Autor: Antje Mayer
Erschienen in: „Datum“ Nr. 4/2004

Being Gustav Klimt

Das Leben des Wiener Womanizers Gustav Klimt

Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Zeitmaschine wie in dem neuen Michael-„Bully“-Herbig-Film „(T)Raumschiff Surprise“ und die blonde Veronica Ferres würde, sagen wir um 1901, bei dem österreichischen Maler Gustav Klimt in der Josefstädter Straße 21 in seinem Atelier landen. Würde der vom Rudern braun gebrannte und athletisch trainierte Künstler der deutschen Filmwalküre gefallen? „Einem lustigen Faun“ hätte Klimt mit seinen stechenden Augen und seinem wild gelockten Haar angeblich nicht unähnlich gesehen, meinte einmal Arthur Schnitzler nach einer Begegnung mit ihm. Sicher trägt der bärtige Künstler wie immer seinen kimonoartigen blauen Malerkittel, sein Markenzeichen. Ein Kleidungsstück, das er nur selten ablegt und ebenso selten wäscht. Einen seltsam muffigen Geruch verströmt er, seine Geheimratsecken leuchten speckig und in einem breiten Wienerisch schäkert er ziemlich direkt mit den kecken Nacktmodellen im Atelier. Um ihn herum streichen hungrig acht Katzen zwischen Kreide, Pinseln und Skizzenblättern. 
Und nun die Preisfrage! Hätte Klimt Ferres vernascht? Hätte einer der verführerischsten Womanizer des Wiener Fin de Siècle die Deutsche auf der Ateliercouch flachgelegt? Hätte er sie wenigstens porträtiert? Hätte er sie ebenso behandelt, wie er es – alle katholisch-konservativ geprägten Konventionen der Zeit ignorierend – mit vielen Frauen aller Schichten tat? Nein, hätte er nicht. Klimt konnte nämlich Blondinen zu Tode nicht ausstehen und malte auch nie eine. Als Ferres das erfuhr, soll sie ziemlich konsterniert dreingeschaut haben. Die Rolle der brünetten Klimtgefährtin Emilie Flöge bekam sie trotzdem. 



Aber von vorne. Klappt alles mit dem Geld, will der chilenisch-französische Filmregisseur Raúl Ruiz ab kommenden November, spätestens aber ab Frühjahr nächsten Jahres, mit den Dreharbeiten zu einem Film über das Leben von Gustav Klimt beginnen, an Originalschauplätzen in Wien und am Attersee, dem alljährlichen Sommerdomizil des Künstlers. Klimt wird von Hollywoodstar John Malkovich gespielt, der sich Veronica Ferres ausdrücklich als seine Partnerin gewünscht haben soll. Da es sich um eine europäische Koproduktion handelt, möchten alle finanziell beteiligten Länder, Österreich, Deutschland, Frankreich, England und Italien, ihre Stars in den Film hineinreklamieren. Sophie Marceau (F) ist im Gespräch, auch John Hurt (UK). Ob sie für europäische Gagen vor die Kamera treten würde, wird gerade mit dem amerikanischen Hollywoodstar Lucy Liu („Kill Bill“ und „Drei Engel für Charlie“) verhandelt. 


Die Verfilmung ist ein logischer Schritt angesichts der systematischen Klimt-Vermarktung, die von Wien aus mittlerweile die ganze Welt erfasst hat. „Wolferl“ Mozart und Kaiserin „Sisi“ lassen grüssen. Kaum ein Ding des alltäglichen Lebens, das es nicht im überteuerten Klimt-Design gibt: Seien es Klimt-Münzen, Klimt-Fliesen, Klimt-Tapeten, Klimt-Uhren oder Klimt-Krawatten. Der Leopold Museumsshop setzt dahingehend echte Maßstäbe.

