Autor: Richardas Norvila
Erschienen in: „Report. Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft in Zentral- und Osteuropa“, April 2005

Richardas Norvila
(geboren 1961 in Sowjet-Litauen) studierte an der Moskauer Lomonossov-Universität Philosophie und Medizinische Psychologie. Von 1992 bis 1997 studierte er am C. G. Jung Institut in Zürich und promovierte 1993 in Philosophie. Seit April 1998 lebt und arbeitet er in Moskau als freischaffender Komponist und Psychotherapeut.


Richardas Norvila

Der Briefmarkentrieb

Über die Leidenschaft des Sammelns im heutigen Russland und der UdSSR

Eine assoziative Beobachtungscollage des litauischen Komponisten, Psychotherapeuten und Sammlers Richardas Norvila.
 
Eines Morgens, unterwegs zu meiner Werkstatt und noch nicht richtig wach, sah ich durch das Busfenster eine Frau, die mit ihren zwei Hunden den frühen Spaziergang genoss. Es befanden sich noch kaum Menschen auf der Straße. Niemand störte die Hunde beim Spielen im märzlichen Neuschnee Moskaus. Beide Tiere waren von der Rasse der „Dvornjazki“, sehr sauber im Hinblick auf ihre Farbe: grellweiß. Bei dieser Frau sind diese Vierbeiner gut aufgehoben, dachte ich bei mir, und plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Sie wird wohl weiße Hunde sammeln, immerhin hat sie schon zwei. Ist sie an diesem frühen Morgen gar unterwegs, um in der Stadt einen weiteren dieser Art aufzustöbern und ihn bei sich aufzunehmen und zu pflegen, einen neuen für ihre Sammlung, genauso weiß wie die Hunde, die sie schon besitzt?! Die blecherne Stimme aus dem Bus-Kassettenrekorder brüllte den Namen meiner Haltestelle und unterbrach mein Gedankenspiel – ich stieg aus. 
Merkwürdig erscheint mir meine Gedankenverknüpfung an diesem Moskauer Märzmorgen nicht. Ich sammle russische Synthesizer. Jeder für sich ist ein prototypisches Maschinen-Unikat. So ein Ding kann sehr erotisch und verführerisch sein. Es bezirzt einen wie eine Traumfrau. Fleisch und Geld. Ein großes Glücksgefühl, es bei sich zu haben und zu wissen, dass es einem alleine gehört. Eine Menge solcher Kreaturen bilden einen Harem. Man muss schon tief in die Tasche greifen, um diese Objekte der Begierde erhalten zu können.
 Sie sehen, mit dem Thema des Sammelns beschäftige ich mich seit einiger Zeit, nicht zuletzt deswegen, weil so vieles, was ich in meinem Leben sah, hörte und erlebte, Färbungen des Sammeltriebes besaß. Ich selbst bin ein nahezu krankhafter Sammler. Deswegen entschied ich mich auch, diesen Text nicht über mich zu schreiben, weil er einer Patientengeschichte zu nahe käme.
 Um einen Seitenblick auf das Thema zu gewinnen, berichte ich einige kleine Anekdoten des Sammelns, die des Ehepaars Alik und Alexandra, beide Tänzer, die des Ehepaars Alexej und Ru, eigentlich Geisteswissenschaftler, nun aber Unternehmer. Ich berichte über die Sammelleidenschaft von Aljosha und Irina und jene des Journalisten Alexander. Sie alle sind Ende dreißig, Anfang vierzig, Russen und leben in Moskau. Viele von ihnen haben mit dem Sammeln von Briefmarken begonnen. Dieser kleine Essay stellt mit Absicht eine Beobachtungscollage dar, ohne jede Interpretation und Bewertung. Ein Versuch, darüber zu schreiben, was nur im Dokumentierten seinen Sinn bekommt. Ich muss zugeben, dass ich meinen Gesprächspartnern die vielleicht wichtigste Frage nicht gestellt habe: „Was würdet ihr sammeln, wenn ihr die absolute Macht und damit unbegrenzte Möglichkeiten hättet?“
Ich formulierte diese Frage letztlich nicht: Als ich sie mir selbst stellte, bekam ich es mit der Angst zu tun. Denn meine Antwort wäre gewesen: Ich würde  a l l e s  sammeln!



