Autor: Barbara Tóth
Erschienen in:
„Report. Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft in Zentral- und Osteuropa“, Mai 2006

 

Jiří Gruša (geboren 1938) war Gründer der nicht-kommunistischen Literaturzeitschrift „Tvár“ (1964). Als Mitwirkender am Prager Frühling 1968 wurde ihm Berufsverbot erteilt. Der Unterzeichner der Charta 77 wurde gegen seinen Willen ausgebürgert und danach deutscher Staatsbürger. In der BRD lebte er als freier Schriftsteller, bis er nach der Wende 1989 zum Botschafter der ČSFR in Bonn ernannt wurde. 1993 wurde er zum Botschafter Tschechiens ernannt, 1997 zum Minister für Bildungswesen, Jugend und Sport und 1998 zum tschechischen Botschafter in Österreich. 2003 wurde er zum Präsidenten des Internationalen PEN-Clubs gewählt. Er ist zudem Direktor der Diplomatischen Akademie Wien.

Barbara Tóth ist Politik-Redakteurin bei der Wiener Tageszeitung „Der Standard“ und Autorin. Zuletzt erschienen von ihr die Bücher „Karl von Schwarzenberg. Die Biografie“ (Ueberreuter, Wien 2005) und „Reifeprüfung. Prag 1989“ (Czernin, Wien 2004).

Das im Interview erwähnte Buch: Camille de Toledo, „Goodbye Tristesse. Bekenntnisse eines unbequemen Zeitgenossen“, Tropen Verlag, Berlin 2005, aus dem Französischen von Jana Hensel; zu bestellen unter: Amazon

„Ein 68er aus der ehemaligen Tschechoslowakei und ein 68er aus Deutschland, das sind zwei unterschiedliche Identitäten“

Jiří Gruša über Ostmentalität und westliche Befindlichkeiten

Herr Gruša, Sie sind Jahrgang 1938, 1968 waren Sie 30, 1989 49 Jahre alt. Fühlen Sie sich eigentlich als 68er?
Ein 68er aus der ehemaligen Tschechoslowakei und ein 68er aus Deutschland, das sind zwei unterschiedliche Identitäten. Ich erzähle Ihnen dazu eine bezeichnende Begebenheit: Als junger Literat durfte ich 1967 erstmals in den Westen fahren, ich war an die Tschechische Universität in Westberlin eingeladen. Meine westlichen Generationsgenossen verstanden nicht, was ich mit der „Freiheit des Wortes“ meinte, genauso wenig, wie es im Grunde die Kommunisten verstanden. Meine Standardantwort lautete stets: Literatur hat die Aufgabe, die sie sich selber gibt. Literatur ist die Erweiterung des Freiheitsraumes. Freiheit war für uns aus dem Osten zuallererst die Machtkategorie des Individuums, nicht die der Gesellschaft. Das hat von den Westlern niemand verstanden. Im Gegenteil: Ich bin dafür angegriffen worden. Dann sah ich meine Gesprächspartner in ihre Volkswagen steigen und fahren, wohin sie wollten. Ich war total verdattert. Was ist das für eine Welt? Die Menschen, die die von mir ersehnte Freiheit hatten, gingen mit mir genauso um wie meine Zensoren.

Dennoch wurde 1968 zur Chiffre einer Generation, in Ost und West.
Ich halte das Datum 1968 für keinen Zufall, sondern es hat eine biologische, generationsmäßige Logik. Nach einer halben Generation, also nach etwa 15 Jahren, wechseln die Erfahrungen: das Erlebte und die Erwartungen stehen einander gegenüber. Eine Generation – das sind 30 Jahre. Es ist also kein Zufall, dass 1968 diejenigen, die keine direkten Erfahrungen mit den totalitären Regimes vor 1945 hatten, selber ihre eigenen Fragen formulieren mussten. Auch heute leben wir in so einer Krisenzeit, rund 15 Jahre nach 1989 passiert das Gleiche wie damals 1968.

Warum werden die 68er gerade in Tschechien, aber auch sonst im ehemaligen Osten von der Generation der 89er ein wenig wie verstaubte Figuren der Vergangenheit behandelt, ehrenvoll, doch ohne große Bedeutung?
In gewissem Sinne haben Sie Recht. Den 89ern ist eine gewisse Mentalität eigen, die sie dazu treibt, eine Art verspäteten Marxismus andersrum anzuwenden.

