Autor: Antje Mayer
Erschienen in:
„Garten“, Nr. 01/02, S. 36

 

Tom Dixon

„Kennen Sie einen einzigen Menschen, der Bäume nicht mag?“

Ein Interview mit dem britischen Designstar Tom Dixon

Sie leben und arbeiten in London, Herr Dixon. Als Art Director einer der größten Einrichtungsketten Europas können Sie sich sicherlich den Luxus eines Gartens leisten?
Ja, aber auch nur in der neuzeitlichen urbanen Ausführung. Mein „Garten“ sind mein Fensterbrett und mein Balkon, auf dem ein Haufen Pflanzentöpfe steht. In meiner Küche ernte ich aus großen Bottichen und Beeten meine Kräuter, die ich direkt in den Kopftopf werfen kann. Wunderbar!

Urbanic Botanic!
Genau! Aber denken Sie nicht, dass der Garten im urbanen Umfeld zu verschwinden droht. Im Gegenteil. Je mehr Beton uns umgibt, desto größer wird unsere Sehnsucht nach Grün. Wir haben in den vergangenen Jahren bei Habitat – und dem Großteil unserer Filialen in großen Städten – geradezu einen Hype im Bereich Garten beobachtet.

Trendforscher haben festgestellt, dass die Grünzonen in großen Metropolen – besonders in Japan – immer mehr in die inneren Wohnbereiche hineindiffundieren. Jedes noch so kleine Eckchen, etwa in der Küche, wird zu einer Art blühendem Mini-Garten umfunktioniert.
Das ist doch kein Trend, das war schon immer so. Das Gärtnern zieht alle in den Bann. Ob Jung oder Alt, ob Städter oder vom Land. Städter nutzen nur andere Gärten, Parks und urbane Grünzonen, zu denen sie zum Frisbeespielen, Grillen und Picknicken pilgern. Man muss keinen eigenen Garten haben, um ein Gärtner zu sein. Der moderne „Gärtner“ ist ein Gartennomade, genauso wie er ein Info-, Büro- und Wohnungsnomade ist. Aber mal anders herum: Kennen Sie einen einzigen Menschen, der Bäume nicht mag?

Herr Dixon, Sie sind Brite!
(lacht): Zugegeben. Wir Briten haben eine besonders große Affinität zum Garten. Bei uns besitzen überdurchschnittlich viele Menschen einen, im übrigen auch in Deutschland und in Österreich, in Frankreich hingegen ganz wenige. Eine schwere Aufgabe für die Habitatkreativen. Da wir Geschäfte in ganz Europa besitzen, mussten wir ein Design entwickeln, das in allen „Klima- und Geschmackszonen“ funktioniert.

Sie erlauben, aber das klingt nach einer Art Globalisierung des Gartens. Was ist denn dabei herausgekommen?
Wir haben darauf geachtet, dass unsere Kollektion sowohl für den Außen- als auch für den Innenbereich funktioniert. Diese Multifunktionalität ist das Thema bei uns. Durch neue Hightechmaterialien, die unverottbar und wetterbeständig sind, ist das endlich möglich geworden. Unsere Gartentische sind wetterbeständig, können auf unebenem Boden stehen und sind vergrößer- und verkleinerbar und sind im Winter auch zur schmucken Konsole, etwa im Wohnzimmer, umwandelbar.

Nach den Plastik-Neunzigern gibt es momentan einen unverkennbaren Hang zu natürlichen Materialien. Die Natur kommt also doch ins Haus?
Ja, aber „natürlich“ heißt nicht unbedingt warme Materialien. Mit Mustern oder „elektrischen Farben“ haben wir uns sehr zurückgehalten. Das Material soll für sich selbst sprechen. In der Natur wollen die Menschen auch optisch Ruhe. Die coole Farbkombination Schwarz-Weiß ist in diesem Jahr sehr im Kommen, als Material das Fiberglas.

Steckt hinter dem neuen Hang zum Minimalismus nicht auch der Traum von einer Natur als letzte konsumfreie Zone?
Die gibt es definitiv nicht mehr. Aber wenn Sie so wollen, sind die modischen Zengärten und auch das Schwarz-Weiß-Thema ein Ausdruck dieses Strebens nach reduzierten Reizen. Ich gehe einen Mittelweg. Ich liebe Gemüse, Kräuter, Gräser, Farne und Unkraut. Diese Art „funktioneller Natur“ inspiriert mich zu den Kollektionen: herbe, aber funktionale Schönheit.

Fast jeder Supermarkt, jeder Baumarkt und jedes Gartencenter hat inzwischen Accessoires und Möbel für den Garten im Angebot. Sind diese Anbieter nicht eine große Konkurrenz für Habitat?
Dieser Umstand ist uns bewusst. Aber in der Sparte „Billigsdorfer“ werden vor allem Niedrigpreis-Möbel angeboten, ohne ambitioniertes Design und entsprechende Qualität. Das einzige Argument, das dort zählt, ist „Hauptsache billig“. Dann gibt es noch die anderen Anbieter, die auf ein klassisches Programm setzen, das am treffendsten mit „bourgeois“ und „antik“ zu umschreiben wäre. Habitat positioniert sich dazwischen. Wir versuchen, einen Input für „Contemporary Gardens“ zu geben, mit Objekten, die günstig sind, modern, aber von guter Qualität, und haben damit großen Erfolg.

Sie bemühen sich jetzt seit fast vier Jahren, das damals noch ziemlich angestaubte Unternehmen Habitat einer Frischzellenkur zu unterziehen. Manche Kritiker haben Ihnen vorgeworfen, dabei ordentlich in die Mottenkiste gegriffen zu haben, indem Sie vornehmlich aus den Fifties, Sixties und Seventies rezipierten?
So ein Blödsinn. Ich hatte anfänglich ein paar Reminiszenzen im Reportoire, bei denen ich mich auf Designklassiker bezogen hatte, aber vornehmlich haben wir vollends eigene Dinge entwickelt. Wir können nun besten Gewissens von uns behaupten, zeitgemäß zu sein.

Mit 42 Jahren sind Sie einer der bekanntesten Designer weltweit. Sie sind Träger des Ordens des British Empire, verliehen im Jahre 2000 von ihrer Majestät für Ihre Verdienste um das britische Design. In fast jedem nennenswerten Buch über British Design findet man Objekte von Ihnen, wie den legendären S-Chair. Hat man da überhaupt noch Ziele?
Tausende, glauben sie mir. Derweil finde ich meine Arbeit bei Habititat sehr spannend. Vor Kurzem hat sich mein Aufgabenfeld dort etwas geändert. Ich bin zwar noch Art Director, aber ich konzentriere mich derzeit mehr auf die Kommunikation unserer Produkte. Sie werden es in Kürze sehen. Wir sind gerade dabei, unsere Geschäfte moderner und lifestyliger zu gestalten. Wir müssen die Gegenwart reflektieren. In dieser Richtung ist in den Shops in den letzten 35 Jahren nicht viel passiert.

Sie sind, wie gesagt, einer der Doyens der „Cool Britannia“, einer neuen Generation junger britischer Designer. Kritiker der Szene behaupten aber, die Glanzzeiten des British Designs seien längst vorbei. Stimmen Sie dem zu?
Der Crash in der New Economy hat uns stark zugesetzt, aber wir Briten sind immer noch vorne dran. Nur ein Beispiel: Die wichtigsten Modedesigner stehen den bekanntesten Modehäusern vor, wie John Galliano bei Dior, Alexander McQueen bei Givenchy oder Stella McCartney bei Chloë. Bitte: Wir stehen voll im Saft.