Autor: Evgeny Beresnev & Anna Ceeh
Erschienen in:
„Report. Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft in Zentral- und Osteuropa“, Dezember 2005

 

Evgeny Beresnev lebt und arbeitet in Wladiwostok (Russland) und ist seit 1994 als Elektronikmusiker und Sammler von elektronischen Musikinstrumenten aktiv. Seit 1999 agiert er unter dem Künstlernamen Park Modern. Im Jahr 2005 trat er das erste Mal im Westen (in Wien) auf. Demnächst erscheint auf dem österreichischen Label Laton seine erste Doppel-CD „Mechanical Interrior“ (Laton 036).

Anna Ceeh wurde 1974 in Petersburg geboren und studiert an der Akademie der Künste in Wien. Sie arbeitet als Videokünstlerin und Fotografin, Festival-Organisatorin und Musiklabel-Managerin (Laton records).

 

Laton/ Park Modern
Laton/ Anna Ceeh

„UFO über Wladiwostok“

Park Modern schickt E-Mails nach Wien

Über die Musikszene im fernen russischen Asien: Eine E-Mail-Impression zwischen der in Wien lebenden Künstlerin Anna Ceeh und dem Musiker Evgeny Beresnev, in der der Künstler erzählt, wie es ihm als Musiker am Rande Russlands, in Wladiwostok ergeht.

Der Elektronik-Musiker Evgeny Beresnev aka „Park Modern“ ist zwar Russe wie die gebürtige Petersburgerin Anna Ceeh, beide jedoch leben in einem gänzlich anderen Russland. Beresnev stammt nämlich aus der Stadt Wladiwostok (was im Russischen so viel wie „Herr des Ostens“ bedeutet). 700.000 Einwohner zählt der Ort am östlichen Rand des Riesenlandes, der nur hundert Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt liegt. Von Wladiwostok am Japanischen Meer nach Moskau fährt man mit dem Zug fünf Tage. Wenn Beresnev ein Visum für die europäischen Schengenländer beantragen will, um etwa wie kürzlich in Wien beim Radius-Festival (Laton, am 24. 11. 2005 in den Flaktürmen des MAK) teilzunehmen, muss er dafür extra nach Moskau aufbrechen, darauf hoffend, auch tatsächlich eines ausgestellt zu bekommen. Allein mit dem Flugzeug braucht er dafür schon acht Stunden, also annähernd so lang wie von Wien nach New York. Im Folgenden präsentieren wir einen kleinen Ausschnitt aus der E-Mail-Korrespondenz zwischen der in Wien lebenden Künstlerin und Festival-Organisatorin Anna Ceeh und dem Musiker Evgeny Beresnev, in der der Künstler erzählt, wie es ihm als Musiker am Rande Russlands ergeht.

Wladiwostok, 1. 9. 2005
Liebe Anna,

du hast mich im letzten E-Mail gefragt, welche Musikinstrumente ich spiele. Mein Equipment besteht aus einem kleinen Computer der Marke Barebone mit einem Monitor, einer Tastatur und einem Korg Kaoss Pad 2. Meine Auftrittsmethode ist schnell erklärt: Ich spiele fast ausschließlich alleine und, so gerne ich es auch hie und da tun würde, kann doch nicht alles live spielen. Deswegen verwende ich Audiospuren, arbeite also mit der Tastatur, die ich mit diversen Sounds belege. Um die elektronische Musik steht es in Russland im Fernen Osten ziemlich schlecht. Alle Festivals, die bisher stattfanden, habe ich eigentlich immer selbst mitorganisiert. Bis jetzt waren das gerade einmal vier an der Zahl. Es ist sehr schwierig, in Wladiwostok etwas mit elektronischer Musik auf die Beine zu stellen, aber immerhin besteht ein Hoffnungsschimmer.

Wladiwostok, 3. 9. 2005
Hallo Anna!

