Autor: Julia Demidenko
Erschienen in: „Report. Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft in Zentral- und Osteuropa“, Juni 2006


Im Rahmen der Ausstellung „Körpergedächtnis. Unterwäsche einer sowjetischen Epoche“ in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Museum der Geschichte St. Petersburgs und dem Staatlichen Zentrum für zeitgenössische Kunst Nischni Nowgorod von 21. März bis 3. August 2003 im Volkskundemuseum in Wien erschien folgender Katalog, aus dem der hier stehende (gekürzte) Text stammt: „Körpergedächtnis. Unterwäsche einer sowjetischen Epoche“ (= Katalog des Österreichischen Museums für Volkskunde, Bd. 82), 2., erweiterte Auflage, Wien 2003; erstmals erschienen in St. Petersburg 2000; Aus dem Russischen von Swetlana und Fabian Steinhauer.

Eine kurze Geschichte der Unterwäsche in der Sowjetunion

Von selbstgemachten Strumpfhosen und sozialistischer Lingerie

Die russische Autorin und Kuratorin Julia Demidenko erzählt, warum es in sowjetischen Unterwäschegeschäften keine Anprobekabinen gab, wie russische Frauen aus Kinderstrumpfhosen schicke Beinbekleidung für sich selbst schneiderten, und vieles mehr.

Die modischen Veränderungen der Wäsche hängen mit der generellen Linie der Modeentwicklung zusammen. Der Verzicht auf Korsett und Unterröcke sowie die Verkürzung knielanger Damenschlüpfer um die Wende der 1910er bis 1920er Jahre sind zum Beispiel mit der Entstehung der neuen engen Schnittsilhouette und mit der merklichen Verkürzung des Frauenkleides verbunden. In den 1950er Jahren wurden Korsett, Mieder („Grazien“) und neue Konstruktionen von Büstenhaltern verbreitet. Die Wäsche sollte dem Leib die Form verleihen, die dem bekannten „New Look“ von Christian Dior am besten entsprach. In den 1960er Jahren provozierten die ultrakurzen Miniröcke das Aufkommen kleiner Slips.

So war es auf der ganzen Welt – nur in der UdSSR lief alles anders. Die von den Konstruktivisten gelieferte Idee vom prinzipiellen Unterschied des sowjetischen Anzuges zum westlichen, der Mode unterworfenen Anzug erwies sich als überaus lebensfähig: „Schlicht, hygienisch, zweckmäßig, der arbeitsintensiven Lebensweise entsprechend und gleichzeitig frisch und markant dekorativ – so lauten unsere sowjetischen Losungen auf dem Gebiet der äußerlichen Verschönerung, die uns vom restlichen Europa unterscheiden, welches sich bei seinem ganzen Fortschritt von den ungesunden Moden der aussterbenden bürgerlichen Kultur ernährt,“ schrieb J. Tugendhold in seinem Vorwort für den bekannten, 1923 erschienenen Katalog „Die Kunst im Alltag“.

„Unsere Kleidung soll ihren eigenen sowjetischen Stil haben. Sie soll sich immer durch Natürlichkeit, Schlichtheit und Nützlichkeit von anderen unterscheiden“, behauptete man auch noch in den 1960er Jahren. Die Unterwäsche der sozialistischen Epoche, ihre Herstellung, ihr Verbrauch hingen nicht nur von der Mode ab, sondern auch von ideologischen Klischees. Sie hingen von den politischen Zielen des Staates und von der Reihenfolge dieser oder jener bevorstehenden Wirtschaftsaufgabe ab.

Sozialistische Produktion
Die Fabrik „Krasnoje Znamja“ (Rote Fahne), ehemals Kersten AG, spezialisierte sich in Petrograd beziehungsweise Leningrad auf die Produktion von Strickwaren. Sie war in der UdSSR der größte Hersteller auf diesem Gebiet und bis in die 1980er Jahre ein Flaggschiff der einheimischen Industrie. Sie war nicht nur das Entwicklungszentrum für die Textilindustrie, sondern auch eine Kaderschmiede für Behörden dieser Branche. Die im Fabrikmuseum aufbewahrten Herrenbaumwollgarnituren und die Wollwäsche aus der Vorkriegszeit gelangten nie zum Verkauf. Auch die Fußballtrikots, die dank der Fotografien, Bilder und Werke von Alexander Samochwalow, Wladimir Lebedew und Alexander Dejneka ein charakteristisches Merkmal der damaligen Zeit geworden sind, waren keine gebräuchliche Kleidung. Im freien Verkauf waren sie nicht zu finden, sie wurden nur für spezielle Anlässe hergestellt. „Nur als vorbereitende Maßnahme für die Sportparaden stellen wir die unterschiedlichen Formen von Fußballtrikots im Auftrag der verschiedenen Organisationen her“, betonten die Konfektionsarbeiter. Das Trikot war wegen seiner schweren Zugänglichkeit ein sehr gefragtes Kleidungsstück.

