Autor: Antje Mayer
Erschienen in: „Kursiv“ 08-01/01

Moskau: der rauschende Fleischwolf

Aktuelle russische Musik zwischen Avantgarde und Pop

Ein Moskauer Frühling in diesem Jahr, wie in einem DDR-Propagandafilm: Der russische Himmel war asiatisch blau, die Maibäume blühten weiß, der Kreml nicht mehr so rot. Über der russischen Hauptstadt schwebte eine fröhliche Melodie, die die Marschschritte und das Panzerbrummen der Maiparade übertönte.

Die alten Bremsen der im 20-Sekunden-Takt einfahrenden Metro quietschten wie eh und je, die ausrangierten Regierungswolgas knatterten durch die sechsspurigen Prospekte, die Rentnerinnen riefen „Maiglöckchen, Maiglöckchen“, die Straßenhändler durchs Megaphon: „Lottolose! Werden Sie reich!“ Von den zahllosen Buden, die bis zum Sonnenaufgang von Scharen junger Russen umringt waren, dröhnte wummernde Popmusik. „Wie Moskau tönt? Gute Frage. Mit tausend Stimmen, wie ein Löffel im Glas“, beschreibt es die russische Musikerin Inna Schelannaja. „Nicht so hell, eher etwas tiefer. Moskau klingt nicht, es rauscht eher, mit einem Wort: Babylon.“

Blümchentapete und Elektroniktrash
Der litauische Experimental-Elektronikmusiker und Psychologe Richard Norvila (Jahrgang 1961) liebt das Rauschen Moskaus, das wie aus einem gnadenlosen Fleischwolf dröhnt, der alles Russische, Tatarische, Armenische, Aserbaidschanische zu Hackfleisch des Moskauer Lebens zermalmt. Das ist der Grundstoff für Norvilas Musik. Die produziert der geniale Einzelgänger Norvila alias „Benzo“ in seinem Musikstudio in einer Einraumwohnung, eineinhalb Stunden Metro- und Busfahrt vom Zentrum gelegen. Für Moskauer Entfernungen mitten in der City. Dort stapeln sich bis zur Decke, vor längst ergrauten Blümchentapeten, Dutzende alte Synthesizer, Mischpulte und Sampler „made in Russia“, für deren verstaubten, warmen Klang im Westen so mancher Freak gerne seine ganze Plattensammlung eintauschen würde. Die staatlichen Kombinate bauten die Musikmaschinen aus billigen Zusatzteilen, damit für jeden sowjetischen Bauern und Arbeiter, von Nowosibirsk bis Lemberg, das moderne, einer führenden Industrienation würdige Tönemachen ermöglicht würde. Norvila fand die Teile teilweise im Müll, reparierte sie mühselig und baute sie für seine Bedürfnisse neu zusammen. Was hätte er auch anders machen können, seine Therapiestunden als Psychologe werfen nicht so viel ab, dass er sie in einem Geschäft hätte kaufen können, wenn es ein solches überhaupt gegeben hätte.
Das Leben von Abfall und aus zweiter Hand ist in Russland nicht Lifestyle-Attitüde wie im Westen. Mit dem Begriff „Trash“ weiß kein Russe etwas anzufangen, denn „Russland ist gelebter Trash“, erklärt der Österreicher Markus Tröscher, Mitgründer des russischen Plattenlabels „www.records.ru“ und Consultant für Warner Brothers Moskau. „Was wir im Westen so originell, vielleicht sogar trendy finden, ist hier reine Überlebensstrategie.“

Lenin als Comicfigur
Während auf dem Grund der Barentsee das Atom-U-Boot „Kursk“ als Sinnbild der herabgewirtschafteten Weltmacht zerschellt, gelingt es Petersburger Hackern zur gleichen Zeit im Oktober vergangenen Jahres, die Quellcodes von Microsoft zu knacken. Kein Land, das sich derart am Puls der Zeit bewegt und gleichzeitig ihr so sehr hinterherhinkt. Aber Umbrüche tun der Kunst bekanntlich gut. Allen voran dem Zehn-Millionen-Moloch Moskau, das gerade einen Hype erlebt, der seinesgleichen sucht. Während die bildende Kunst in Russland nicht recht auf die Füße kommt, nach dem großen Boom Anfang der 90er Jahre, als jedes Dorfmuseum von Los Angeles bis Detmold, das etwas auf sich hielt, Sowjetkunst ohne Rücksicht auf deren Qualität in den Westen holte, dreht die angewandte Kunst auf. Innovative Mode-, Design- und Musikmagazine werden trotz rigider Pressepolitik herausgegeben, in einst leer stehenden, notdürftig adaptierten Kellern und Wohnungen eröffnen monatlich neue Clubs. In den verfallenen Hinterhöfen Moskaus schneidern junge Designer ihre schräge Mode und mixen DJs ihre elektronische Musik. „Es wachsen nun Kinder auf, die haben die alten Idioten nicht gesehen, die auf dem Mausoleum standen und mit welken Gesten die fröhliche Menge der Verdammten grüßten“, freut sich der russische Satiriker Jewgeni Popow. „Für diese Kinder ist Lenin eine Comicfigur.“

