Autor: Antje Mayer
Erschienen in: „Kunstzeitung“ Nr. 11/2004

Maria Lassnig (Artcyclopedia)
Maria Lassnig (Wikipedia)

„Ich fühle, also bin ich“

Ein Interview mit Maria Lassnig, der Grande Dame der österreichischen Malerei

Mit Ihren 85 Jahren sind Sie kürzlich in ein neues Atelier umgezogen. Ihre unerschöpfliche Energie gilt als legendär, geht Sie Ihnen nicht manchmal aus?
Nun werde ich zusehends kraftloser. Ich gehe dem Grabe entgegen. Ich bin immer selbst beeindruckt von meiner eigenen Jahreszahl. Die wurde mir leider zeitlebens – typisch österreichisch – immer vorgehalten. Das ist unnötig. In Amerika gibt es dieses Ritual nicht. 
Seit einem halben Jahr komme ich nicht mehr zum Malen. Allein im Sommer 2004 hatte ich drei Ausstellungen zu bewältigen, unter anderem in London. Schrecklich ermüdend. Malen ist Schwerstarbeit, aber ich bin keine Fabrikarbeiterin, dafür brauche ich Ruhe und Besinnung.

Sie kokettieren, Sie sind doch weltberühmt …
Wirklich, ist das so? Davon merke ich nichts. Was heißt, die Nummer eins zu sein? Dass alle immer meine Bilder wollen, die ich nicht hergeben will. Mir fällt es sehr schwer, mich von den Gemälden zu trennen, auch empfinde ich es als traurig, dass man mir nicht immer mitteilt, wer meine Kunstwerke erwirbt und wo sie hängen.

Ihren Durchbruch erlebten Sie spät durch die Teilnahme an der Biennale 1980 in Venedig gemeinsam mit der 20 Jahre jüngeren VALIE EXPORT. Sie gelten als die „Spätentdeckte“, waren Sie nicht eher eine Pionierin der Malerei?
Es war ein Fehler aus heutiger Sicht, einer Teilnahme gemeinsam mit VALIE EXPORT zuzusagen. Auf der Akademie der bildenden Künste in Wien, auf der ich in den Vierzigern, mitten im Krieg, studierte, brachte man uns eine Art akademischen Impressionismus bei. Den Expressionismus lernte ich erst Anfang der Fünfziger bei meinem Parisaufenthalt kennen. Danach bin ich halt selbst allen Stilen der Moderne auf den Grund gegangen. Hintereinander! Ich bin keine Pluralistin. Wer Pionierin ist, also zu früh, gilt oft danach als zu spät, gilt als Nachahmer seiner eigenen Nachahmer. Das ist derart tragisch für mich. Ich hatte deswegen schon oft Suizidgedanken. In New York, wo ich ab Ende der Sechziger eine Zeit lang lebte, fand man meine Bilder anfangs sogar zu depressiv, weird und strange. Stellen Sie sich das vor! Was heute produziert wird, kann doch gar nicht weird und strange genug sein!


Wie empfinden Sie die gegenwärtige Kunst?
Ich bin über die heutige Kunst verzweifelt. Man kann doch nicht ernsthaft von der „Wiedergeburt der Malerei“ sprechen. Sie ist heute so sehr von der Fotografie abhängig. Das ist keine Malerei, das ist keine Antitechnik-Kunst wie die meine, keine Kunst, die sich nur auf den Menschen verlässt. Nicht Technik, nicht einmal „cogito ergo sum“, sondern „ich fühle, also bin ich“ ist mein künstlerisches Motto. Vielleicht stirbt mit mir auch die Malerei. (lacht)

Kürzlich wurden Sie in den Medien unter den „zornigen Frauen Österreichs“ eingereiht. Immer wieder werden Sie mit feministischer Kunst in Verbindung gebracht. Finden Sie das richtig?

Meine Kunst ist nicht geschlechterspezifisch. Mit dem Begriff „weibliche Kunst“ kann ich gar nichts anfangen. In meinen Filmen habe ich mich aber durchaus feministisch ausgetobt, nie aber in der Malerei. VALIE EXPORT ist eine Zornige. Sie ist eine Politikerin. Ich nicht, nicht zuletzt, weil ich oft wahrnahm, dass große Feministinnen von Männern oft sehr profitieren. Unberührt war ich von der Frauenbewegung freilich nicht. Ich ging bei den Aufmärschen in New York mit. Wenn Kate Millet vorne am Pult uns alle mit „Schwestern“ ansprach, ergriff mich das sehr. 


Für Ihre Filme hatten Sie damals selber die Texte verfasst. Die Bildtitel sind seit jeher wichtiger Bestandteil Ihrer Kunst. Hans Ulrich Obrist, mit dem Sie im Jahr 2000 Auszüge aus Ihren Tagebüchern publizierten, attestierte Ihren Schriften sogar hohe literarische Qualität.

Das Buch hieß ja auch „Die Feder ist die Schwester des Pinsels“ (Tagebücher 1947–1997, Dumont, 2000). Das Schreiben ist mit dem Malen blutsverwandt. Eine deutsche Kunstkritikerin schrieb einmal, dass sie gerne einen Katalog lediglich über meine Bildtitel verfassen würde. Vielleicht sollte ich auch einmal Lesungen veranstalten. Ich schrieb immerhin schon von Kindesbeinen an, allerdings meist nur, wenn ich unglücklich war.

Und malten Sie auch von Kind auf?

Als Sechsjährige habe ich hineingerochen. Eine Freundin nahm mich in Kärnten zu einem adeligen Fräulein mit, das – wie es damals üblich war, auch malte. Sie hielt mich an, Rembrandt zu kopieren. Danach übermalte sie meine primitiven Versuche. Eine Wahrsagerin prophezeite meiner Mutter einmal: „Ich sehe ein Kind, das künstlerisch hoch begabt ist.“ Leider vergaß meine Mutter das dann bald darauf und hatte mehr Sorgen, dass ich kochen lernte und einen Mann abkriegte. Nach der Matura sollte ich Volkschullehrerin werden, aber der Schulinspektor, Graber mit Namen, mein Entdecker sozusagen, sah „ein Lichtlein“ und schickte mich auf die Akademie nach Wien. Wegen dieser „guten Tat“ wurde er strafversetzt. 



Und warum brauchte es dann wiederum 40 Jahre, bis Sie groß rauskamen?

Weil ich zu schüchtern bin, weil ich zu lange in Österreich ausharrte, weil ich mit der falschen Galeristin einen Vertrag hatte und weil meine Kunst erst langsam besser verstanden wird.