Autor: Eduard Steiner
Erschienen in: „Report. Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft in Zentral- und Osteuropa“, 2006


Eduard Steiner (geboren 1968) ist für die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ in Moskau stationiert. Als Korrespondent betreut er die Gemeinschaft der Unabhängigen Staaten und das Baltikum.

„Ich spüre gleichsam wie im Traum, wie sich die Erde unter mir dreht“

Eduard Steiner im Gespräch mit dem russischen Kosmonauten Alexej Leonov

Träumen Sie noch gelegentlich von Ihrem Ausstieg in den offenen Kosmos?
Oft wiederholen sich in meinen Träumen Bilder aus der Zeit, als ich Kampfpilot war. Auf Wachdienst mussten wir immerzu bereit sein, jedes Flugzeug abzufangen. Das war 1958-60, die Zeit der großen Konfrontation, als sowohl die Amerikaner als auch die Sowjets sich wieder gegenseitig auszuklammern begannen. Zum Wahnsinnigwerden. Als ich dann später mit den Amerikanern zu arbeiten begann, zeigte sich, dass sie Leute waren wie wir, „die Fratzen des Imperialismus“ keine waren. Auch sie hatten von nichts gewusst, sondern geglaubt, was man ihnen zu Hause eingeredet hatte. „Wenn die Oberen streiten, leiden unten die Leute“, heißt es in einem Sprichwort. Gott sei Dank haben wir das gut überlebt. Natürlich träume ich auch oft von meiner Lage damals über dem Erdball. Ich spüre heute noch gleichsam wie im Traum, wie sich die Erde unter mir dreht. Das ist der wichtigste Eindruck, den ich aus dem All mitnahm. Als erster Mensch habe ich das gesehen.

Woran dachten Sie im Moment des Ausstiegs?
Woran soll man denken? Verstehen Sie, wenn man mit einem Passagierflugzeug fliegt, hat der Pilot eine ganze Checkliste durchzugehen. Er kennt das auswendig, aber er muss es doch tun. Bei den Kosmonauten sind alle Operationen nach Sekunden aufgeteilt. Wie sehr ich auch erfahren war, so wäre es doch halsbrecherisch gewesen, nachlässig zu sein. Bei meinem Ausstieg hatte ich keine Dokumente, ich musste alles im Kopf haben. Ich hatte keinen Gedanken, ja keine Zeit für Angst. Die Erde, ein Territorium mit einem Radius von 2750 km unter mir zu sehen, versetzte mich in ein solches Entzücken: Du siehst das Schwarze Meer, verdrehst den Kopf und siehst Italien und ein Stück höher Polen, Schweden. Das sieht wirklich wie eine Karte, ein Globus, aus. Ich verglich ständig, ob unsere Landkarten auf Erden wohl stimmen. Es herrschte eine solche unglaubliche Stille, dass ich den Herzschlag und das eigene Atmen hörte. Stanley Kubricks Film „Odyssee 2001“, bei dem Kosmonauten im offenen Kosmos arbeiten, greift akustisch auf meine Beschreibungen zurück: ein schweres Atmen.

Wie hat sich Ihr Blick auf die Welt geändert?
Alle Kosmonauten erzählen nach ihrer Rückkehr als Erstes unbewusst das Gleiche: „Die Erde ist tatsächlich rund.“ Am Boden hatten wir das ja nur rein theoretisch gelernt, im All aber sieht man es.

Blenden wir 40 Jahre zurück. Wie hat die Eroberung des Kosmos die Sowjetunion verändert?
Die Raumfahrt war wirklich das, was man eine nationale Idee nennt. Im Land selbst entwickelte sich ein großes Selbstbewusstsein, Bürger dieses großen Landes zu sein. Nichts hat die Welt so sehr verbunden wie die Raumfahrt seit dem Abschuss unseres ersten Sputniks. Die ganze Welt verstand, dass wir Erdbewohner ganz am Anfang der Erforschung dieses Lebens im Kosmos stehen.