Musik im Stoffwechsel
Diese Kids produzieren ihre Musik in den Metropolen Moskau und Petersburg, selbst in der sibirischen Provinz, ohne Rücksicht auf Politik, Tradition, Zensur, Copyright und Markt, was das Zeug hält. Zum Teil auf derart alten Computern, sodass auf die Festplatte nur ein Song passt, den sie dann auf eine Kassette überspielen. Dann müssen sie die Daten löschen und erneut von vorne anfangen. Kassetten stellen immer noch die wichtigsten Verteilermedien für elektronische Musik dar. „Paradox ist, dass gleichzeitig ein Großteil der Musiker mit der neuesten Software arbeitet, die es auf dem bestens organisierten Schwarzmarkt für einen Spotpreis zu kaufen gibt. Die holen aus ihren alten Schrottkisten heraus, was nur möglich ist. Anfang der Neunziger hatten viele Freaks ihre Musikprogramme sogar noch selbst programmiert“, erklärt der 29-jährige Moskauer Andrej Gratchiov, der gerade an einer Enzyklopädie für russische elektronische Musik schreibt. „Gute Musiker können mit allem Musik machen. Die Musiker benutzen alles, was nur einen Ton von sich gibt: sampeln, was ihnen gefällt, bauen alte Synthesizer um, verfremden Gefundenes von der Straße als Percussion-Instrumente und arbeiten mit Geräusche-Generatoren“, berichtet Kataev. „Ihre alten Rekorder dienen als Aufnahmegeräte. Wenn die im Westen unsere Tracks hören, schütteln sie nur ungläubig den Kopf: Auf diesem Ramsch ist dieser Sound gebastelt worden? Unglaublich!“

Postindustrial Sound aus Sibirien
Was die Russen zusammenbrauen, bezeichnet Andrej Kataev als „sehr geräuschvoll und postindustrial“. „In Sibirien gibt es so viele Fabriken. Unsere Städte sind grau und die Gesichter der Leute sind es auch“, so der Fachmann. „Unsere elektronische Musik ist daher so viel melodischer als im Westen. Unsere Sounds wollen cool sein, aber dabei affirmativ klingen, relaxt und friedlich daherkommen. Stets schwingt ein wenig Melancholie dabei mit.“ Das kann Richard Norvila nur bestätigen: „Ich hasse elektronischen Sound, für den man das ganze Booklet durchackern muss, um ihn zu verstehen. Für mich soll er direkt ins Blut gehen.“ Seine eigenwilligen Kreationen mit den für neue russische, experimentelle Elektronikmusik typischen Ethnoeinflüssen, abgemixt mit Film- und TV-Zitaten oder Alltagsgeräuschen, sind dramaturgische Tondichtungen in Rockmusiktradition, die sich souverän erlauben, ironisch kitschig zu sein. „Kitsch“, wieder so ein Begriff, mit dem die Russen erst langsam im Zuge ihrer eigenen kulturellen Reflexion etwas anzufangen wissen. Zu seinem elektronischen Geräusche- und Melodiemix „Am Lagerfeuer“ etwa inspirierten Richard Norvila die Ferien im Pionierlager in seiner Kindheit. Herbst 2001 gibt das österreichische Label „Laton“ (Alois Huber/Franz Pomassl) die erste CD der Neuentdeckung „Benzo“ aus Moskau heraus. Aktuelle Elektronikmusik im Westen ist „to be used rather than to be understood“, wie Jeremy Gilbert und Ewan Pearson in ihrem Buch „Discographies“ (London/New York 1999, S.167 ff) schreiben. Russische Tracks hingegen erzählen lieber Geschichten. Westliche Sounds „are not, like rock songs, about creating a space for fantasy, for identification or carthasis. They are about collapsing the future into the present“. Von „Zukunftsversprechen“ und „Kollaps“ haben die Russen verständlicherweise derzeit vorerst einmal genug.