Wie alles im Land wurden auch die Wäschefabriken in die „Bewegung der besten Arbeiter“ eingebunden. Die Arbeiter der größten Betriebe informierten in Fachheften über ihre besondere Arbeitserfahrung unter den Titeln „Stachanow’sche Arbeitsmethoden zur Herstellung der Fußballtrikots“, „Schnittmuster für Herrenunterhosen. Erfahrungen der Stachanow-Arbeiter“ und vielen anderen mehr. Solche Werke gab es in derartiger Menge, dass man sogar eine Sonderreihe „Die kleine Bibliothek des Stachanow-Arbeiters aus der Strickwarenindustrie“ herausgab. So wurden auch überall im Land Falten auf jene Art und Weise genäht, wie es Genossin Serjogina, die erfahrene Arbeiterin bei Stachanow, empfahl. Zum Zuschneiden des Halsteils übernahm man das Verfahren von Genossin Konowalowa. Alle möglichen Bemühungen wurden unterstützt, um Stoff, Elektroenergie oder anderes einzusparen. Obwohl dies erlaubte, die Warenproduktion zu steigern, brachte es keine Verbesserung der Warenqualität. „Die Vorwürfe der Konsumenten wegen der Warenqualität aus den staatlichen Konfektionsfabriken nahmen immer mehr zu“, wurde bereits in den Zeitschriften der 1920er Jahre angemerkt. Die Geschichte der Fabrik „Rote Fahne“ war während der gesamten Sowjetzeit von einem Kampf um Qualität gezeichnet, während die vormalige Besitzerin, die Kersten AG, in dieser Hinsicht nie Probleme gezeigt hatte.

In Leningrad, Moskau und anderen Großstädten begann man in den 1920er Jahren auch mit der Produktion ziviler Wäsche, freilich in wesentlich geringerem Maße. In Leningrad stellte die Fabrik „Rote Arbeiterin“ Damenwäsche her. Ihre Produktion war ziemlich einförmig. Der Büstenhalter, der 1917 zu den Neuheiten gehörte, blieb als Kleidungsstück nur wenig verbreitet. In einem Sammelband der „Standards vom Volkskommissariat der Industrie“ war 1940 nur eine einzige Form von Büstenhaltern vorgesehen. Dabei wurden in der Sowjetunion vor dem Zweiten Weltkrieg ausschließlich in Russland Büstenhalter genäht. Auch Kinderwäsche nähte man ausschließlich in der Russischen Föderation. In den Textilfabriken wurden einige Arten von Unterkleidern, Tages- und Nachthemden hergestellt. Die meist verbreitete Art, sie zu schmücken, war eine Stickerei auf Filetnetz, eine Mode, die bis zur Mitte der 1950er Jahre erhalten blieb.

Elegante Seidenwäsche mit Spitzen, Plissee und Stoffstreifen nähte man nur auf Bestellung in der Moskauer Maßschneiderei „Moskwoschweja“ und der Leningrader „Leningradodezhda“. Hier herrschte vor allem Nachfrage bei den Ehefrauen der Parteifunktionäre und den Schauspielerinnen. In den Sowjetmagazinen der 1920er Jahre begann man Schnittmuster zu veröffentlichen, mit deren Hilfe individuelle Wäsche genäht werden konnte. Zur Zeit der NEP (kurz für Nowaja Ekonomitscheskaja Politika – „Neue Ökonomische Politik“) tauchte die Mode farbiger Damenwäsche in Hellgrün, Rosa und Creme auf.

Außer den Schneidereien, die auf Bestellung und nach Kundenwünschen nähten, stellten auch Gewerbegenossenschaften Herren- und Damenwäsche her. Einige davon, die noch in den 1920er bis 1930er Jahren gegründet wurden, entwickelten sich später zu bekannten Wäschefabriken, die bis heute existieren, wie zum Beispiel „Tscheremuschki“ in Moskau, „Milawiza“ in Minsk und die beim Leningrader Warenhaus „Passage“ gegründete Fabrik „Tribuna“.

