Autor: Kathrin Lauer
Erschienen: „Report. Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft in Zentral- und Osteuropa“, November 2007

Kathrin Lauer, geboren 1964 in Bukarest, wanderte 1980 in die Bundesrepublik Deutschland aus. Sie studierte Romanistik und Neuere Geschichte in Bonn und Paris. Seit 1994 ist sie als freie Journalistin unter anderem für die Deutsche Presse-Agentur (dpa), die „Süddeutsche Zeitung“ und den „Standard“ tätig. Schwerpunktthemen ihrer Arbeit bilden Rumänien und Ungarn. Kathrin Lauer lebt abwechselnd in Budapest und Bukarest.

Westlich gewandet, westlich verwandelt

Ungarn und Rumänien sind Nachbarländer. Im Abstand von drei Jahren sind sie der Europäischen Union beigetreten; 2004 Ungarn, 2007 Rumänien. Für beide Länder bedeutet die EU-Mitgliedschaft die Rückkehr nach Hause in die westliche Welt. Aber was bedeutet dieser Westen für sie?


Von diesem Wort – „occident“ im Rumänischen und „nyugat“ im Ungarischen – gehen ganz unterschiedliche Schwingungen in diesen zwei Kulturen aus. Die Journalistin Kathrin Lauer, die abwechselnd in beiden Ländern lebt, ging für „Report“ den rumänischen und ungarischen Befindlichkeiten auf den Grund. Rumänien: Sehnsucht nach Westen Neulich erzählte Alina Mungiu, Rumäniens scharfsinnigste Politologin, ein Erlebnis aus einer Stadt irgendwo in Westeuropa, in der sie zu Besuch war. Sie entdeckte einen Zettel an einer Kirchentür, auf dem die Bewohner des betreffenden Stadtviertels zu einer Versammlung eingeladen wurden, bei der über ein Bauprojekt gesprochen werden sollte, das alle ärgert: einen mehrstöckigen Wohnkomplex, der für alle anderen Menschen in der Umgebung die liebliche Aussicht auf einen Bach verdecken würde. Man stelle sich vor, schreibt Mungiu in ihrem Artikel für die Bukarester Kultur-Wochenzeitschrift „Dilema“, dass dieses störende Gebäude einfach nicht errichtet werden darf, wenn die Anwohner das nicht wollen. So viel Solidarität für das Gemeinwohl könne sie sich hingegen in der rumänischen Hauptstadt Bukarest kaum vorstellen. Dort aber, an diesem Ort irgendwo in Westeuropa, sei das möglich. „Zivilgesellschaft, Demokratie? – Diese Worte werden dort nicht ausgesprochen, aber ihr Wesen ist präsent“, begeistert sich die 
43-Jährige.
In der Tat: In Bukarest herrscht nackter Egoismus. Jeder baut, wie er will, wirft Müll auf die Straße, und die vom Dauerstau verstopften Fahrbahnen stellen einen regelrechten Kriegsschauplatz dar. Alina Mungiu, Präsidentin des von westlichen Sponsoren finanzierten Bukarester Thinktanks „Societatea Academica Romana“ (Rumänische Akademische Gesellschaft), hat durch ihre zahlreichen Aufenthalte als Gastdozentin schon viel von Europa gesehen. Intellektuelle wie sie definieren den Begriff „Westen“ als jenen Ort, wo die Menschen willens und fähig sind, sich für eine gemeinsame Sache zu engagieren. Rumänen, die eine Generation älter sind als Mungiu, würden dergleichen schon wieder als Auswuchs linker Gesinnung brandmarken – sie haben zu stark unter der während des Kommunismus staatlich verordneten Negation des Individuums gelitten. Suspekt ist ihnen an der westlichen Kultur alles, was irgendwie links wirkt und Gruppenbildung beinhaltet: Gewerkschaften, Frauen- und Umweltbewegungen, Gleichberechtigung. In Rumänien erkennt man soziale Herkunft, Beruf und Bildung eines Menschen immer noch weitgehend an der Kleidung. In Westeuropa hingegen hat die Konsumgüterindustrie bewirkt, dass alle Menschen eher langweilig gleich aussehen – so die Lesart der rechtskonservativen rumänischen Kapitalismuskritiker, die ihr gesellschaftliches Ideal in der Zwischenkriegszeit sehen, als es in Rumänien noch einen König gab, weiß behandschuhte Lakaien und barfüßige Bäuerinnen, die ihr Grünzeug in Körben von Haus zu Haus feilboten. Lange Zeit war der Westen für die Rumänen der ferne, unerreichbare Ort des Wohlstands und der Freiheit. Dies wird wohl auch noch lange so bleiben. Mehr als zwei Millionen Rumänen arbeiten