Ein paar Namen (zum Überlesen)
Zu Sowjetzeiten gab einzig und allein das staatliche Label des Kulturministeriums der UdSSR mit dem programmatischen Namen „Melodija“ Platten heraus. Was darauf zu hören war, wurde 1932 auf dem von Stalin einberufenen Kultursymposium festgelegt: Sozialistischer Realismus. Musikalisch hieß das einfache Melodien, die das Volk verstand. Außer Filmmusik von Eduard Artemyev in den 60er und 70er Jahren hatte es offiziell elektronische Musik in der Sowjetunion nach Lenins Kunstedikt nie gegeben. Erst 1989, in den Tauzeiten des Glasnost, durfte der Underground-Elektroniker Mikhail Chekalin (Jahrgang 1959) vierzehn Langspielplatten bei „Melodija“ veröffentlichen (in Deutschland ist eine CD „Night Pulsation“ bei „Erdenklang“ erschienen). Chekalin vermeidet Sequencer, Playback- und Mischpulttechnik zugunsten von Liveeinspielungen und arbeitet ähnlich elektrisch, wenn auch mainstreamiger, wie Richard Norvila: „Fantastisch fantasievolle Musik, so klar wie Glasnost, so sättigend wie Borschtsch und so prickelnd wie Krimsekt“, schrieb begeistert das Musikmagazin „Keyboards“.
Einer, von dem man im Westen noch hören wird, ist außerdem Alexej Borisov (Jahrgang 1960), einer der (vielen) Elektronik-Pioniere Russlands und ein großes Vorbild für den jungen Nachwuchs. Er war in den Achtzigern Gitarrist der Gruppe „Centre“, der ersten New Wave Band der Sowjetunion. 1985 gründete er zudem die erste Techno- und Industrial-Kultband „Notschnoi Prospekt“ (Nächtlicher Boulevard), die bis heute aktiv ist. In der Szene sehr geschätzt ist auch seine Künstlergruppe „F.R.U.I.T.S.“. Im Duo mit Pavel Jagun experimentiert Borisov dabei mit Elektronic-Sound, Sprache und Zeichensystemen. Im Westen bekannter ist der Moskauer Minimalhouser Anton Kubikov (mit Künstlernamen SCSI 9), der bereits auf deutschen Labels publizierte (Salo, Force Tracks, Trapez, Traum).

Drums und Drogen
Kenner der Szene nennen außerdem immer die schräge Gruppe „Ministry of Psycho“, die nur noch selten spielt. Ihre Mitglieder, Fabrikarbeiter, machten mit allem Musik, was ihnen in die Finger kam. Ihnen war egal, ob sie einen Hit landeten oder nicht. 1996 spielte die Band jede Woche sechs Stunden lang live (!) mit Drummaschinen, analogen Synthesizern und Samplern im inzwischen eingestellten 24-Stunden-Radiosender „Untergrund“. Eine der letzten Stationen in Moskau, die durchgehend experimentelle Musik in den Äther sendeten, sozusagen das „FM4 von Russland“. Andere Seite der Medaille: Die Band war immerzu mit Drogen zugedröhnt und propagierte das auch öffentlich. Ihre Fans hörten belustigt zu. Eines ihrer Bandmitglieder sitzt derzeit eine Strafe wegen Drogendelikten ab. Mitte der Neunziger experimentierten viele russische Electronicmusiker, Rock- und Popgrößen und ihre Fans geradezu leidenschaftlich mit Rauschgiften, teils aus Frust, teils um westliche Lebenskultur nachzuholen. Eine psychedelische Droge war das Rauschgift „Öl“, eine synthetische Verbindung, die russische Wissenschaftler zufällig erfunden hatten. „Man bekommt den Eindruck, wie Schmiere zu zerfließen. Mit 'Öl' fliegt man und fühlt sich wie der König der Galaxie, stundenlang“, weiß Andrej Kataev. „Noch nach zwei Wochen kann man einen Flashback erleben. Etwas Vergleichbares gibt es, soviel ich weiß, in Westeuropa nicht. Um von diesem Teufelszeug wieder runterzukommen, nehmen nun viele Musiker, auch die Mitglieder von ‘Ministry of Psycho’, Heroin. Das sediert.“ Durch die „strengen Drogengesetze“ seit 1998 wurde mitunter der experimentelle Musikuntergrund in Russland zerschlagen, behauptet Andrej Kataev. Die Rezession in diesem Jahr dürfte ihm vielmehr den finanziellen Boden geraubt haben: „Viele Elektronikmusiker, die in den Westen wollen“, so Kataev, „bekommen wegen ihrer Drogendelikte kein Visum ausgestellt. Die wenigsten Veranstalter wissen das und denken, das sei staatliche Willkür.“

