Autor: Heinrich Deisl
Erschienen in: „Report. Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft in Zentral- und Osteuropa“, Februar 2008

Aldo Ivančić (geboren 1959 in Kroatien) ist Musiker und Soundtechniker. Seine Band „Borghesia“ erreichte Mitte der 1980er Jahre so etwas wie Kultstatus im musikalischen Underground. Mit der 1998 gegründeten Avantgarde-Jazz-Formation „Bast“ mit bis zu zwölf Musikern war er auf der ganzen Welt unterwegs. Neben seinen eigenen Veröffentlichungen kompilierte und produzierte er für das bekannte Londoner Label „Mute“ die beiden CDs „Trans Slovenia Express“ (1994, 2005) mit Beiträgen arrivierter und junger slowenischer Musiker.


Heinrich Deisl
ist Musikjournalist, Kulturtheoretiker und DJ aus Wien. Er ist Redakteur bei „skug – Journal für Musik“, das sich seit 1990 in regelmäßigen Abständen mit mittel- und osteuropäischer Kunst auseinandersetzt.

Dank an Igor Stromajer für Informationen und Unterstützung für dieses Interview.

Aldo Ivančić Discography

Frauendiscos, Gays und Punk – der Underground im Ljubljana der 1980er Jahre

Im Gespräch mit Aldo Ivančić. Seine Band „Borghesia“ erreichte Mitte der 1980er Jahre so etwas wie Kultstatus im musikalischen Underground.

Sie übersiedelten Anfang der achtziger Jahre von Kroatien nach Ljubljana. Was war der Grund dafür?
Ich wollte Psychologie studieren. Zumindest war das mein offizieller Grund. Denn eigentlich interessierte mich damals die Szene in Lubljana, die besonders von Studenten gefördert wurde. Ich besuchte vor allem begeistert die vielen tollen Konzerte. Die Leidenschaft für Musik und Kunst gab letztlich den Ausschlag für Ljubljana, das für mich viel attraktiver war als beispielsweise Zagreb.

Wie gestalteten sich die ersten Jahre?
Wir gründeten die Performance- und Theatergruppe „FV112/15“. Den Namen hatten wir aus einer slowenischen Enzyklopädie. Auf deren Seite 112, Zeile 15, war zu lesen: „C’est la guerre!“ Sie sehen, wir waren stark von Dadaismus und Futurismus beeinflusst. Und wir hatten ein Faible für Technologie. Wir schleppten tonnenweise Audio- und Videomaschinen auf die Bühne, denn wir wollten politisch motiviertes Kabarett und Punk zusammenbringen, und der am besten dafür geeignete Platz schienen Discotheken zu sein. Also eine Art „Cabaret Voltaire in der Disco“. Die damals im Entstehen begriffenen Discos eigneten sich außerdem wegen der guten Soundanlagen. Zu dieser Zeit begann ich auch als DJ und Journalist zu arbeiten. Wichtige jugoslawische Bands der Siebziger, die Rock spielten, waren „Disciplina Kičme“ oder „Bijelo Dugme“. „Pankrti“ war eine der wohl bekanntesten Punkbands damals und die Vorgängerband von „Laibach“.

Wie war damals die politische Stimmung im Land?
Es war die Zeit der großen Umwälzungen in Slowenien hin zu einer modernen Zivilgesellschaft. Die ersten Friedensdemonstrationen fanden statt, es entwickelten sich die ersten Gay-Szenen. Es galt, gegen das System anzugehen, es ging um das Recht, anders zu sein. Studentennahe Magazine wie „Ladina“ oder „Tribuna“ berichteten regelmäßig über die lokale und regionale Kunst- und Kulturszene. Dieser Kampf fand nicht nur auf künstlerischem Gebiet statt, sondern war wegen der gesellschaftlichen Situation, die der Sozialismus mit sich brachte, ebenso stark politisch motiviert. Im Fahrwasser von so prägenden Einrichtungen wie der „Galeria Škuc“ und „Radio Student“ war vieles möglich: In der „Škuc“ organisierten wir einige der frühesten Ausstellungen zeitgenössischer kritischer Kunst in Jugoslawien und im Keller von „Radio Student“, dem späteren „Club K4“, fanden die legendären „Disco Student“-Partys statt. Als ich anfing, im „Club K4“ aufzulegen, durfte man übrigens nur von acht bis Mitternacht Musik machen. Das ist lange her.

Welche Musik war damals „in“?
Klar war Punk die dominierende Musikrichtung und nicht alle Besucher fanden die von mir aufgelegten Funk- und Hip-Hop-Platten so gut wie ich. Zusammen mit feministischen Gruppen organisierten wir im „Disco Student“ schon früh Partys, zu denen nur Frauen Zugang hatten. Und bis zu 200 aus ganz Jugoslawien kamen. Selbst Türsteher und Security-Leute waren Frauen. Ein echter Affront für die nach wie vor stark männlich dominierte Gesellschaft damals!