Vor dem Zweiten Weltkrieg nähte man Damen- und Kinderwäsche meist selbst, wobei man nicht nur einfache Wäsche aus alten Bettlaken schneiderte, sondern auch elegante, moderne Kleidungsstücke. Die Wäsche nähten Mütter, Großmütter, nahe und entfernte Verwandte im vorgerückten Alter. Fast alle „Überreste des Zarenreiches weiblichen Geschlechts und städtischer Abstammung konnten so etwas machen“, schreibt M. Kuschnerowitsch in seinen Erinnerungen aus dieser Zeit. Das ist nicht verwunderlich – für Frauen gab es einen Pflichtkurs in Näharbeiten sogar im Smolnyj Institut; Damenmagazine der Vorrevolutionsjahre versprachen, dass „bei Kenntnis der Weißnäherei (englische Naht, Plattstickerei, Richelieu) zwei fleißige Hände die prächtigste Wäsche zu schaffen imstande sind, und zwar nicht nur durch Spezialisten, sondern auch von Amateuren“. Unter den Weißnäherinnen, die in den 1920er und 1930er Jahren zu Hause arbeiteten, konnte man tatsächlich ehemalige Schauspielerinnen, Professorengattinnen und Gymnasiallehrerinnen treffen.

Erst in der Nachkriegszeit entdeckte die sowjetische Leichtindustrie die Frau. Die Ursache hierfür ist mehr als prosaisch: Die demografische Verzerrung durch den Krieg machte das weibliche Geschlecht zur bestimmenden wirtschaftlichen Einheit. In der UdSSR der Nachkriegsjahre leisteten mehr als 80 Prozent der Frauen gemeinnützige Arbeit (vor dem Krieg: 50 Prozent). Die Frauen brauchten nun Wäsche – schön und warm. Die staatliche Industrie fabrizierte wie früher Pantalons, Hemden und Nachthemden, Unterkleider und Büstenhalter, aber diese seltenen Waren überraschten durch die Vielfältigkeit ihrer Schnitte. Hemden wurden mit Trägern und rundem Ausschnitt genäht; die Unterkleider wurden nun nicht mehr nach dem Vorkriegsmodell „Säckchen und ein paar Nähte“ hergestellt, sie besaßen ein abgeschnittenes Vorderteil, eingeschnittene Seitenteile, Seitenzwickel, abgeschnittenen Falbeln und dergleichen mehr. Man stellte sie oft aus Trikotstoff her, aus Seiden- Viskose- oder plattiertem Trikot, einem Baumwoll-Kunstseide-Gemisch. Büstenhalter wurden nun durchgehend geschnitten, mit Abnähern, mit eingenähten Körbchen oder mit zweiteiligen Körbchen. Die Pantalons nähte man jetzt mit Seitenschlitzen, Leisten und Knöpfchen. Es erschienen zuerst Badeslips und dann echte Damenslips. Auch die berühmten, warmen, gerauten Damenschlüpfer, über die alle lachten, von Yves Montand bis zu den zeitgenössischen Humoristen, erschienen in dieser Zeit als besonders modischer Gegenstand. Die Frauen, die sich an die Unterhosen aus dunkelbraunem Flanell oder schmutzig grauem Trikotstoff gewöhnt hatten, standen nun in langen Schlangen, um sich weiche Chinaseide-Pantalons in der Farbe des Frühlingslaubes, des Maihimmels und des Pfirsichs zu kaufen. Sie waren den sowjetischen Nähern dankbar, die die Produktion einheimischer Damenschlüpfer in weiblichen Farben – Rosa, Lila, Hellblau – initiiert hatten. Aber diese himmelblauen Pantalons blieben nun ewig lang im Sortiment des sowjetischen Handels. Seit den 1930er Jahren lehnte die Praxis des Alltagslebens die Mode zwar nicht mehr ab, nur erreichte sie niemals die aus dem Westen bekannte Dynamik. Die Mode wechselte hier nicht von Saison zu Saison, sondern von Dekade zu Dekade.