Das müssen Sie mir erklären!
Sie definieren die Welt ähnlich wie wir damals. Nur: Die negativen Seiten des Kapitalismus praktizieren sie trotzdem ungeniert öffentlich und positiv. Sie haben einen anderen Zugang zur Realität. Diese Generation musste nicht Jahrzehnte warten, bis sie endlich für einen Tag in den Westen fahren durfte, sie hat die ganze Welt bereist. Unsere „Moralisierung“ der Welt -obwohl das weniger eine Moralisierung, sondern ein persönlicher Ethos war – ist ihnen fremd. Sie verwechseln Liberalität mit Freiheit. Freiheit bedeutet nicht, dass man alles darf. Was man nicht darf, steckt im eigenen Ethos. Und das haben sie nicht mehr.

Das ist ein hartes Urteil, das Sie da über die 89er treffen.
Ich bin manchmal selber überrascht.

Kehren wir noch einmal zu Ihrer Generation zurück: Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die 68er in den ehemaligen Ostblockstaaten nach der Wende im politischen System nicht überleben konnten, wärend ihre Generationsgenossen im Westen stattdessen häufig Karriere machten?
Über welche 68er sprechen wir? Die Reformkommunisten in der Tschechoslowakei haben 1968 beispielsweise die Erfahrung gemacht, dass das Formlose nicht zu reformieren ist. Der 68er war aber auch der zukünftige Charta '77-Aktivist, der in den Untergrund ging und gar keine Reformillusionen mehr hatte. Von dieser Gruppe haben einige nach 1989 wie Václav Havel oder auch ich den Marsch durch die Institutionen angetreten, wenngleich meistens nur ganz kurz. Das hängt damit zusammen, dass wir andere Talente hatten. Die Macht der Machtlosen und die Macht der Mächtigen ist etwas ganz anderes, wie Havel geschrieben hat.

Waren die 68er im Osten zu naiv?
Es gibt verschiedene Sorten von Naivität. Vielleicht ist dieser Ausdruck gar nicht so schlecht. Sie dürfen nicht vergessen, dass alle Regime seit 1938 eine negative Selektion der Eliten durchgeführt haben. Zwischen 1938 und 1968 sind fünf Millionen Menschen verschwunden, aufgrund von ideologischen, rassistischen oder klassenlehrenbedingten Dogmen. Das ist für ein Land mit 15 Millionen Menschen eine fürchterliche Bürde. Nachdem Leonid Breschnew 1968 den Prager Frühling niederschlug, bestand wohl kein Zweifel, dass wir naiv waren. Spätestens dann war jedem 68er im Osten wie Westen klar, dass der Kommunismus nicht zu reformieren war. Aber gleichzeitig wurde jedem 68er im Osten wie Westen klar, dass die kommunistische Partei nicht mehr das war, wofür man sie gehalten hatte. In dem Sinne war unsere Leistung für Europa schon groß. Wir haben die Glaubwürdigkeit der Partei zerstört. Aber der Preis dafür war ziemlich hoch. Die Unterzeichner der Charta '77, die später kamen, waren eine intellektuelle Elite der Ausselektierten, die keinen Kommunismus, Internationalismus, Sozialismus betrieben hat. Darin bestand die Lücke nach 1989. Wir waren eben machtpolitisch nicht schlau. Havel war nie fähig, eine Partei zu gründen, vertikale Strukturen aufzubauen. In anderen Ländern gab es dafür die Hilfe der besseren Apparatschiks.

Hat Havel deshalb über sich gesagt, er war ein „Irrtum der Geschichte“?
Geschichte ist die Panne, das, was nie geschehen sollte. In dem Sinn war er eine geschichtliche Persönlichkeit.

Kommen wir noch einmal auf das Verhältnis der 89er zu den 68ern zu sprechen: Der französische Autor Camille de Toledo wirft in seinem Buch „Goodbye Tristesse“ den 68ern vor, dass sie „Protestler sind, die vom Reformismus des Marktes bekehrt wurden.

Das ist doch schön! Was ist Markt? Wenn er sich so ein schönes Pseudonym gibt, hat er sich schon einen Marktnamen gewählt. Er denkt also marktkonform. Wir 68er haben zwei Entscheidungen zu treffen gehabt: ob wir machtkonform oder marktkonform sind. Ich habe mein erstes Buch 1962 publiziert, mit einem Echo, so stark, dass sogar das tschechoslowakische Staatsoberhaupt mich kritisierte. Ein Verleger im Westen hätte sofort mein Honorar erhöht und mich um ein neues Buch gebeten. Ich aber bekam meine erste Strafverfolgung und Publikationsverbot. Ich habe x-mal nachgedacht, ob ich im Westen bei derselben Reaktion auf mein Buch auch dieselbe Biografie entwickelt hätte. Ich glaube, nein. Ich wäre wahrscheinlich ein erfolgreicher Heini geworden, aufgeblasen. Es ist wesentlich leichter, nicht machtkonform zu sein als nicht marktkonform. Die Verführung im Westen ist schlimmer, doch sie ist gut. Ich will nicht moralisieren. Aber Camille de Toledo – den ich nicht kenne, das ist ein spontanes Urteil – ist schon jetzt marktkonform, er riskiert überhaupt nichts.

