Herausgeber: Franz Pomassl & Antje Mayer (Laton & REDAKTIONSBUERO OST)
Aufgenommen: 1998/1999 Benzo-Studio, Moskau
Text und Sound: Richardas Norvila
Covertext und Textediting: REDAKTIONSBUERO OST
Fotos: Alexander Podosinov, Dimitrij Redkin
Erscheinungsjahr: 2004 (Laton 028)


Laton

„Elektronische Texturen“ (Heinrich Deisl, Rezension/Skug)

 

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БЕНЗО

THE TAPES

Diese CD-Rarität ist das Ergebnis einer gemeinsamen Moskaureise von Franz Pomassl und Antje Mayer, auf der sie die russische Elektronic-Music-Szene erforschen und kennenlernen wollten. Man sagte ihnen, sie sollten einen Spinner außerhalb von Moskau besuchen. Die Reise vom Moskauer Zentrum in das graue Wohnviertel, wo der Mann wohnte, dauert gut zwei Stunden. Was die Forscher in einer kleinen Einzimmerwohnung in einem unscheinbaren Wohnblock entdeckten, war ein genialer Musiker mit einer ebenso genialen Sammlung alter russischer Synthesizer. Die drei wurden Freunde und wenig später kam diese Sammlung „russischer Elektronikvolkslieder“ heraus. Für Richardas Norvila der Anfang einer internationalen Musikerkarriere.

Über die CD

Richardas Norvila aka Benzo begann 1998 als freischaffender Komponist und Psychotherapeut nach alten sowjetischen Analoggeräten in Moskau zu suchen und entwickelte eine Art „Therapie“ für gebrechliche und kaputte oder nach seinen Worten „kranke“ Synthesizer. Mit der Zeit wuchs die Zahl der rehabilitierten Patienten in Richardas´ Technopark, einer Ein-Zimmer-Plattenbau-Wohnung am Stadtrand von Moskau, in der sich die Geräte zwischen vergilbten Blümchentapeten mittlerweile türmen. Die vielen Geräte, die Richardas gesammelt hat, sind alle dadurch zu Unikaten geworden, dass sie nicht einfach repariert, sondern adaptiert und umgebaut wurden. So klingt auch seine Musik. Die persönlichen Musikstücke erzählen in diesem einzigartigen CD-Cover, visuell und sprachlich in Klänge verhüllt, kleine Stadtgeschichten und sind Porträts von Menschen, die in dieser Metropole leben. Lustig, melancholisch, zum Teil albern bis niedlich sind es keine Arrangements, keine durchdachten Songs, sondern Improvisationen, die dem Spaziergang eines Stadtflaneurs ähneln, der über genug Zeit verfügt, dem Wahrgenommenen Aufmerksamkeit zu schenken.


Eines seiner experimentellen Soundstücke „Wo bin ich zu Hause?“ kommentiert Norvila folgendermaßen:


„Wo bin ich zu Hause? ist eine typisch russische Frage. Die Metaphysik ist ein wichtiger Aspekt der russischen Seele. Viele Menschen, die in Moskau leben, kommen aus der Provinz und sind ratlos, was sie in dieser verrückten Stadt tun sollen. Die Frage ist wörtlich gemeint. Aber sie ist auch eine Suche nach den Wurzeln ihrer spirituellen Existenz. Eine Frage, die Menschen stellen, die keinen Frieden in dieser Metropole finden können.“