Bei Aljosha fing es chaotisch mit dem Sammeln an.


Schon im Vorschulalter sammelte er sowjetische Briefmarken. Sie waren billig und es gab sie überall zu kaufen. Im dritten Schuljahr schenkte ihm sein Großvater ein teures Briefmarkenalbum. Aljoshas „Briefmarkentrieb“ entwickelte sich geradezu ungestüm. Die Leidenschaft führte ihn so weit, dass er sogar mit zwei Kumpanen das Briefmarkenalbum eines Schulfreunds klaute. Der Dritte aus der Verbrechercombo bekam als seinen Beuteanteil das leere Briefmarkenalbum des Opfers, wurde aber mit diesem Beweismittel erwischt. Als die Schandtat später aufflog, mussten sie alle zu dem Sachverhalt Stellung nehmen und die Briefmarken zurückgeben, was aber nur zum Teil möglich war, weil sie die meisten Stücke schon getauscht hatten. „Der Sammeltrieb hat etwas Verbrecherisches an sich“, meint Aljosha heute. „Besonders dann, wenn er mit so grenzenloser Leidenschaft praktiziert wird wie bei mir.“
 Aljosha hatte einen Onkel mit Namen Vladimir, der als Offizier diente und ein ziemlich seltsamer Mensch war. Er erzählte ständig Geschichten, die nicht stimmten, lieh sich immerzu Geld in abenteuerlichen Mengen von Verwandten aus und zahlte es nie zurück. Niemand hätte sich gewundert, wenn eines Tages herausgekommen wäre, dass er gar kein Offizier war, sondern nur die Uniform eines solchen trug. Eines Tages versprach er Aljosha, einige Briefmarkenalben mitzubringen, was dieser aber nicht ernst nahm. Doch eines Tages kam Onkel Vladimir tatsächlich mit zwei großen Alben voller Briefmarken aus den Kolonien. Es war Aljosha sofort klar, dass die Vergangenheit dieser Stücke im Dunkeln lag, aber er fragte nicht näher nach. Immerhin handelte es sich um eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen Aljoshas Onkel sein Vorhaben in die Tat umgesetzt hatte.
 
Alexander fand als kleines Kind in einem Schneehaufen ein Briefmarkenalbum in einer Plastiktüte.

Seine Überraschung und Freude darüber kannten keine Grenzen. „Mir war schon damals klar, dass dieser Schatz jemandem gehören musste und es ein Verbrechen war, ihn einfach an sich zu nehmen. Aber ich habe es getan. Mit einer Erregung, die fast sexueller Natur war“, gesteht Alexander heute.

Alexandra hat sich nie für Briefmarken interessiert, aber für Briefstempel.