Was dominierte, war aber auch der Wettbewerb. Wie haben Sie diesen erlebt?
Wernher von Braun erzählte mir, dass die Amerikaner ursprünglich nicht einmal an die Idee der Eroberung des Kosmos durch den Menschen gedacht hatten, unserer Oberster Konstrukteur Sergej Koroljow, ein Wissenschaftler und, ich würde sagen, ein Philosoph, traute sich, diese Idee zu denken und zu verwirklichen. Wir waren den Amerikanern ursprünglich technologisch voraus, erst als Gagarin geflogen war, erklärte dann auch Kennedy, dass jetzt die nationale Idee der Amerikaner sein würde, als Erste auf dem Mond zu landen. Das haben sie glänzend gemeistert, dafür auch alle Errungenschaften der Technik und riesige Geldsummen aufgewandt. Das US-Mondprogramm kostete 25 Milliarden Dollar, unseres gerade mal 2,5 Milliarden Dollar.

Während China Armstrongs und Aldrins Mondlandung nicht übertrug, wurde sie in der Sowjetunion dem Volk immerhin gezeigt …
Ich muss festhalten, dass sie weder in der Sowjetunion noch in China live übertragen wurde. Aus heutiger Sicht war das dumm. Live sehen konnten sie nur wir Spezialisten. Wir erlebten die Übertragung in einem Haus auf dem Komsomolski Prospekt in Moskau. Die Übertragung und die Bildqualität war wunderbar.

Sie denken immer noch, dass sich dieser Wettbewerb zwischen Ost und West lohnte, obwohl er riesige Geldsummen verschlang?
Riesige Geldsummen – dass ich nicht lache. Wenn wir uns jetzt zum Marsprogramm zusammentäten, so würde dies 55 Milliarden kosten. Wie viel haben die Amerikaner jetzt allein im Irak ausgegeben? Im Übrigen bin ich dafür, dass wir die Kräfte für Raumprogramme international bündeln. An der sehr komplexen Erforschung des Mars müssen viele Länder teilnehmen. Ich bin überzeugt, dass das Marsprogramm realisiert wird. Die Equipage für den Marsflug soll aus verschiedenen Ländern stammen. Es geht nur mit vereinten Kräften.

Gibt es Kulturunterschiede im Kosmos? Sie hatten als Erster mit den Amerikanern im All zu tun, als Sie im Juli 1975 das Raumschiff „Sojus-19“ an ein amerikanisches Raumschiff andockten. Konnten Sie Unterschiede in der Wahrnehmung des Kosmos zwischen Amerika und der Sowjetunion ausmachen?
Ich nahm vier Etiketten russischen Wodkas ins All mit und klebte sie auf die Trinkröhren, in denen Borschtsch war. Bei Tisch schlug ich vor, in russischer Tradition aufeinander anzustoßen. Die Amerikaner wollten nicht, aber dann tranken sie aus Höflichkeit doch und merkten, dass es Borschtsch war. Ich bin jetzt schon 21 Jahre lang ohne Unterbrechung Co-Vorsitzender der internationalen Organisation für Kosmonauten und Astronauten. Dort gibt es zwei Vorsitzende – einen aus Amerika und einen aus Russland. Ich kenne die meisten Kosmonauten persönlich, bin sogar mit vielen eng befreundet und weiß: Die Wahrnehmung des Kosmos ist bei allen gleich. Im Sinne Gagarins, der, als er die Erde im Sputnik Vostok umflog, staunte, wie wunderbar unsere blaue Erde ist. Für uns alle völlig unerwartet sendete er dies zur Bodenstation: „Leute, lasst uns diese Erde schützen und ihre Schönheit vermehren und vor Zerstörung bewahren.“

Sie dachten auch öfter laut über die Ansiedlung von Menschen auf dem Mond nach?
Ich war wissenschaftlicher Leiter einer Mondstation. Das Ganze erscheint mir sehr real. Man braucht die Mittel, um das System der lebenserhaltenden Bedingungen einzurichten, mit dem man zwei Jahre dort verbringen könnte. Wir müssen noch ein paar Probleme lösen, etwa wie wir uns vor gigantischen Meteoriten schützen werden. Außerdem bietet der Mond interessante Rohstoffe, so eine Form des Heliums, das als sauberer Brennstoff für Atomkraftwerke geeignet wäre. Die Erschließung des Mondes wird kommen. Ich glaube an den technischen Fortschritt.

Moskau, Januar 2006