Autor: Antje Mayer
Erschienen in: fashion paper, 2006

fashion paper

Balkan 4x forever!

Endlichkeit und Unendlichkeit sind sich in diesem Teil der Erde näher als anderswo.

Auf dem Balkan wird man geboren, man heiratet, man stirbt. So wie es Menschen überall auf dieser Welt tun, aber auf dem Balkan tut man es trotzdem ganz anders. Endlichkeit und Unendlichkeit sind sich in diesem Teil der Erde näher als anderswo, so wie der Name „Bal-kan“ zwei gegensätzliche Worte beinhaltet, die dennoch zusammenpassen: „Blut“ und „Honig“. Vier Impressionen.

Forever I: Bis der Tod euch scheidet, oder warum die Liebe auf dem Balkan unendlicher als anderswo ist.
Eine der rührendsten traditionellen Zeremonien, die ich kenne, ist die „Kanagjeci“, die man im Kosovo in der Nacht vor der Hochzeit begeht. Der junge kosovarische Künstler Erzen Shkololli hat dieses Ritual in einer gleichnamigen Videoarbeit dokumentiert und das Thema „Braut“ in seiner Fotoserie „Bride“ bearbeitet.
Im Kreise ihrer weiblichen Angehörigen, Mutter, Schwester, Cousinen und Freundinnen, verabschiedet sich die Braut – oft gerade einmal 15 Jahre alt – für immer von ihrer Familie. Nach dem „Kanun des Lek Dukagjini“, dem 600 Jahre alten albanischen Gewohnheitsrecht, nach dem in manchen Landstrichen des Kosovos heute noch gelebt wird, „gehört“ sie nämlich ab dem Tag ihrer Hochzeit der Familie ihres Ehemannes. Vielerorts wird der für die Frau noch ausgesucht. Sie hat ihm ohne Einschränkungen zu gehorchen, muss ihm treu sein und kann sich – außer in wenigen Ausnahmen – zeitlebens nicht mehr von ihm scheiden lassen. 
Die Frauen sind in den meisten Fällen vom Erben ausgeschlossen. Nur nach dem Tod des Ehemannes kehrt sie – und lediglich wenn schon alle Kinder verheiratet sind – in ihre ursprüngliche Hausgemeinschaft zurück. Wenn sie gegen den Kanun verstößt, darf die Blutrache vollzogen werden. Die einzige Möglichkeit, sich der Ehe zu entziehen, ist zu schwören, ein Leben lang Jungfrau zu bleiben, dann werden ihr gewisse männliche Rechte zugeschrieben.
Bei der „Kanagjeci“ sitzt die Braut mit einem roten Tuch, als Zeichen für Blut, völlig verhüllt inmitten der Frauen, wiegt sich, weint bitterlich stundenlang, hysterisch schreit sie, um sie ebenfalls weinende Frauen, die sie trösten: Die Kindheit der jungen Braut ist ab morgen für immer vorbei, als Jungfrau erwartet sie am nächsten Tag ihre erste sexuelle Erfahrung mit einem Mann, den sie wahrscheinlich das erste Mal zu Gesicht bekommt, die Trennung von ihren geliebten Menschen ist unabwendbar.
Zum Ende der Zeremonie bringt man der Braut einen Topf mit Erde aus dem Garten ihrer Eltern. Sie taucht beide Hände in den braunen Schlamm und drückt ihre Handabdrücke auf einen Karton. Nur diese „Spur“ wird den Eltern von der Tochter bleiben.