derzeit, legal oder illegal, im westlichen Ausland und schicken Milliardensummen an ihre Verwandtschaft zu Hause. So manche rumänischen Politiker sehen darin nicht nur einen wirtschaftlichen Glücksfall – zehn Prozent der rumänischen Familien leben von diesem Geld aus dem Ausland –, sondern auch die Chance für einen politischen Kulturwandel. Die Arbeitsmigranten würden westliche – das heißt: aufgeklärte – Mentalitäten mit nach Hause bringen. Sie würden daher bei Wahlen nicht mehr so leicht irgendwelchen Populisten ihre Stimme geben. Der Westen steht somit auch für Ratio, Pragmatismus und aufklärerisches Denken, im Gegensatz zur orientalischen Schicksalsergebenheit und kontemplativen Träumerei, die besonders durch den orthodoxen Glauben gefördert wird. Für die rumänische Orthodoxie, zu der sich mehr als 80 Prozent der Bevölkerung bekennen – darunter immer mehr junge Leute –, birgt die westliche Welt einen Feind in Gestalt der Katholiken und Protestanten in sich. Die Katholiken verkörpern für sie durch ihr internationales Auftreten eine mafiöse Weltverschwörung und der Papst eine Art „capo di tutti capi“. An den Protestanten wiederum stört die Orthodoxen deren intellektuelles Verhältnis zu Gott und die kaufmännisch-pragmatische Kultur. Historisch gesehen ist das Verhältnis der Rumänen zum Westen von der geopolitischen Lage geprägt. Siebenbürgen war und ist durch seine bis 1918 dauernde Zugehörigkeit zu Österreich-Ungarn näher am Westen und fühlt sich auch so. Die Siebenbürger schauen von oben herab auf die russisch geprägten Ost- und die balkanischen Südrumänen. Die Fürstentümer Moldau im Osten und Walachei im Süden standen unter wechselnden russischen und türkischen Einflüssen. Die Moderne hielt dort erst im 
19. Jahrhundert Einzug – zunächst durch die Mode.
Die reichen jungen Herren wurden damals erstmals zum Studium nach Frankreich geschickt, wo sie ihren orientalischen Kaftan ablegten und Hosen anzogen. Derart westlich gewandet kehrten sie nach Hause zurück und sagten nur noch „Bonjour“. Sie taten so, als hätten sie vergessen, wie man auf Rumänisch einen guten Tag wünscht. Man nannte sie deswegen spöttisch „Bonjouristen“. In der Moldau kam der westliche Mode-Wind aus dem Osten. Während der russisch-türkischen Kriege waren dort oft elegante Offiziere aus Moskau und St. Petersburg stationiert. Sie brachten den moldauischen Damen der höheren Gesellschaft zu deren Entzücken das Walzertanzen bei. Die Ehemänner schauten erst einmal ratlos zu. Grund war, dass sie in ihren langen Kaftanen beim Walzer eine lächerliche Figur gemacht hätten. Sie änderten ihre Garderobe ziemlich bald. In der jüngeren Zeit hat sich für die Rumänen die westliche Welt zweigeteilt – durch den Zwist zwischen den USA und einigen EU-Staaten hinsichtlich der Politik gegen den internationalen Terrorismus. Rumäniens Regierungen sind seit dem Jahr 2000 klar pro-amerikanisch, ganz im Einklang mit der Stimmung im Volk. Dass dies den Rumänen gelegentlich zum Vorwurf gemacht wird, findet etwa der Gelehrte Andrei Plesu, Gründer der Zeitschrift „Dilema“, höchst verwirrend. Sich zwischen Europa und Amerika entscheiden zu müssen, sei genauso absurd wie die dumme Frage, die manche Erwachsene den Kindern stellen: „Wen hast du mehr lieb: deinen Vater oder deine Mutter?“, schrieb Ples¸u. Eines wird dabei klar: Rumäniens Verhältnis zum Okzident ist eine Eltern-Kind-Beziehung. Rumäniens Staatspräsident Traian Basescu treibt die Amerika-Hörigkeit so weit, dass er immer wieder öffentlich und sinnlos den -russischen Präsidenten Vladimir Putin beschimpft. Dementsprechend bezahlt Rumänien einen der höchsten Preise Europas für russisches Importgas. Ungarn: Wir sind Teil des Westens! Die Rumänen vergleichen sich ständig mit Westeuropäern und reagieren darauf teils mit Minderwertigkeitskomplexen, teils mit Verachtung, die aus Frustration herrührt. Die ungarischen Nachbarn haben diesen Vergleich nicht nötig, weil sie sich als dem Westen