Es sah aus, als ob Ministerien und Behörden alles unternahmen, damit die sowjetische Wäsche immer besser wurde. Das Unionsinstitut der Bekleidungsindustrie erarbeitete im Jahr 1949 eine Typenmethodik der Wäscheproduktion. Zahlreiche Genossenschaften stellten ihre Tätigkeiten ein, die Produktion verlagerte sich und konzentrierte sich nun in den Staatsbetrieben. Diese waren nach dem neuesten Stand der Technik ausgerüstet. Vom Ernst des Umganges mit der Wäsche spricht die Tatsache, dass von da an sogar aus den Witzen jede Erwähnung intimer Details völlig verschwand. Es wurden staatliche Standards eingeführt, auf deren Sammelbänden die drohende Aufschrift „Die Nichterfüllung der Standards wird gesetzlich verfolgt“ stand. Die Kompilatoren dieser Bände strebten danach, möglichst die gesamte Nachfrage der Bevölkerung zu befriedigen. Während die GOSTs, die staatlichen Standards, in den 1950er Jahren nur sechs Größen für Erwachsenenwäsche und drei Größen für Kinderwäsche vorschlugen, so waren es in den 1970er Jahren bereits neun Größen für Erwachsene sowie acht für Kinder – und Anfang der 1980er Jahre schließlich unterschied man 14 Frauengrößen von 44 bis 70. In den GOSTs von Ende der 1970er Jahre war das erste Mal die Rede von den „künstlerischen und ästhetischen Kennziffern für Qualität“. Seit den 1960er Jahren erhielten die Textilfabriken Fachzeitschriften aus dem Ausland, wie zum Beispiel das italienische Magazin „Linea Intima“. Ab 1971 fingen die einheimischen Hersteller an, elastische Stoffe zu verwenden. Zuerst importierte man sie, bald aber wurde in Liepaja (Baltikum) das Kombinat „Lauma“ zur Produktion elastischer Stoffe gebaut. Die industrielle Fertigung der Wäsche wurde in den 1960er und 1970er Jahren von einigen großen Organisationen überwacht: vom „Staatlichen Komitee der Leichtindustrie beim Staatsplan der UdSSR“, von den entsprechenden Ministerien nicht nur der Leichtindustrie, sondern auch aus dem Verteidigungs-, Gesundheits- und Dienstleistungsministerium, vom „Unionsinstitut für das Warenangebot der Leichtindustrie und Bekleidungskultur“, vom „Wissenschaftlichen Zentralforschungsinstitut für Information, technische und wirtschaftliche Forschung der Leichtindustrie“, vom „Wissenschaftlichen Zentralforschungsinstitut für Hygiene“ und so fort. Mit diesen Bemühungen versuchte man Ende der 1970er, Anfang der 80er Jahre, europäische Erfahrungen auf die sowjetische Praxis zu übertragen. Für die Leningrader Fabrik „Tribuna“ übernahm man einige Büstenhaltermodelle, deren Schnittschablonen und Betriebsanlagen vom VEB „Elastik-Mieder“ aus Zeulenroda in der damaligen DDR stammten. Man schaffte eine Presse an, um nahtlose Körbchen für Büstenhalter herstellen zu können. Aus Frankreich importierte man Modelle für Büstenhalter mit Spitzenbesatz, nach denen unter den Städterinnen eine erhöhte Nachfrage herrschte. In derselben Zeit tauschte man mit dem sozialistischen Korea auch das Know-how über die Technik der „Büstenhalter aus Atlas mit abgenähten Körbchen“ aus. Der Betrieb „Rote Fahne“ importierte aus Österreich Spitzenmotive für die Damenwäsche. Aus Italien lieferte man neue Trikotagenmaschinen. Die zahlreichen behördlichen Instanzen bildeten mit ihren besten Absichten eine ziemlich schwerfällige Maschinerie, die die Arbeiten der sowjetischen Gestalter entstellte und ihren Teil zur Entstehung des Warenmangels beitrug. Winzige Damenslips, die vom Betrieb „Tribuna“ in der letzten sowjetischen Ausstellung des „Kunstrates der Industriezweige“ gezeigt wurden, würdigte man wegen ihrer Kühnheit, zur Produktion wurden sie allerdings nicht empfohlen.

Für lange Zeit war das beste Mittel gegen den Mangel, die Wäsche zu Hause selbst zu nähen. Im obligatorischen Schulfach „Haushaltsführung“ begann man den Unterricht damit, Nachthemden und Schlafanzüge zuzuschneiden. Beide Kleidungsstücke waren nicht kompliziert und auf ihre Art und Weise sogar kokett. Aber mit dem Auftauchen elastischer Stoffe und zahlreicher spezieller Elemente in den 1960er und 1970er Jahren konnten alleine der Büstenhalter und die Strumpfhalter aus zwischen vier bis zwölf verschiedenen Stoffarten bestehen. Außer dem Hauptstoff gab es den Futterstoff, Stoff für den Besatz, für die Träger, für die Borten; die Wäschebänder, die Gummibänder, Schaumstoff, Korsettbänder, Plastikplättchen, Fischbeinstäbchen, kleine Spiralen, Spangen, Haken, Ösenverschlüsse und so weiter. Zu dieser Zeit verschwanden sogar die gewöhnlichsten Stoffe wie Nessel oder Kattun aus dem Handel, sodass es unmöglich wurde, Wäsche eigenhändig zu nähen. Versuche solcher Art wurden trotzdem unternommen. In den inländischen Frauenmagazinen und Modezeitschriften der Nachkriegszeit erwähnte man Unterwäsche mit keinem Wort, Nähmagazine beschränkten sich auf Empfehlungen für Nachtwäsche und Badeanzüge. Nur Zeitschriften aus den sozialistischen Bruderländern leisteten den sowjetischen Frauen unschätzbare Hilfe. Die „Bulgarische Frau“ zum Beispiel druckte ab und zu Schnittmuster für Büstenhalter ab. Man nähte nicht nur Wäsche, oft wurde sie wiederum zum Ausgangsmaterial für andere Mangelwaren. Dies gilt vor allem für die Zeit der Agonie des Sowjetsystems, in den 1980er Jahren der Vor-Perestroika. Damals kam das Trikot wieder in Mode, und weil es selbstverständlich nicht im Handel erhältlich war, kaufte man stattdessen weiße Herren-T-Shirts mit langen oder kurzen Ärmeln und färbte sie in verschiedensten Farben ein. Durch diesen einfachen Eingriff verwandelten sich die T-Shirts mit langen Ärmeln in modische „Jumper“, die man auch mit dem lächerlichen Wort „Pusser“ bezeichnete. Die T-Shirts mit kurzen Ärmeln verwandelten sich in Sommerblusen. Lange Herrenunterhosen aus Nessel wurden zu ausgezeichneten Sommerhosen für Damen, aus Garnituren von Herrenstrickwaren fertigte man Sommerkleider und Anzüge. Die Herrenunterhosen aus Satin, die man in dieser Zeit in den fröhlichsten Farbkombinationen zu produzieren anfing, trugen kühne Leningrader Mädchen als Shorts.

