Autor: Sebastian Fasthuber
Erschienen in: „Report. Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft in Zentral- und Osteuropa“, August 2007

Serhij Zhadan, 1974 im Gebiet Luhansk/Ostukraine geboren, studierte Literatur und Germanistik. Er setzte sich intensiv mit der literarischen Tradition seines Landes auseinander und promovierte über den ukrainischen Futurismus. Seit 1991 zählt er zur jungen Literaturszene in Charkiw, inzwischen ist er ihr internationales Aushängeschild. In deutscher Übersetzung erhältlich sind von ihm der Gedichtband „Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts“ (2006) und der Roman „Depeche Mode“ (2007), beide sind in der edition suhrkamp, Frankfurt am Main, erschienen. Im Dezember 2007 wird ebendort der Roman „Anarchy in the UKR“ veröffentlicht.

„Report“-Autor Sebastian Fasthuber arbeitet außerdem als freier Musik- und Literaturkritiker, unter anderen für „now!“, „Falter“, „Der Standard“ und „Spex“.

 

Buch zu bestellen unter: SuhrkampVerlag

„Popkultur ist wie die Bibel: Kaum einer hat sie gelesen, aber alle kennen die Zitate daraus“

Ein Gespräch mit Serhij Zhadan über seinen Roman „Depeche Mode“

Sie sind Jahrgang 1974. Ihr Roman „Depeche Mode“ ist Anfang der Neunziger angesiedelt. Welche Erinnerungen verbinden Sie persönlich mit dieser Periode in der Ukraine?
Das Beste an dieser Zeit, ich war damals Anfang 20, war meiner Meinung nach die neue Musik, die wir nach der Wende kennenlernen konnten. Für meine Generation war diese Periode im doppelten Sinn der Beginn unseres Erwachsenenlebens und der Beginn einer damit verbundenen Ungewissheit, was die Zukunft bringen würde. Ich hatte damals gerade meinen Armeedienst geleistet. Man wusste zwar, dass diese Pflichtübung nicht ewig dauert, aber die Behörden sagten einem auch nicht, wann genau sie enden würde. So geht es auch allen Figuren in meinem – gerade auf Deutsch erschienenen – Roman „Depeche Mode“. Sie sind – real oder realen Vorbildern nachempfunden – von der Unbestimmtheit ihrer Existenz Getriebene. Heute, nach 14 Jahren, sind mir die Protagonisten allerdings nicht mehr besonders nahe, auch mein eigenes Ich von damals nicht mehr. Ich habe mich verändert und die ukrainische Gesellschaft hat sich geändert.

Die Situation der damaligen Jugend schildern Sie als sehr hoffnungslos. Wie sieht es heute aus, wie beurteilen Sie die derzeitigen Chancen für die jungen Menschen in der Ukraine?
Ach, ich glaube, dass abgesehen von Politik und Arbeitslosigkeit alle jungen Leute in allen Ländern und zu allen Zeiten Probleme hatten, meist sind es die gleichen: Sex, Drogen und keine Lust auf soziale Anpassung. In der Ukraine hat speziell die Jugend große Probleme mit Drogen, besonders mit dem Alkohol. Es liegt wohl an der orthodoxen Tradition. In Osteuropa kämpfen traditionell alle verbissen gegen Hanf, aber Wodka wird verharmlost und kostet bei uns so viel wie Coca-Cola.

In Ihrem Buch „Depeche Mode“ wissen die jungen Protagonisten nicht einmal, was sie sich wünschen, wonach sie sich sehnen sollen. Wonach sehnen sich die Ukrainer heute?
Die Ukraine hat sich in den vergangenen 15 Jahren grundlegend verändert. Die Ruinen des Kommunismus sind verschwunden. Mittlerweile ist der Kommunismus in unsere Heldengeschichte eingegangen und schon entwickeln sich die ersten Ruinen des Kapitalismus. Wir praktizieren heute ein junges, energisches, turbokapitalistisches Gesellschaftsmodell, gepaart mit vielen sozialistischen Elementen und einer großen Sehnsucht nach dem Paradies. Das ist eine sehr bemerkenswerte Entwicklungsstufe unserer Nation. Eine ähnliche Wahrnehmung muss in Europa zwischen dem Mittelalter und der Renaissance geherrscht haben.

Stichwort Turbokapitalismus: Inwiefern wird durch ihn die kulturelle Tradition der Ukraine gefährdet?

