Erschienen in: „Report. Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft in Zentral- und Osteuropa“, August 2006

 


Der „Report“-Autor Sebastian Fasthuber arbeitet außerdem als freier Musik- und Literaturkritiker, unter anderem für „now!“, „Falter“, „Der Standard“ und „Spex“.


Svatopluk Karasek (Wikipedia)

„Say No to the Devil“

Im Gespräch mit Svatopluk Karasek

Herr Karasek, Ihre Partei, die 1998 von einigen ODS-Abgeordneten gegründete Freiheitsunion (US-DEU), steht kurz vor dem Zerfall. Sind Sie enttäuscht von der Politik?
Stimmt, wir befinden uns in einer totalen Krise. Aber ich bin nicht enttäuscht, ich übe mein Amt gerne aus. Früher war ich immer unter meinesgleichen – in der Kirche oder im Underground. In der Politik habe ich viel mit Menschen zu tun, die völlig anders sind. Das ist eine gute Erfahrung für mich.

Sie haben den Underground erwähnt. Gehen wir ein paar Jahrzehnte zurück: In der Tschechoslowakei bedeutete Underground in den siebziger Jahren etwas viel Radikaleres als im Westen. Langhaarige und Rocker wurden von der Polizei verfolgt und konnten nur im Geheimen leben, wie sie wollten. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?

Vielleicht sollte ich Underground im Kontrast zur heutigen Zeit erklären. Das heutige Leben schafft eher leblose Situationen. Heute kann man alles haben und muss dazu nicht einmal sein Haus verlassen. Alles läuft besser, aber das Leben ist irgendwie flach. Etwas Lebendiges, Authentisches entsteht nur mehr selten. Mit dem Underground war es anders. Die jungen Leute haben die Unterdrückung durch den Kommunismus gespürt und etwas gesucht, wo sie voll leben konnten. Underground war Kunst ohne Honorare, aus reiner Freude. Jeder hat irgendetwas gemacht und wir haben das hintereinander aufgeführt auf kleinen Bühnen, draußen in der Natur oder in Scheunen. Professoren, die nicht mehr unterrichten durften, haben Lesungen aus verbotenen Büchern gehalten. Es war eine sehr lebendige Zeit.

Das klingt alles sehr idyllisch. Aber Sie waren doch ständig auf der Flucht und 1976 sogar einige Monate inhaftiert.
Ja, ich war acht Monate eingesperrt. Was es erträglich gemacht hat, war die Solidarität. Auch in den fünfziger Jahren wurden schon ständig Leute eingesperrt. Nur hat sich damals niemand dafür interessiert. Bei uns haben sich die Leute erstmals verteidigt. Václav Havel hat eine wichtige Rolle gespielt, andere Künstler, aber auch die Kirche haben mitgewirkt. Letztlich hat das Engagement dieser Leute geholfen und ich und einige andere Inhaftierte wurden im November 1976 aus der Untersuchungshaft entlassen. Aus dieser Solidarität heraus ist im Jänner 1977 die Charta '77 entstanden. Ich war einer der Ersten, die sie unterschrieben haben. Der Nachteil der Charta war, dass wir danach ständig Besuch von der Geheimpolizei bekamen. Ich war dann noch elfmal in Untersuchungshaft. Drei Jahre lang wurde ich stark verfolgt. Meine Familie litt sehr darunter.

Schließlich emigrierten Sie 1980 über Österreich in die Schweiz.
Man hat mir bei den Verhören immer wieder gesagt, ich solle das Land verlassen, solange ich die Möglichkeit dazu habe. Irgendwann habe ich dann klein beigegeben, weil die Situation unerträglich geworden war. Bruno Kreisky hat damals zugelassen, dass in der Tschechoslowakei politisch Verfolgte nach Österreich konnten, also sind wir nach Österreich gegangen und danach in die Schweiz. Dort war ich viele Jahre als reformierter Pfarrer tätig.

Ihren Glauben haben Sie immer auch mittels Songs hinausgetragen.
Ja, ich singe auch heute noch in einer Bluesrock-Band, wenn es die Zeit erlaubt. Alle meine Lieder sind gesungene Predigten. Das Musizieren entstand ursprünglich daraus, dass es mir in den siebziger Jahren in der Tschechoslowakei verboten war, zu predigen. Ich habe dann eben mit der Musik gepredigt. Es kamen teilweise auch harte, unanständige Wörter in den Texten vor, so war das damals. Mein bekanntester Song „Say No to the Devil“ ist auch heute noch eine Art Motto von mir. Der Satz passt immer.

Underground-Rocker und Pfarrer, das wirkt erst einmal widersprüchlich. Aber auch Religiosität war damals in der Tschechoslowakei eine Art Protest, nicht?
Genau. Das kommunistische Regime wollte die Kirche und den Glauben ausrotten. Wir waren eine Gegenbewegung dazu. Ich habe Theologie studiert und das auch sehr ernst genommen, weil ich tiefgläubig bin. Ich habe aber andererseits nie den Kontakt zu meinen Freunden unterbrochen, die nicht glauben. Ich blieb in der Welt. Voll in der Welt, voll im Glauben.

Wie erging es Ihnen in der Schweiz, war das nicht ein Kulturschock?
Ich war noch dazu in einer sehr konservativen Gemeinde, aber die haben mich ganz rührend aufgenommen. Ich habe lange Haare gehabt, keine Zähne und konnte noch nicht gut Deutsch sprechen. Aber die Gemeinde hat mich wirklich getragen. Die Schweizer sind ja sehr vollkommen. Plötzlich haben sie etwas Unvollkommenes, Lebendiges, ein bisschen Stinkendes erlebt. Vielleicht hat ihnen gerade das gefallen. Die Kirche war immer voll.

Nach der Wende gingen Sie gleich zurück in Ihre Heimat?
Ich musste, auch wenn es für meine Familie schwierig war. Wir Undergroundler haben früher ja gedacht, dass dieses System für immer installiert ist. Dass das irgendwann zu Ende gehen könnte, war unvorstellbar. Plötzlich hatten wir die Chance, etwas Neues aufzubauen.

Was ist von dieser Aufbruchsstimmung geblieben?
Ich glaube, wir haben in Tschechien heute eine normale Entwicklung. Man sollte sich ruhig öfter die Freiheit, die man heute hat, vergegenwärtigen. Viele nehmen sie schon zu selbstverständlich. Ich freue mich immer noch, wenn ich singen und predigen kann. Allerdings muss man sagen, dass wohl die meisten Menschen früher die Freiheit gar nicht vermisst haben. Vielleicht ein paar hundert Leute haben aktiv im Underground mitgewirkt. Aber man sieht, was entstehen und bewegt werden kann, wenn man sich stark für etwas einsetzt.