Die Läden, Werkstätten und Ateliers leisteten bei diesen Umwidmungen tatkräftige Hilfe. In jeder großen Stadt gab es Ateliers, die sich auf Unterwäsche spezialisierten. Hauptsächlich boten sie Korsettwaren an. Die Klientel bestand aus Frauen mit ungewöhnlicher Figur oder aus solchen, deren Ansprüche über alle trivialen Bedürfnisse hinausgingen. Zu den Korsettwaren zählten Büstenhalter, lange und kurze Strumpfhalter beziehungsweise Strapse, Mieder und Badeanzüge. Fachleute rieten dazu, Mieder nicht größer als Größe 56 zu nähen. Für die Kundinnen mit großem Umfang wurden getrennte Büstenhalter beziehungsweise Strumpfhalter empfohlen, die man über Knöpfe wiederum verbinden sollte. Nachthemden und Pyjama nähte man auch gerne bei den Damenschneidern, die sich auf Hosen und Kleider spezialisiert hatten. Wenn es keine Damenslips im Handel gab, so konnte man sie plötzlich an unvermuteten Orten wie dem exklusiven Schneideratelier, das im Volksmund „Tod der Gatten“ hieß, finden. Alle Ateliers reagierten schnell auf die Konjunkturschwankungen. Gab es keine Damenunterwäsche, boten die Schneider an, aus alten Unterröcken neue Unterwäsche zu nähen.

Verderblicher Einfluss des Westens

In der Geschichte der UdSSR gab es einige Perioden der Berührung mit der Westwelt. Jedes Mal führte dies zu wesentlichen Veränderungen der Mode, zur Rückkehr der Eleganz und zu farbiger Unterwäsche. Nach der NEP änderte vor allem der Zweite Weltkrieg radikal die Wahrnehmung und Herstellung der Unterwäsche. Während des Krieges erfuhren viele Sowjetbürger ihren einzigen Kontakt mit dem Westen und der dort herrschenden Lebensweise. Nachdem die Regierung der UdSSR in das Bündnis mit den Alliierten eintrat, trafen ihre Militäreinheiten nicht nur auf Schmorfleisch in Dosen, sondern auch auf weiche Unterhosen und Leibchen aus Wolle. Die britische Unterwäsche taufte man sofort auf den Namen „Geschenk der Königin“. Später wurde sie zum gefragten und leicht verkäuflichen Gegenstand auf den Flohmärkten der Nachkriegszeit.

Mit den in die Heimat zurückkehrenden Verteidigern des Vaterlandes strömte auch zahlreiches Beutegut in die UdSSR, darunter ebenfalls Strümpfe und Unterwäsche. Bis dahin war dank der Funktionärsgattinnen und des diplomatischen Korps, dank der Schauspielerinnen, des Kinos und der Frauenmagazine ausschließlich die westliche Damenoberbekleidung in der Sowjetunion bekannt, während die Unterwäsche Terra incognita blieb. So sind auch jene Vorfälle zu erklären, wo sich Ehefrauen der Offiziere im Nachkriegsdeutschland zunächst in Spitzen und Nachthemden statt in Kleidern herausputzten. Die Ehefrauen der sowjetischen Besatzungssoldaten waren in der Regel einfacher Abstammung, sie wussten einfach nicht, dass auch die Unterwäsche so differenziert gestaltet sein konnte. Nirgendwo konnte man es erfahren; die wenigen Unterwäschestücke, die vor dem Krieg in den Schneiderateliers gefertigt worden waren, wurden in keiner Werbung gezeigt, sie erschienen einfach nicht in der Öffentlichkeit.