Ich glaube, die größte Bedrohung für die Nationalkultur und für kulturelle Traditionen unseres Landes liegt nicht in der kapitalistischen Wirtschaft, sondern in der kapitalistischen Kultur, die sich global penetrant breitmacht. Anders formuliert: Das Problem ist ja nicht Fast Food generell, sondern konkret McDonald’s als Kulturerscheinung.

Junge ukrainische Autoren scheinen ihrer Heimat sehr verbunden zu sein. Kaum jemand verlässt sie dauerhaft. Ihr Autorenkollege Ljubko Deresch meinte kürzlich: „Die Ukraine ist ein seltsames und unstabiles Land, aber deswegen liebe ich es gerade so sehr.“
Dem kann ich nur zustimmen, auch ich liebe die Ukraine. Nicht einmal, wenn morgen wieder die Kommunisten an die Macht kommen würden, würde ich mein Land verlassen. Ich werde allen politischen Systemen trotzend in der Ukraine bleiben.

Wie stabil ist die Demokratie denn Ihrer Meinung nach?
Entschuldigung, aber ich verstehe nicht ganz, was der Begriff „Demokratie“ bedeutet. Er ist naturgemäß in unserem Land sehr widersprüchlich definiert. Die Presse unterliegt der Zensur, die Literatur dagegen nicht. Wir verfügen über 200 Parteien, aber über keine freie Politik. Und so ähnlich ist es in fast allen Bereichen. So viel zur Demokratie.

Sie leben in Charkiw, der größten Stadt im Osten der Ukraine, die sich seit langer Zeit traditionell an Russland orientiert hat. Macht sich das heute noch bemerkbar?

Auf der Straße spricht man eher mehr Russisch. Aber wenn man die Menschen auf Ukrainisch anspricht, antworten sie inzwischen durchaus auch in dieser Sprache. In der Öffentlichkeit ist in der Ostukraine das Russische gängig, während man zu Hause inzwischen durchaus die ukrainische Sprache pflegt. Die Ostukrainer verstehen sich zusehends als ukrainische Staatsbürger. Mir gefällt der Osten des Landes, er hat mehr Potenzial, als man ihm zutraut.

Ihre ersten Gedichtbände haben Sie veröffentlicht, da waren Sie kaum 20 Jahre alt. Haben Sie von Anfang an auf Ukrainisch geschrieben?
Ja, immer. Die Sprache ist auch nicht so sehr Diskussionspunkt unter uns Autoren, mehr unter Politikern. In der Ukraine gibt es auch viele sehr gute russischsprachige Autoren, das will ich nicht bestreiten. Leider muss man sagen, dass sie sich thematisch oft sehr in Richtung Moskau und Russland orientieren.

Viele Literaturfreunde finden ukrainische Literatur – und generell solche aus Osteuropa – zurzeit spannender als beispielsweise deutschsprachige Literatur. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Ich weiß nicht. Vielleicht geht es den Autoren in der westlichen Schengenzone zurzeit nicht besonders gut und sie haben Schreibhemmungen?

Wie geht es Ihnen? Kann man als Autor in der Ukraine überleben?
Offiziell bin ich arbeitslos. Ich schreibe Bücher, Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften und Texte für Rockgruppen, halte viele Lesungen in der Ukraine und in ganz Europa. Irgendwie geht es sich aus. Ich habe kein Auto, kein Haus mit Swimmingpool und kaufe kein Kokain. Aber ich besitze ein Fahrrad und habe mir gute Honorare bei den Verlagen ausverhandelt.

Können sich die Ukrainer Bücher überhaupt leisten?
Sagen wir so: Sie sind an Büchern sehr interessiert. Nicht besonders viele Ukrainer kaufen Bücher. Das ist für die meisten wirklich zu teuer, aber eine große Menge Literaturbegeisterter besucht Lesungen. Das ist doch ein gutes Zeichen!

Im Herbst erscheint Ihr jüngster Roman in deutscher Übersetzung. Er trägt wieder einen sehr starken Titel: „Anarchy in the UKR“. Worum geht es in dem Buch?
Das ist ein Buch ohne Sujet. Es ist sehr intim, brutal und lyrisch.

Sie sind ein hochliterarischer Autor, hegen andererseits jedoch ein starkes Faible für Popkultur. Kein Widerspruch für Sie?
Nein, da besteht kein großer Unterschied. Die Popkultur ist doch wie die Bibel: Kaum einer hat sie gelesen, aber alle kennen die Zitate daraus.