Forever II: Tito forever!
Sage und schreibe 20 Millionen Pilger besuchten Titos Mausoleum in der serbischen Hauptstadt seit seinem Tod am 4. Mai 1980. Dieses fand ich nicht etwa auf einem Friedhof oder auf einem großen Platz wie in Moskau vor, sondern praktischerweise im einstigen Siebzigerjahre-Flachdach-Sommerbungalow des einstigen jugoslawischen Führers. „Der Marschall“, so sagt man in Belgrad, „ist einfach zu Hause geblieben.“
Diese James-Bond-Luxus-Villa befindet sich über den Hügeln der Stadt und heißt poetisch „Haus der Blumen“ (Kuća cveća). Heute kommen nur noch ein paar Hundert Verehrer pro Woche. Ein Bund vertrockneter Blumen vor dem Schrein; in den Indoor-Beeten rund herum wächst struppiges Gras, im Vestibül ein vollgekritzeltes Kondolenzbuch, in dem man „Tito forever – I love you“ lesen kann. Keine Ehrengarde mehr, nur noch eine Videokamera und ein grimmiger Bodyguard und ein letzter respektloser Gruß der NATO: große Bombensplitter, direkt neben dem Schrein. Die fielen durch das Dach. Überreste des „Friedensbeschusses“ im April 1999 auf die Villa der Miloševics, die nur ein paar Hundert Meter hinter der letzten Ruhestätte des einstigen Partisanenführers steht. „Die leere Munition wird zum Gedenken an die Bombennächte von Belgrad nicht weggeräumt“, verrät mir der Bodyguard. Ein skurriler Ort.

Forever III: Wie ausgerechnet der chinesische Kung-Fu-Star Bruce Lee auf dem Balkan Unsterblichkeit erlangte.
Während des Krieges hatten sich die Schergen des Balkankrieges gegenseitig ihre Helden von den Sockeln geschossen. Die alten Herren taugen nun nicht mehr zur Verehrung und dennoch ist die Sehnsucht nach neuen Vorbildern groß.
Als ich Mostar (Bosnien-Herzegowina) Ende des vergangenen Jahres besuchte, erfuhr ich, dass sich die dortige multi-ethnische Stadtregierung kürzlich, nach jahrelangem Hin und Her, endlich auf ein neues Heldenmonument einigen konnte. Man hatte jemanden gefunden, der in den Augen aller Ethnien eine Ehrung für die Ewigkeit verdient, nämlich keinen Geringeren als ausgerechnet den asiatischen King of Kung Fu: Bruce Lee. Sein Denkmal soll nun an einem zentralen öffentlichen Platz in Mostar aufgestellt werden.
Und was hat Lee mit der Mostar zu tun? „Nichts“, meint Nino Raspudić von der Künstlerinitiative Urban Movement, auf dessen Konto die Aktion geht. „Wir hoffen einfach, dass in Zukunft kaum einer mehr über Mostar als die ‚geteilte Stadt’, als die ‚Stadt der 20.000 Toten’ reden wird, sondern sie als Ort in Erinnerung bleibt, an dem eben das Bruce-Lee-Monument steht. Liebt nicht fast jeder den Kung-Fu-Star?“, fragt Raspudić. „Er rauchte nicht, er trank keinen Alkohol. Vielleicht war er dumm, aber er war verdammt schnell.“

Forever IV: Enden wir mit dem Ende.
Auf einem kleinen Belgrader Friedhof entdeckte ich einst einen Grabstein. Es war das des jungen Dragan S. Mit gerade einmal 22 Jahren hatte er die Augen für immer geschlossen. So stand es kyrillisch neben einem serbisch-orthodoxen Kreuz auf dem schwarzen Steinblock eingraviert. So bigott die Vorderseite seines Grabsteines war, so überraschend weltlich seine Rückseite. Dort war ein Porträt des lächelnden Dragan à la Knight Rider mit zurückgegeltem Haar, in Jeans, nacktem Oberkörper und offener Lederjacke abgebildet, hinter ihm hatte man ein teures Sportauto mit Spoiler, daneben eine Rolex und sogar ein Surfbrett in den Stein eingemeißelt. Statussymbole, die sich der junge Serbe vor seinem Tod „erarbeitet“ hat. Fragen wir nicht wie. Was will uns dieser Grabstein sagen? Und wenn er nicht gestorben ist, dann liegt er doch am Strand von Malibu? Wer weiß.