Sie suchte mit ihren Freundinnen überall dort nach alten Briefumschlägen, wo Papierabfall anfiel, etwa in großen Büros. Die Briefstempel wurden akkurat aus dem Briefumschlag herausgeschnitten und in einer Schachtel archiviert. „Besonders schätzten wir jene Stempel, auf denen man noch deutlich den Städtenamen lesen konnte. Wir stellten uns vor, in diese Stadt mit einem fliegenden Zauberteppich reisen zu können“, erinnert sich Alexandra.
Sie war auch Fan von Kaugummipapier. „Die erste Erinnerung, die ich mit dem Sammeln verbinde, ist eine Schachtel voller sorgfältig geglätteter Kaugummipapierchen.“ Kaugummi war damals in den siebziger Jahren Mangelware in der UdSSR. Offiziell nicht erhältlich, dafür „inoffiziell“ umso begehrter. Ein Freund wollte einmal eine rare Sorte Kaugummi gegen eine Velolampe tauschen. Weintraubenkaugummi aus Kanada! „Er kaute so eine Sorte mit ganzer Inbrunst vor meinen Augen. Neidisch betrachtete ich weniger den Kaugummi als das Papier, in dem er gesteckt hatte! Heute ist der leidenschaftliche Kaugummikauer übrigens ein erfolgreicher Arzt. Ich würde ihn zum Spaß gerne noch einmal um einen Kaugummi fragen!“, lacht Alexandra. Ru hortete als Zwölfjährige kleine Kalender – einige von ihnen „fälschte“ sie sogar.Wenn sie Bilderchen in Zeitschriften sah, die sie faszinierten und die als Vorderseite für ihren Kleinkalender passten, schnitt sie diese einfach aus und klebte sie auf jene Kalender, die sie entweder zu hässlich fand oder die sie als so genannte „Überproduktionskalender“ bezeichnete, solche eben, die keinen Tauschwert besaßen. „Neue Kalender behielt ich rituell immer einige Zeit bei mir“, erzählt sie, „um sie später mit Schulfreundinnen zu tauschen.“

Irina sammelte als Sechsjährige schon eifrig Bonbonpapiermade in the USSR.

Ihr Verlangen galt den Papierchen, auf denen kleine Geschichten abgebildet waren. Ihre Lieblingsszene stellte ein kleines Mädchen dar, das einen zu seinen Füßen liegenden Hund dazu bringen will, nach etwas in seiner Hand zu schnappen - dementsprechend hieß das Bonbon denn auch „Nimm’s weg!“. Diese Papierchen übten nicht zuletzt so eine enorme Faszination aus, weil sie oft viel bunter und fröhlicher gestaltet waren als die Kinderbücher der damaligen Zeit. Bonbons stellten das große Thema unserer Generation dar. Ich könnte mit meinen Altersgenossen noch heute stundenlang darüber fachsimpeln. 
Einige Moskauer Süßwarenfabriken produzieren derzeit wieder Bonbons mit altem Papierdruckmuster und (fast) originalgetreuem Geschmack. Eigentlich würde Irina das Bonbonpapiersammeln gerne wieder aufnehmen. Aber ihre Lebensform als Erwachsene lässt es wohl leider nicht zu.

Und was sammeln alle diese Menschen heute?

Alik und Alexandra sammeln Bewegungen! „Wie geht das?“, fragte ich sie. „Ist das nicht ein ziemlich seltsames Sammelobjekt?“ – „Es ist ganz einfach“, erklärten mir die beiden. „Wir sitzen im Café und beobachten durch das Fenster, wie sich die Menschen auf der Straße bewegen. Oft arbeiten wir dann die ‚Fundstücke‘ in unsere Tanzperformances ein. Unsere Sammlung bewahren wir in unserem Gedächtnis auf, ein Album brauchen wir dafür nicht!“ 
Ru sammelt heute kein Bonbonpapier mehr, aber Märchen. Nicht die gedruckten, sondern die aus dem Internet. „Ich schreibe selbst Märchen. Das Netz ist ein richtiges Märchenlabor. Ich kann beobachten, wie dort neue Denkweisen und Kommunikationsformen entstehen, um das Märchenhafte darzustellen.“ 
Irina sammelt Biografien von Menschen aus Russland, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelebt haben. „Etwas Geheimnisvolles liegt in der Gefühlswelt dieser Menschen. Ich liebe die Romantik dieser Zeit, der wir uns nur aus der historischen Perspektive annähern können. Solche Biografien sind wie ein Heilmittel für mich, auch wenn das naiv klingen mag!“ 
Alexej sammelt Bilder. Solche, die überall im Internet zu finden sind: schöne, nackte Körper, Naturbilder, Tiere. Besonders gerne sammelt er Fotos von Wildkatzen. Einer Art des Sammelns, schwört Alexej, werde er aber nie frönen: „Fett am eigenen Körper ansammeln!“