Die erbeutete Unterwäsche, insbesondere farbige, hat bei der Verbreitung der Mode eine große Rolle gespielt. Eines der ersten Lehrbücher für das Zuschneiden von Damenunterwäsche wurde aus dem Deutschen übersetzt. Auch die baltischen Länder, das „russische Ausland“ (Saltykow-Schtschedrin) spielten eine wichtige Rolle. Privilegierte Russinnen fuhren dorthin, um ihre Toilette zu bestellen. Während man Mäntel aus Tallinner Schneiderateliers bezog, ließ man seine Kleider in Riga nähen. Die Schneider lehnten sogar jene Kundinnen ab, die nicht bereits elegante Dessous mit Korsetts oder Halbkorsetts besaßen.

Während des Tauwetters der Chruschtschow-Ära bahnte sich eine Wende im Verhältnis zum Westen an. Noch in der Mode der Röhrenhosen, der kurzen Röcke, der Pfennigabsätze und des Twists kam dies zum Ausdruck. Die große Begeisterung der Sowjetjugend hatte einen unmittelbaren Einfluss auf die Unterwäsche, die nun auch auf ein Minimum reduziert werden musste und selbst an den energischsten Tänzern unbemerkbar bleiben sollte. Der allgemeine Verzicht auf die warme Unterhose trug den Frauen selbst einige Jahre später große Probleme ein. Die Gynäkologen begannen sich Sorgen zu machen und schlugen Alarm. Aber sogar die Sorge um die eigene Gesundheit konnte die jungen Frauen nicht mehr zwingen, flieder- oder salatfarbige Schlüpfer anzuziehen, die seit dieser Zeit allerdings auch ihren schlechten Ruf haben. Die Mini-Mode brachte im Westen die Strumpfhose hervor, die lange Zeit in der Sowjetunion unbekannt blieb. Erste Strumpfhosen, aus dem Ausland mitgebracht oder von ausländischen Freunden geschenkt, machten echte Furore. In den Instituten und Institutionen arbeitete in solchen Augenblicken niemand, alle liefen auf die Damentoiletten, um das Wunder zu sehen: „Strümpfe mit Unterhose“. Die Wortverbindung selbst brachte die Leute auf die Idee, wie das Problem, das man diese Strumpfhosen nirgends kaufen konnte, zu lösen sei. Den gewöhnlichen Unterhosen nähte man Strümpfe aus Capron an. Die Strumpfhosen bewahrte man wie einst die Capronstrümpfe. Zerrissen die Strumpfhosen, warf man sie nicht weg, sondern nähte sie sorgfältig wieder zu. Wer das konnte, machte es selbst, hierfür lieferte man ab und zu aus dem Baltikum Spezialhaken zum Aufnehmen der Maschen. Wer es nicht selber machen konnte, gab die Strumpfhose in den Strickateliers ab. Mitte der 1970er Jahre waren viele bereit, ihre Schönheit zu opfern und doch wieder Woll- oder Baumwollstrümpfe zu tragen, aber auch die gab es da im Handel nicht mehr. Die Könner kauften Kinderstrumpfhosen und ließen die Hälfte der Maschen fallen, damit sich die Länge der Strickwaren durch Dehnung vergrößerte und sie Erwachsenen passten.

Die Veränderungen zur Zeit des Tauwetters betrafen auch die Herrenunterwäsche. In dieser Zeit importierte man elastische Badeanzüge für Damen- und Herrenbadehosen. Die breiten Satinshorts, in welchen früher viele ruhig am Strand entlang marschiert waren, wirkten nun plötzlich plump und lächerlich. Damals entstand der Ausdruck „Familienunterhose“. Damit waren Hosen gemeint, die eher für den Hausgebrauch geeignet waren. Gleichzeitig verzichteten immer mehr auf lange Herrenunterhosen. Die billigen und auch für die Jugend erschwinglichen Nesselunterhosen waren nicht vereinbar mit Röhrenhosen, unter denen sich die verräterischen Schnürbänder abzeichnen konnten. Unterhosen aus Wirkwaren konnte man hingegen kaum finden, sie waren auch teuer. So wie im Fall der Damenschlüpfer ließ das Klima, das in den weitesten Teilen des Landes herrscht, die Idee der warmen Unterhose jedoch nicht verschwinden. Man versuchte nur, für deren traditionelle Erscheinungsformen einen adäquaten Ersatz zu finden. Junge Männer entdeckten für sich dunkelblaue Jogginghosen – dank ihrer Farbe fielen sie nicht so auf.