Nicht nur in Wien setzt man mit seinem massentauglichen Sohn sehr viel Geld um. Seit dem vergangenen Jahr wirbt auch die Tourismusregion Attersee mit ihrem prominenten Sommergast, der dort seine berühmten Landschaftsbilder schuf. Neben Führungen und Info-Stellen um den See wird auch ein „Klimt-Package“ (www.attersee.at) zwischen 99 und 194 Euro angeboten: Dazu gehören, Originalzitat, neben drei Nächtigungen, eine Fußführung entlang des Themenwegs Gustav Klimt, eine Klimt-Pralinenpackung, ein Klimt-Frühstück mit Klimt-Guglhupf (mit Schlag), ein Glas Klimt-Cocktail in, genau, der Klimt-Bar und als Draufgabe gibt es einen Klimt-Eisbecher. Letzterer wird übrigens mit Karamell und Krokant serviert. Beides soll wohl auf die „goldene Periode“ des Künstlers anspielen. 



Was nur ist so faszinierend und massentauglich an Gustav Klimt und seiner Kunst? Klimt wurde schon zu Lebzeiten als Superstar gefeiert, seine Kunst ging von Anfang an weg wie die warmen Semmeln. Seine Fans waren nicht nur die Frauen, auch der Staat schätzte anfangs seine Arbeit, das moderne Großbürgertum in Wien sowieso. Selbst die Nationalsozialisten verdammten ihn nicht als „entartet“. Klimt hätte es sich wohl zu Lebzeiten nicht träumen lassen, dass seine besten – meist jüdischen – Kunden von jenen zwangsenteignet, vertrieben und getötet wurden, die 1943 im Wiener Künstlerhaus posthum eine der größten Klimt-Ausstellungen im 20. Jahrhundert veranstalten sollten. Ein Event mit Naziraubkunst, die sich die Erben der einstigen Besitzer nun teilweise mühsam vom österreichischen Staat zurückklagen müssen.

Seinen breiten Wiener Dialekt schnappt Klimt in Wien-Baumgarten auf, wo er 1862 in der Linzerstraße 247 geboren wird und in einfachen Verhältnissen aufwächst. Er ist Sohn des Ziseleurs Ernst Klimt und dessen Frau Anna, eine geborene Finster. Klimt ist ein ziemliches Muttersöhnchen und ein überzeugter Junggeselle dazu, der nach dem Tod seines Vaters mit der verehrten Frau Mama wohnt, außer in den Sommermonaten. Als sie 1915 sterben wird, ist er angeblich so untröstlich, dass er ihr schon drei Jahre später, 1918, mit gerade einmal 55 Jahren, nach einem Schlaganfall in den Tod folgt. Aber all das tut seiner faszinierenden und geradezu magischen Ausstrahlung, der die Frauen reihenweise erliegen, keinen Abbruch. Ruhm und Geld machen bekanntlich anziehend. Klimt ist zur Jahrhundertwende schließlich schon als Hauptmeister des Wiener Jugendstils über die Grenzen hinaus bekannt und einer der am besten verdienenden Künstler Europas.

Ihm werden seine noch nassen Ölbilder förmlich von der Staffel gerissen. Unter anderem auch deswegen, weil es Klimt offensichtlich schwerfällt, ein Ende zu finden. Zum Teil fertigt er Hunderte Skizzen für eine Arbeit an. Das Zuckerl: Man bekommt sie anschließend zur Leinwand noch extra dazu. Aber die Kunden hängen diese Blätter nicht auf. Als vollwertige Kunstwerke gelten sie damals noch nicht. Bis es jedoch zur Übergabe kommt, kann viel Wasser die Donau hinunterfließen. Bis zu einem Jahr tüftelt Klimt zuweilen an einem Porträt. Trotz seines Schneckentempos wird er zeitlebens eine Menge geschaffen haben: annähernd 300 Bilder und über 3.000 Zeichnungen.

Ohne Fleiß kein Preis, aber ein begnadeter Selbstvermarkter ist Klimt trotzdem. Für ein Porträt aus seiner Hand werden die reichen Damen der bürgerlichen Wiener Oberschicht in Hinkunft vergleichbar so viel hinblättern wie für manche große Installationen von Franz West heute (bis zu 600.000 US-Dollar, Quelle: „Art Now“). Dass dessen Werke in knapp hundertfünfzig Jahren bei Auktionen allerdings Fantasiepreise von sage und schreibe 26 Millionen Euro erzielen werden, wie 2003 bei Sotheby’s das Klimt-Bild „Landhaus am Attersee“ (1914), erscheint unwahrscheinlich. Für eine einzelne Zeichnung (!) von Klimt muss man heute bis zu 300.000 Euro hinlegen.