Musik ohne Ort
Auf ein funktionierendes Vertriebssystem können die Elektroniker für ihre Musikexperimente nicht zählen, auch die Auftrittsorte sind rar gesät. Hie und da sind ein paar Gigs in Moskau möglich, etwa im „Künstlerhaus“, in der hippesten Disko der Hauptstadt, dem „Propaganda“, im „16 Tons“, im „DOM“ oder in den zwei Lokalen der Moskauer Kulturinitiative „OGI“.
Eines der ersten und wenigen auch im Westen bekannten Tape- und CD-Labels ist „art-tek“, das als eine Art virtuelle Plattform für elektronische Musik fungiert, Live-Konzerte vermittelt und eine eigene Homepage (art-tek.mu.r) betreibt. Aus Geldgründen hat art-tek bis heute gleichwohl erst drei CDs publiziert. Gegründet hat es Anfang der Neunziger einer der Electronic-Pioniere in Russland, Roman Belavkin (mit Künstlernamen Solar X). Der ist, wie viele geniale Köpfe des einstigen Sowjetreichs, jedoch inzwischen gen Westen nach Großbritannien emigriert, für sein Studium der künstlichen Intelligenz, wenn auch nur auf Zeit. Die CD- und Plattenfabriken, die irgendwelche dubiose Geschäftsleute betreiben, würden bestenfalls bei Stückzahlen von 100.000 Stück ihre Maschinen wieder anschmeißen, meint der Elektronikhistoriker Andrej Kataev. Auch den Vertrieb populärer Musik organisiert die Mafia. „Die Vertriebssysteme von MCs und CDs sind in den Regionen zu 95 Prozent in Händen von Piraten. In Moskau sind sie immerhin zu 60 Prozent legal“, erzählt Markus Tröscher von Warner Brothers. „In die entlegenen russischen Provinzen werden für gewöhnlich nur die Inlays an die Hersteller geliefert. Die produzieren die Musikträger vor Ort selbst.“ Seit über einem Jahr immerhin wird derweil vierteljährlich ein russischsprachiges Magazin für elektronische Musik, das „Downtown“, in einer Auflage von 5.000 Stück herausgegeben. Die Redaktion befindet sich in Moskau auf dem Gelände eines brachliegenden Metallpresswerkes. Besucher dürfen ausschließlich nach Vorlage des Personalausweises und nach Zahlung eines Wegzolls das streng bewachte Territorium betreten. Während Arbeiter im löchrigen Blaumann im Hof die letzten verwertbaren Metallteile aus dem herumliegenden Schrott herausschweißen, produzieren zwei Dutzend Musikfreaks im dritten Stock des einstigen Verwaltungsgebäudes eine grafisch höchst ambitionierte Hochglanzgazette. Mit Blick auf ein stillgelegtes, martialisch aussehendes Wärmekraftwerk berichten die Twens mit nigelnagelneuem MAC-Equipment, für das auch hierzulande einer lang sparen müsste, die neuesten Mode-, Musik- und Multimediatrends aus der G.U.S. und der Welt. Die dritte Ausgabe ist bereits fix und fertig gelayoutet. Indes, das Magazin kann nicht produziert werden. Es fehlt das Geld für den Druck.