Sozialistischer Handel und Werbung
Im Juli 1917, nach einer übermäßigen Preissteigerung, stellte das damals einzige Petrograder Fachmagazin für Unterwäsche und Stickerei sein Erscheinen ein. Noch kurz zuvor empfahl es den Damen Modelle eleganter Leibchen, Schlüpfer und Hemden namens „Empire“ mit irischer oder Valencienner Spitze. Mit dem Magazin verschwand erst einmal jede Information über und Werbung für modische Unterwäsche. In den 1920er Jahren verbreitete sich zudem die Theorie, nach der sowjetische Hersteller keine Werbung treiben müssten: „Bei uns sind solche Kniffe überflüssig. Sie werden nur von wütender Konkurrenz auf kapitalistischen Märkten diktiert“, bemerkte man in einer anderen Fachzeitschrift. Darüber hinaus verurteilte man sogar das Bestreben, auf irgendeine Weise originelle Produkte zu entwickeln: „Sogar die größten unserer Massenproduktionsbetriebe wie Leningradodezhda, Moskoschwej, Nizhschwejprom oder andere streben danach, dass ihre Mäntel nicht denen der anderen Betriebe ähneln. Damit versuchen sie, die Käufer für sich zu gewinnen, das heißt sie verhalten sich genau so wie kapitalistische Firmen“, so lautete einer dieser Vorwürfe. In Wirklichkeit jedoch bedurfte es bereits in den 1920er und 1930er Jahren nicht mehr solcher Kniffe. Die Nachfrage überstieg das Angebot wesentlich und die Industriebetriebe konnten an dieser Lage nichts ändern, selbst wenn sie die Planaufgaben erfüllten. Die „Rote Fahne“ zum Beispiel konnte trotz aller Bemühungen die Nachfrage der Bevölkerung nach Baumwollstrümpfen nicht befriedigen. „Wir alle träumten von den Strümpfen“, bemerkte später N. Mandelstam. Der Historiker Lebina meint, dass es zu den typischen Leningrader Erscheinungen der 1930er Jahre gehörte, eine einzige Unterwäschegarnitur zu besitzen. In damaliger Zeit war Kleidung käuflich nicht erwerbbar, man erhielt sie nur auf Verteilung, bei der das Gleichheitsprinzip strikt gewahrt wurde. Der freie Handel, der in den Jahren der NEP auflebte, ist mit der NEP auch gestorben, weil er riesige Warteschlangen, Spekulationen und Bezugsscheine hervorbrachte.

Dennoch ignorierten die Wirtschaftspraktiker die werbefeindlichen Theorien der Ideologen, sie führten bald wieder Werbung ein. Aus periodischen Presseerzeugnissen und Nachschlagewerken wie zum Beispiel „Das ganze Petrograd“ konnte man wieder vom Unterwäschesortiment im „englischen Geschäft“ des Gasthofes und der Firma „Petroodezhda“ erfahren. Im Unterschied zur Vorrevolutionszeit mit ihren Bildern schmachtender Damen im eleganten Negligé warb man jetzt nur mit reinen Textanzeigen, die weder die Unterwäsche noch den Körper abbildeten. In seltenen Einzelfällen kam bescheidene, träge Präsentation der Waren vor. Bei anderen Waren tauchten in den 1920er Jahren Ideen zur Befreiung der Werbung auf. Plakate und Handblätter forderten mittels Bilder junger, unsozialistischer und „mangelhaft“ bekleideter Frauen dazu auf, Badesalz, Seife und Eau de Cologne zu kaufen.
Den eigentlich so bedeutsamen Körper- und Wäschedetails widmete man dabei jedoch keine Aufmerksamkeit. Bei der Darstellung halb entblößter Schönheiten zog man Einstellungen vor, in denen wenig zu sehen war. Die Modemagazine der frühen 1920er Jahre schenkten der Unterwäsche kaum Aufmerksamkeit. Unterwäsche wurde hier ohne menschlichen Körper dargestellt und nach den 1940er Jahren verschwand sie ganz aus den Modezeitschriften. Bis in die 1980er Jahre ignorierten die inländischen Magazine alle Arten von Gegenständen aus dem Bereich intimer Toilette. Mit Ausnahme von Nachthemden, Badeanzügen und Morgenmänteln war keine Wäsche zu sehen. In den Industrie- und Handelskatalogen, die ab den 1970er Jahren erschienen, war die Unterwäsche gemalt oder auf dem Tisch liegend fotografiert, nur wenige Unternehmen riskierten Aufnahmen mit weiblichen Modellen. Wenn sie es wagten, dann handelte es sich um Unterwäsche, die die Figur fast völlig versteckte. Die jungen Frauen auf diesen Aufnahmen schlechter Qualität sahen deprimiert und unglücklich aus.

Genauso verhielt sich die Sache mit den Schaufenstern. Einer der ersten Leningrader Läden, der Unterwäsche im Laden ausstellte, war ein Laden für „stepp-gestrickte Waren“ am Newski Prospekt. Dort verkaufte man neben den Stepp- und Strickwaren aus Wladimir, Pereslawl-Zalesski, Krestzy und anderen Orten auch elegante Unterwäsche aus Leningrad. Sie war aus Naturstoff, bestickt mit Spitzen, und sie war teuer. Diese Naturstoffwäsche kauften hauptsächlich Ausländerinnen, weil viele modebewusste Frauen der Sowjetunion Importwaren aus synthetischen Stoffen bevorzugten. Als man Anfang der 1980er Jahre ein städtischer Wettbewerb um die Schaufenstergestaltung veranstaltete, reagierten die älteren Leningrader schockiert über die Auslagen vieler Unterwäschegeschäfte.