Noch ein Zitat von Toledo: „Sie sollten endlich sterben, verdammt noch mal, und ihre erbärmlichen Egos, ihre Erinnerungen, ihren Staat, ihre sexuelle Befreiung, ihre gescheiterten Revolutionen, ihre Desillusionierung, ihre Parteien, Parlamente und all ihre Leichen mitnehmen. Die von ihnen geschriebene Geschichte brauchen wir nicht mehr. Wir schreiben von jetzt an unsere eigene!
Aber natürlich! Jede Generation schreibt ihre eigene Geschichte!

Das Schlüsselerlebnis dieser Generation – die der 30 bis 35-Jährigen – ist unbestritten 1989. Aber wirkt es im Osten wie Westen gleich?
Im Osten war es eindeutig ein Schlüsselerlebnis, die Westler wussten nicht, dass es auch ihr Schicksal bestimmt. Inzwischen wissen sie es. Es kommt darauf an, was wir jetzt, nach dieser 15-jährigen Pause, in den nächsten fünf Jahren machen. Wir machen derzeit alles sehr europäisch-traditionell: mit den Ideen des Nationalismus, Sozialismus und teilweise Rassismus.

Liegt das daran, dass die Ideengeber in den entscheidenden Positionen einfach zu alt sind?
Ja, es ist eine Generationsfrage. Es ist aber auch eine Frage der Kontinuität innerhalb der Generationen. Camille de Toledo etwa wirkt auf mich so marktkonform wie seine Vorfahren, ein typischer Westler eben. Ich wurde noch verurteilt, weil in meinem Buch erotische Szenen drinnen waren. Heute muss man darüber lachen. Was damals Verleumdung war, ist heute Geschichte. Wir wissen heute, dass Franz Joseph I kein Intelligenzgenie war, Hitler kein Humanist, Goethe kein schlechter Schriftsteller. Die Geschichte entsteht erst mit der Distanz.

Werden wir in 15 Jahren wissen, dass wir im Jahr 2006 in einer Krisenzeit lebten, die auch einen Generationenkonflikt markierte?
Wir haben noch Zeit, die Probleme zu lösen. Wenn wir das nicht tun, werden wir es wohl als Krisenjahre verbuchen. Entscheidend ist, dass Freiheit ein Risikoraum ist. Die Westler aber wollen nicht das geringste Risiko eingehen. Sie kennen darauf nur drei Reaktionen: das Problem tiefgefroren weiterzuleiten. Oder: dessen Komplexität zu reduzieren. Das ist die negative Politik. Oder: die Komplexität zu integrieren. Diese Chance haben wir noch immer. Wir haben Europa doch schon gehabt: Säßen wir hier in meinem Büro in der Diplomatischen Akademie vor einem Jahrhundert, vielleicht sogar auf diesem Sofa, hätten wir eine gemeinsame Währung, ein Gemisch der Sprachen. Es wäre kein Problem, von Prag nach Istrien zu fahren. Hätte damals jemand behauptet, dass man diesen Raum nicht erweitert und vertieft, sondern reduktionistisch angeht, niemand hätte es geglaubt.

Haben die „neuen Europäer“, wie die 89er im Osten genannt werden, dem Westen etwas voraus?
Eine Angela Merkel oder ein Matthias Platzeck werden sicher nicht Bussi-Bussi mit Wladimir Putin machen. Putin ist für uns „Ossis“ eine ziemlich dechiffrierbare Persönlichkeit. In Deutschland erleben wir jetzt den „Takeover from the East“. Das ist vielleicht die Chance der definitiven deutschen Einheit. Es ist kein Zufall, dass man dafür zwei „Ossis“ braucht. Und dass diese eine klügere Politik gegenüber dem Osten betreiben als die 68er.

Takeover from the East – ein Modell für Europa?
Wenn man sich das in Deutschland so anschaut, könnte man meinen, dass es vielleicht auch für Europa gar nicht schlecht wäre, wenn Politiker aus dem Osten stärker wären. Aber die Geschichte ist – wie bereits gesagt – eine ständig sich wiederholende Panne, die man nicht vorhersagen kann.