Neben „Laibach“ ist Ihre Industrial-Funk-Band „Borghesia“ wohl die bekannteste Vertreterin der alternativen slowenischen Musikszene. Gab es da irgendeine Art von Konkurrenz? Wie würden Sie selbst den Musikstil von „Borghesia“ in ein paar Sätzen beschreiben?
In Slowenien hatten sich viele in den Siebzigern von Fluxus und anderen performance-orientierten Kunstströmungen beeinflusste Projekte auf Musik kapriziert. Daraus erwuchs vielerorts ein sogenannter „Novi primitivizam“ (Neuer Primitivismus), der sich mit dem „Do it yourself“-Gedanken des Punk kurzschloss. Roh, verstörend, krude: Der eigene und der Staatskörper wurden zum Schlachtfeld des teils existenzialistisch, teils glamourös geprägten Diskurses erklärt. Das trifft auf die Gruppe „Laibach“ genauso zu wie auf „Borghesia“. Während sich „Laibach“ eher direkt am System abarbeiteten, vertrat „Borghesia“ einen Stil des „Street Vibe“, der sich mehr an der Straße orientierte als am Kunstgeschehen. In einigen unseren Videos wie „AR“, „ZMR“ oder „FZZ“ sind surrealistische und homoerotische Bilder auszumachen, wobei wir natürlich immer selbstironisch agierten. Ich finde, das waren Bilder, die dem kollektiv verordneten Militarismus realsozialistischer Prägung wahrscheinlich tiefer ins Fleisch schnitten als die von offizieller Seite wenigstens irgendwie als Kunst zu dechiffrierenden, ideologischen Verwirrspiele von „Laibach“.

Hatte „Borghesia“ eine Message?
Es ging uns um die individuelle Freiheit. Als weitere Provokation kam der Bandname dazu: Es machte sich in einem sozialistischen Land nicht gut, auf die Bourgeoisie im Sinn des Bürgertums vor der Französischen Revolution Bezug zu nehmen. Um künstlerisch unabhängig zu sein, gründeten wir ein eigenes Plattenlabel. Es schien nur logisch, die Erfahrungen, die wir in der Theatergruppe „FV112/15“ performativ gemacht hatten, zu einer visuellen Gestaltung zu erweitern. Punk war in Slowenien immer stark visuell geprägt. Das mag unter anderem auf die integrative Rolle der „Škuc“ zurückzuführen sein. Der leider sehr jung gestorbene Goran Devidé verwirklichte sein technisches Genie bei „FV112/15“ genauso wie bei „Borghesia“. Die Hälfte unserer Bandmitglieder bestand aus Videokünstlern.

Nach dem Ende von „Borghesia“ im Jahr 1989 dauerte es bis 1998, bis Sie die nicht minder erfolgreiche Bandformation „Bast“ gründeten, die eine Zeit lang mit dem amerikanischen Radikalperformer Ron Athey und der Drag Queen Vaginal Davis aus Los Angeles zusammenarbeitete.
1989 und 1991 bedeuteten tiefe Einschnitte in der Geschichte unseres Landes und in der künstlerischen Auseinandersetzung damit. „Bast“ war eine audiovisuelle Manifestation, in der wir uns intensiv mit politischen, religiösen und gesellschaftlichen Themen beschäftigten. Praktisch von Anfang an arbeitete „Bast“ mit Igor Stromajer und Davide Grassi von den slowenischen Multimedia-Plattformen „Intima“ und „Aksioma“ zusammen. Wir haben so viele Stücke aufgenommen, dass das vorhandene Material für zwei weitere Alben gereicht hätte. Die aktuelle CD „Retinal Circus“ wurde den „Creative Commons“-Richtlinien entsprechend produziert, der zurzeit besten Möglichkeit, die künstlerische Freiheit zu wahren. Denn auch wir sind davon betroffen, dass praktisch niemand mehr CDs kauft, sondern alle sich die Musik herunterladen; das macht unsere leeren Geldtaschen noch leerer. Wenn man sich aber einmal dafür entschieden hat, den Mainstream nicht so toll zu finden, besteht das ganze Leben aus einem einzigen Kampf. (lacht)

Wie geht es Ihnen in Slowenien seit dem EU-Beitritt?

Das Wichtigste ist, an etwas zu arbeiten, das man wirklich mag. Und wenn man davon leben kann, ist das umso besser. Immerhin können dadurch mentale Grenzen überwunden werden. Auf politischer Ebene finde ich es besser als schlechter, dass Slowenien nun Teil der EU ist. Man kann ohne langwierige Kontrollen nach Italien fahren. Das Regime hat sich gewandelt, aber es dauert ungleich länger, die Mentalität der Menschen zu ändern. Die Auseinandersetzung zwischen Liberalität und falsch verstandenem Traditionalismus ist nach wie vor sehr präsent. Konsumismus und Monokultur klopfen 24 Stunden am Tag an die Tür und Musik aus Mittel- und Osteuropa ist trotzdem oder gerade deswegen nach wie vor international so gut wie „unsichtbar“.