In den sowjetischen Jahren gab es sogar in den Fachgeschäften für Unterwäsche keine Anprobekabinen. Die einzige Möglichkeit, die richtige Größe eines Büstenhalters zu bestimmen, bestand darin, ihn auf den Mantel beziehungsweise die Kleidung aufzulegen. In den Warenhäusern, wie im bekannten Leningrader „Passage“, das man für ein „Frauenkaufhaus“ hielt, gab es bis in die 1980er Jahre auch keine Mannequins. So konnte man sich schwer vorstellen, wie diese oder jene Sache am Körper aussehen würde. Die von Kunden und Verkäufern gleichsam begehrten Importwaren wurden auf Bügel gehängt, damit sie besser zu sehen waren. Der Rest lag zusammengefaltet im Regal. Die Unterwäsche wurde also blindlings gekauft – und in den 1970er und 1980er Jahren aufgrund des Mangels noch dazu auf Vorrat. So bildeten sich in den wohlhabenden Häusern der Großstädte Unterwäschelager voller Stücke, die den Besitzern nicht passten: weder eine Anprobe- noch eine Umtauschmöglichkeit waren in den Regeln des sowjetischen Handels vorgesehen. Die Nachteile versuchte man zu kompensieren, indem man solche Stücke mit Freundinnen und Arbeitskolleginnen tauschte. In den Großstädten gab es mit kleinen Größen die größten Probleme, sodass einige Frauen sich Knabenslips kauften.

Damenunterwäsche einzukaufen war eine intime Angelegenheit. Für den Einkauf der Männerunterwäsche galt das nicht. Männer traten verschämt in die Läden und Abteilungen für Damenwäsche ein, während die Ehefrauen die Tische und Regale mit Herrenunterwäsche ohne jede Verlegenheit durchsahen. Ende der 1960er bis Anfang der 1970er Jahre bürgerte sich ein, dass am Vorabend des internationalen Frauentages, am 8. März, junge Männer ihren Geliebten Geschenke kauften. In der Regel kauften sie Unterkleider, keinesfalls Damenslip und BH, weil dies als unanständig galt und sich auch die Größe nicht klären ließ. Als Joseph Brodsky gesagt wurde, dass die jungen Frauen heute praktisch keine Unterwäsche trügen, hat er sich aufrichtig gewundert und sich dabei an die Zeit seiner Jugend erinnert: „Und wie ist es mit Unterkleidern?“ Unterkleider und Nachthemden waren Teile der Geschenkpackungen, die in den großen Kaufhäusern zum Frauentag zusammengestellt wurden. Diese Stereotype wurden in den 1970er Jahren gebrochen, als das Problem des Warenmangels bedrohliche Ausmaße annahm. Ehemänner und Väter liefen auf den Dienstreisen in fremden Städten umher und suchten die nötige Unterwäsche. Einen Zettel, auf dem die Größen aufgeschrieben waren, trugen sie mit sich. Jenen, die die Zettel vergaßen, bemühten sich die Verkäuferinnen mitleidsvoll zu helfen. In größter Menge gab es Trikotagenunterwäsche noch im Baltikum. Die Leningrader, die am Wochenende nach Narwa oder Tallinn fuhren, kehrten jeweils mit mehreren Wäschestücken zurück. Der Handel hatte überhaupt regionale Besonderheiten. In Mittelasien, insbesondere in Turkmenistan, herrschte große Nachfrage und auch ein großes Angebot an Pyjamas, deren gestreifte Hosen unter jedem zweiten Chalat hervorsahen.

Die Jahre der Perestroika haben die schamvolle Zeit beendet. Slips und BHs, Pyjamas und ärmellose Unterhemden hingen plötzlich in jeder Straßenbude, dabei hatte die Frauenunterwäsche am häufigsten einen offen erotischen Charakter – transparente Spitzengarnituren in allen Farben des Regenbogens. Als ob die Bevölkerung beschlossen hätte, für die langen Jahre der Askese und des alltäglichen Pragmatismus Revanche zu nehmen.

P. S.: Die berühmten warmen Unterhosen aus Trikotstoff, Symbol sozialistischer Unterwäsche, sind in den Jahren der Perestroika kurz verschwunden, um direkt nach der Augustkrise 1998 in den Handel zurückzukehren. Als ob sie den ehemaligen Sowjetbürgern zuriefen, sich nicht zu entspannen und sich auf neue Prüfungen vorzubereiten.