Pop gegen Fernweh
Geld und Promotion gibt es nach der Rezession nur für „MTV-Sound“, wie die Russen den Pop nennen. Der, so bedauern alle Electroniker in Moskau unisono, hat die extrem lebendige und innovative Raveszene vollends zerschlagen. Mitte der Neunziger war Techno, Drum 'n' Bass und Trance bis in die abgelegensten Städte Sibiriens extrem populär. Präzise bis Oktober 1998, da kam nicht nur die Rezession, sondern da legte auch MTV in Russland los. „Der Markt ist derzeit“, bedauert Andrej Kataev „von Popmusik geradezu überflutet.“
Die russischen Charts sind fest in ausländischen Händen. Der Hang zu Schnulze und Fernweh ist im Land ungebrochen: Platz eins hält im Sommer 2001 das Duo Eros Ramazotti und Cher mit der kitschigen Italoschnulze „Piu' Che Puoi“. Überhaupt ist unter den ersten zehn Tracks der Hitparade meistens lediglich ein Drittel russischer Herkunft. Meistens sind solche Stars, mit für russische Ohren exotisch klingenden Namen wie „Jasmin“ oder „Pascal“, Eintagsfliegen, die wie aus dem Nichts auftauchen und nicht selten mithilfe dubioser Finanzier gehypt worden sind. „Wer in Russland Geld hat und einmal im Leben einen Star machen oder zu Hause haben will, investiert ins Glitter- und Glamourgeschäft“, hat es Markus Tröscher von Warner Brothers erlebt. Ein „kapitaler Erfolg“ dürfte auch der des russischen Eurovisionswunders „Alsu“ gewesen sein, das sich 2000 immerhin, das erste Mal mit einem englischen Songbeitrag aus ihrer Heimat, den zweiten Platz in Stockholm geschnappt hatte. Wie die junge Studentin zu dieser Ehre kam, ist bis heute so ungeklärt, wie das Kursk-Unglück. Der staatliche Fernsehsender ORT hatte keinen öffentlichen Wettbewerb, wie in den Jahren zuvor, ausgeschrieben. Dass ihr Vater der Vize-Präsident des mächtigen Ölkonzerns Lukoil ist, dürfte in Russland als Erklärung allerdings genügen.

KGB-Elektronik im Westen
Was selbst die Russen erst durch das Ausland erfuhren: Die ersten elektronischen Klangerzeuger wurden in Russland erfunden. Der KBG-Agent Lev Sergejvitch Termen (1896-1993) war einer der wichtigsten Pioniere auf diesem Gebiet. 1917 erfand er das nach ihm benannte „Theremin“. Über eine Antenne, ohne Berührung, nur durch Handbewegungen, kann man die Frequenz eines starken Magnetfelds verändern und so Töne erzeugen. Lenin entdeckte das Instrument bei der Industriemesse 1920 und war so begeistert, dass er sich sogar Unterricht geben und 600 Stück durch die Sowjetunion touren ließ. Der legendäre amerikanische Toningenieur Robert Moog, dessen berühmter Synthesizer Mitte der Sechziger durch den Einsatz der Beatles und der Rolling Stones den Durchbruch von der Avantgardemusik zur Popmusik schaffte, produzierte und vertrieb in Amerika schon in den Dreißigern Termens Geräte. Deren Sound findet man in vielen Hollywood-Soundtracks der 40er und 50er Jahre wieder. Noch in den Sechzigern kamen die russischen Theremins zum Einsatz, etwa beim Lied „Good Vibrations“ von den Beach Boys.

Nicht nur der Westen beeinflusste musikalisch den Osten, es funktionierte auch andersherum. 1992 gründete der Soundingenieur und Oboespieler Andrej Smirnov (Jahrgang 1956) das „Theremin Center für Elektroakustische Musik“ direkt neben der staatlichen Musikakademie, zehn Gehminuten vom Kreml entfernt. Keine Hinweistafel zeigt einem den Weg. Die einmalige Forschungs- und Ausbildungsstätte, die wegen der hier gelagerten elektronischen Schätze jedem Freak das Herz höher schlagen lässt, kennen nur wenige Insider in Moskau: „Unbemerkt von der Welt und selbst von den akademischen Musikern nebenan“, bedauert Smirnov, „unterrichten wir hier Neue Medien, Videokunst, interaktive Echtzeitsysteme, Computersound und Elektroakustik.“ Auf dem Dachboden des verfallenen Hauses, in dem auch schon Termen wirkte, hatte Smirnov durch Zufall die originalen Entwurfszeichnungen und Notizen des Erfinders Termen gefunden. Jeder, der will, kann die wertvollen historischen Zeugnisse russischer Musikgeschichte, die in vergilbten Aktenordnern vor sich hinmodern, einsehen. Neben modernsten Computeranlagen steht dort außerdem ein gutes halbes Dutzend originaler Termen-Geräte. Was Smirnov nicht wissen darf: In der Nacht produzieren Moskaus Untergrundelektroniker heimlich ihre Sounds in den Theremin-Studios. Der Grund: Direktor Smirnov hasst die wie ein Fleischwolf rauschenden Beats.