Danke für dein E-Mail. Ich würde es mal vorsichtig formulieren: Es existieren zuweilen verschiedene Vorstellungen von der Methodik, wie man bei uns ein Musikfestival organisiert und durchführt. An sich sind die Festivals bei uns zum Lachen. Man muss sich als Künstler stundenlang um einen Tisch für den Auftritt kümmern, um schlussendlich auf irgendeinem Fass oder einem Karton seine eigenen Musikinstrumente auszupacken. Gleichzeitig kämpft man bis zum letzten Moment, um seine Kabel überhaupt anschließen zu können, und nach dem Festival stellt sich heraus, dass es keine Übernachtungsmöglichkeiten für den Künstler gibt.
Auf den so genannten „Festivals“ (es sind hauptsächlich Rock-Festivals) unternehmen die Veranstalter alles Erdenkliche, um einem die Lautstärke runterzudrehen und den Auftritt am Ende abzuwürgen. Einmal gab es keinen Platz mehr auf der Bühne für mich, also erkämpfte ich mir einen Ort seitlich, hinter den Monitoren, auf einem halb kaputten Karton in der Nähe der Nebelmaschine – die man dann während meines Gigs voll eingeschaltet hat. So dauerte mein – übrigens beschnittener – Auftritt mit eingeschränkter Sicht und Überinhalation von Nebel grandiose sechs Minuten lang.

Wladiwostok, 9. 9. 2005
Liebe Anna,

schlechte Nachrichten: Das Flugticket von Wladiwostok nach Moskau und zurück kostet 30.000 Rubel, also annähernd 850 Euro.

Wladiwostok, 10. 9. 2005
Guten Tag, Anna,

nein, meine Musik wurde noch nie veröffentlicht. Bei uns im Fernen Osten gibt es kein einziges Label, und die Sankt Petersburger und Moskauer greifen solche Projekte wie meine erst gar nicht an, weil es praktisch unmöglich ist, für mich Konzerte im zentralen Russland zu organisieren. Dafür ist meine Musik im Internet sehr gefragt. Man lädt sich drei bis 17 GB im Monat von mir runter, schon seit vier Jahren, Hörer aus Ländern der Dritten Welt wie dem Irak, aber auch aus den USA.

Wladiwostok, 10. 9. 2005
Hi!

Was interessante Filme anbelangt, ist es bei uns auch sehr problematisch. Es gibt hier keine Menschen, die sich mit Video-Art beschäftigen. Dieser Teil des Fernen Ostens ist von dem Rest der Welt absolut abgeschnitten. Die Kunst ist hier tot. Und was die „Musikapparaturen“ angeht, kann man vor Ort höchstens eine Gitarre kaufen. Alles muss aus Moskau bestellt werden. Seit einiger Zeit beschäftige ich mich selber mit Videoschnitt, könnte eigentlich auch selbst was aufnehmen, aber ich kann mir nicht vorstellen, was.

Wladiwostok, 20. 9. 2005
Hi Anna,

wollte mich wieder einmal melden. Bei uns ist es wie immer lustig! Wladiwostok steht im Mittelpunkt des Geschehens, obwohl von der Presse natürlich wie immer alles totgeschwiegen wird. Ein UFO erschien gestern über Wladiwostok und die halbe Stadt hat es gesehen. Darauf ließen „die Unseren“ die Düsenjäger SU 27 in die Luft steigen und nahmen das UFO unter Beschuss. Der Himmel war voller Explosionen und das UFO hat sich schnell aus der Affäre gezogen. Heute stand es wieder über der Stadt. Offenbar ist man den ganzen September sehr aktiv in dieser Gegend, vor allem in Wladiwostok.

Wladiwostok, 31. 10. 2005

Es hat sich herausgestellt, dass es in Moskau einen „Park Modern“- Fanclub gibt. Sie wollen Geld zusammenlegen und mich nach Moskau bringen. Es sind 15- bis 20-jährige. Positiv ist, dass ich dadurch in Moskau eine Unterkunft habe.



(Übersetzung aus dem Russischen: Anna Ceeh)