Letztendlich dürfte Klimts Erfolg zu Lebzeiten in der von ihm geradezu zelebrierten Verehrung der Frau zu suchen sein, ungeachtet ihres gesellschaftlichen Ranges. Eine Leidenschaft, die ihn selbst begehrenswert macht und die er in seinen vielen für die Zeit künstlerisch avantgardistischen Frauenporträts bildhaft bezeugt. Er liebt den Typ Frau „geheimnisvolle Unnahbare“ à la Greta Garbo oder Marlene Dietrich. Klimt könnte man mit dem jüngst verstorbenen Fotografen Helmut Newton vergleichen. Von ihm abgelichtet zu werden, war wie ein Nobelpreis für die eigene Schönheit. Den Ausdruck „Vamp“ kennt man zur Jahrhundertwende zwar noch nicht, aber das ist, was Klimt aus den Frauen macht: dunkle Augen, tiefroter Mund, blasser Teint, halb Körper, halb Ornament, nicht ganz von dieser Welt, Fürstin der Weiblichkeit. Todschick. 
Mit seiner zwölf Jahre jüngeren Lebensfreundin Emilie Flöge (1874–1952), die selbst aus eher einfachen Verhältnissen stammt und sich zur erfolgreichen wie emanzipierten mittelständischen Unternehmerin mit 80 Mitarbeiterinnen eines der angesagtesten Modesalons von Wien hocharbeitet, führt er eine moderne freie Lebensgemeinschaft, vergleichbar mit der 68er-Kultbeziehung zwischen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. 


Für seine Freundin entwirft Klimt Stoffe, mit denen sie die modebewusste Klientel ihrer Zeit einkleidet, von der wiederum er sein Geld bekommt. Breit angelegte Werbekampagnen designed by Klimt lassen die Kasse klingeln. Eine geschäftstüchtige Symbiose. Heiraten kommt für den Meister nicht in Frage. Er ist ein Playboy, braucht wechselnde Sexualpartner wie andere Drogen. Flöge toleriert das. „Ob schön, ob Regen, jedes Jahr sage ich Dir, wahrlich ehe ich heirat(h)e, hast Du ein Bild von mir“, scherzt Klimt. 
Ein „Frauenversteher“ ist Klimt nicht, der Deal mit den Frauen beruhte eher auf Gegenseitigkeit. Denn würde er nicht die zum Teil enorm betuchten Damen der Wiener Gesellschaft als Mentorinnen hinter sich stehen haben, würde er sich nicht seine unzähligen Sexaffären und seine künstlerischen Experimente erlauben können. Er agiert wie ein Popstar, als „Unantastbarer“ erlebt er seine Exzesse stellvertretend für die in einer Modernisierungsphase befindliche Gesellschaft. Der Maler gibt dem akademisch-liberalen Großbürgertum die Argumentation für einen neuen, offenen und aufgeschlossenen Lebensstil in die Hand, zu dem auch die Emanzipation der Frau gehört. Ein Porträt von Klimt über dem Salon-Sofa gilt für die aufgeschlossenen Schichten so trendy wie heute ein Objekt von Britenstar Damien Hirst (Jahrgang 1965) im Fitnessraum.

Sagen wir, man schreibt immer noch das Jahr 1901. Veronica Ferres hat vielleicht infolge ihrer Zeitreise Hunger bekommen und geht mit Klimt in die „Meierei Tivoli“ frühstücken. Ferres liest ihm aus der Zeitung vor, von dem Skandal, der jüngst um sein Fakultätsbild „Medizin“ für die Universität Wien eskaliert. Das Professorenkollegium lehnt es als hässlich, pornografisch und dem geforderten Programm nicht entsprechend ab. Eine nackte Schwangere hatte er gemalt. Na und? Das ist doch das Leben. Über ein Dutzend uneheliche Kinder hat er ja selbst gezeugt. Maestro Klimt, schließlich legitimer Nachfolger von Malerstar Hans Makart (1840–1884), darf das alles. Oder nicht? Klimt und Veronica Ferres könnten über ihre Midlife-Crisis reden, immerhin sind 1901 beide in diesem Jahr gleich alt: 39 Jahre. 