zugehörig betrachten. Sie brauchen den Westen deshalb auch nicht zu definieren. Viel eher beschäftigt sie das Bewahren ihrer nationalen Eigenheit, die ihnen, vor allem durch die Sprache, zu einem insularen und daher schutzbedürftigen Dasein verholfen hat. Die Frage lautet nicht „West oder Ost“, sondern „Wir oder der Rest der Welt“. Die Ungarn leben und konsumieren wie die Westler, lassen aber sehr viel weniger Anglizismen in ihrer Sprache zu als andere Völker in der globalisierten Welt. Fast alles wird gnadenlos übersetzt, Ausnahmen gibt es nur in größter Not – wie im Fall von „Software“. Ungarisch heißt es „szoftver“. Es geht Österreichs östlichen Nachbarn eher darum, kulturelles Terrain zu verteidigen, nachdem sie ohnehin nach dem Ersten Weltkrieg durch die großen Gebietsverluste ihren Rang als regionale Macht verloren haben – eine Wunde, die bis heute schmerzt. Kroatien, ein Teil der heutigen Slowakei, Siebenbürgen, die Karpato-Ukraine – das war das Reich, das der Staatsgründer König Stephan vor mehr als tausend Jahren schuf. Die Ungarn dominierten diese Gebiete auch während ihrer Zugehörigkeit zum habsburgischen Imperium, weil sie selbst darin eine Sonderstellung einnahmen. Bei allem Selbstbewusstsein war es aber der intellektuellen Klasse Ungarns immer ein Bedürfnis, den Kontakt zum Westen bewusst zu pflegen. Die wichtigste Zeitschrift der ungarischen Gründerzeit hieß „Nyugat“ (Westen). Hier entstand ein Zirkel um den großbürgerlichen Literaten Hugo Veigelsberg (1896–1949), der unter dem Pseudonym Ignotus schrieb, und den bedeutendsten ungarischen Schriftstellern, darunter Mihály Babits, Endre Ady, Dezső Kosztolányi, Gyula Krúdy und Móricz Zsigmond eine Tribüne bot. Mit diesen Autoren, deren Werk zu Unrecht immer noch nicht in vollem Umfang auf Deutsch zugänglich ist, versuchte „Nyugat“ westliche Strömungen wie Naturalismus und Symbolismus umzusetzen und schuf dabei selbst einen modernistischen Trend. Die erste „Nyugat“- Nummer aus dem Jahr 1908 eröffnete Ignotus mit vergleichenden Betrachtungen über die angebliche Verwandtschaft zwischen Finnen und Ungarn. Anlass war das Budapester Gastspiel einer finnischen Schauspieltruppe, das Ignotus ziemlich mittelmäßig fand. Er kam zu dem Schluss, dass „unsere aus dem Ungarischen entsprossene österreichische Heutigkeit“ doch „eine Kulturwelt von anderer Art“ sei als die finnische. Bezeichnend für den Blick der Ungarn in die Welt ist auch ihr viel größeres Interesse an der internationalen Politik – ganz anders als im benachbarten Rumänien. Während die Budapester Zeitungen voll von Berichten aus aller Welt und entsprechenden Kommentaren sind, scheint man sich in Bukarest fast ausschließlich für die internen Probleme zu interessieren. Aus rumänischen Medien ist auch über die Nachbarländer kaum etwas zu erfahren. Hingegen interessiert die Ungarn ihre eigene Region brennend – aus alter historisch motivierter Nostalgie und aus handfestem Wirtschaftskalkül. Es ist ihnen nicht einerlei, wer die serbischen, kroatischen und rumänischen Erdölraffinerien, Telefongesellschaften und Salzbergwerke kauft. Die Ungarn wollen mitspielen und sehen westliche Investoren dabei mitunter als Konkurrenz. Äußerst gereizt reagierte zum Beispiel die Regierung in Budapest, als die österreichische OMV jüngst ohne Vorwarnung ihr Anteilspaket am ungarischen Mineralölkonzern MOL durch Aktienzukauf auf 18,6 Prozent fast verdoppelte. Premierminister Ferenc Gyurcsány sprach von „feindlicher Übernahme“ und der MOL-Vorstandschef Zsolt Hernádi verkündete in provokantem Ton, man sei viel eher an einer Zusammenarbeit mit russischen Erdölmultis interessiert als mit OMV. Die Russen wiederum sitzen längst nicht mehr nur im Osten. Das weiß man spätestens, seit Roman Abramowitsch den britischen Club Chelsea kaufte und der deutsche Ex-Kanzler Gerhard Schröder sich bei Gazprom verdingte. Insofern wird die Frage, was und wo die westliche Welt sei, aus jeder Perspektive immer komplizierter.