Erst vier Jahre zuvor, 1897, hat Klimt noch, als Mitbegründer und erster Präsident der Wiener Secession, die Freiheit von staatlicher Einmischung für Kunst und Künstler gefordert. Nun das. Noch weiß er nicht, dass sich drei Jahre später, 1904, der Streit um die Universitätsbilder zu einem der größten Kunstskandale des Landes ausweiten wird, in Folge dessen sogar der Rücktritt der Regierung auf dem Spiel stehen wird. 
Der spätere „Exportschlager der österreichischen Kulturpolitik“ (siehe Klimt-Experte Tobias G. Natter im Interview) kauft, um den Streit zu beenden, seine Fakultätsbilder schließlich kurzerhand wieder zurück. Sie werden 1945 bei einem Brand zerstrört.
„Ich bin überzeugt, dass ich als Person nicht extra interessant bin … Ich bin ein Maler, der Tag um Tag vom Morgen bis in den Abend malt“, erklärte Klimt einmal auf die Frage, warum es vom ihm keinerlei Selbstporträts gebe. Ein Selbstbildnis soll er doch heimlich geschaffen haben, noch dazu eines der am meisten reproduzierten Bilder der Gegenwart. „Der Kuss“, entstanden 1907/08, gehört zu Klimts goldener Periode. Es zeigt angeblich ihn selbst mit Emilie Flöge in inniger Umarmung. 
Stoff für einen Film gibt das Leben des charismatischen Künstlers allemal her, nicht zuletzt weil sein zweiter Teil vor dem Hintergrund einer historisch ereignisreichen Epoche spielt und die Zeit von der Jahrhundertwende bis zur Gründung der Ersten Republik im Jahr 1918 abdeckt. 1892 hat Klimt mit seinem Bruder Ernst sowie Franz Matsch, den er an der Wiener Kunstgewerbeschule kennengelernt hat, das Start-up-Unternehmen „Maler-Compagnie“ gegründet und einen Haufen Geld und Auszeichnungen als historistisch malender Staatskünstler eingeheimst.

Mit der Zeit aber beginnt den Karrieristen sein Business zu nerven. Er will seine eigenen Sachen verwirklichen. 1897 gründet er gemeinsam mit anderen Künstlern die Wiener Secession, die den Anschluss der österreichischen Kunst an die internationale Avantgarde und die Anbindung der Kunst an das alltägliche Leben fordert: Der Slogan „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“ findet so seinen Platz am Gebäude der Wiener Secession, das der gerade einmal 30 Jahre alte Architekt Joseph Maria Olbrich entwirft. Die Secessionisten beweisen auch ihren Sinn für Marketing: Die in- und ausländischen Zeitungsberichte werden von einem eigenen Pressebeobachtungsdienst gesammelt. Im Umfeld der Secession findet eine Wende in Klimts Leben statt. Sein Stil wird noch radikaler. Er hat keine Hemmungen mehr davor, Hässliches, Nacktes, Erotik und Sexualität zu zeigen. Er mischt frei abstrakte und realistische Formen, setzt nicht nur Farbe, sondern auch Metall, Glas und Keramik ein, entwirft Poster genauso wie Schmuck und Stoffe und illustriert für Zeitschriften wie etwa die Secessions-Postille „Ver sacrum“. Kaiser Franz Joseph, so heißt es, konnte Gustav Klimt nie leiden. Seine Chauffeure wurden angeblich dazu angehalten, nicht an Gebäuden vorbeizufahren, die Klimt'sche Werke zeigten.

Den letzten beiden Jahrzehnten in Klimts Leben soll auch die Filmbiografie gewidmet sein, sagt Regisseur Raúl Ruiz, der das „atmosphärische Bild einer genialen Künstlerpersönlichkeit“ entstehen lassen möchte. Die Wiener Produktionsgesellschaft epo-film lässt allerdings verlauten, keinen Blockbuster schaffen, sondern 2006 in Cannes reüssieren zu wollen.